Um die Folgen von Armut für Familien ging es beim Vortrag von Catrin Boldebuck, die dazu das Buch „Jedes fünfte Kind“ geschrieben hatte. Es entspann sich eine längere Diskussion.
Armut habe in Deutschland in der Regel strukturelle Gründe, das Schulsystem verstärke Unterschiede noch, sei eines der ungerechtesten in reichen Industrieländern, so Catrin Boldebuck.
Soziale Herkunft entscheide über Bildungserfolg. „Lehrer urteilen bereits in der Grundschule nach Vornamen“, schickten Kinder nicht aufs Gymnasium, wenn Unterstützung durch Eltern fehle.
Kinder bessergestellter Eltern hätten eine zweieinhalbfach höhere Chance, aufs Gymnasium zu kommen. Unis würden von Leuten besucht, die Zuhause Geld hätten.
Jedes fünfte Kind lebt in prekären Verhältnissen
In Deutschland lebe jedes fünfte Kind in prekären Verhältnissen, 43 Prozent aller Alleinerziehenden, meist Frauen, seien arm. Betroffen seien vor allem Kinder mit vielen Geschwistern, Migrationshintergrund oder Eltern mit niedrigem Bildungsniveau.
Laut Boldebuck geht es nicht unbedingt um fehlendes Essen. Allerdings seien arme Kinder schlechter ernährt, deshalb entwicklungsverzögert, in schlechteren Kitas oder würden öfter krank, fühlten sich mangels Markenklamotten gemobbt, seien seltener in Vereinen.
Armut werde schnell bagatellisiert, auf Faulheit geschoben, gelte als Versagen der Betroffenen. Dahinter stecke der Grundgedanke der Leistungsgesellschaft, und anderen die Schuld zu geben werte das eigene Ego auf. In Deutschland hätten Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen immer schlechtere Chancen, nach dem Motto „Wer hat, dem wird gegeben“.
Bürgergeld sei Armut Deluxe mit fünf Euro für die tägliche Mahlzeit Sechs- bis Dreizehnjähriger. Jährlich 60 000 Kinder ohne Schulabschluss sei volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Kinderarmut koste jedes Jahr 100 Milliarden Euro.
Probleme mit Demokratie sind möglich
„Wenn wir das nicht angehen werden wir Probleme mit dem Wohlstand und der Demokratie bekommen“. Denn 59 Prozent armer Familien glaubten, dass die nicht funktioniere. Trotzdem laufe das immer unter der Rubrik „Das machen wir, wenn wir es uns leisten können“. Dabei lohnten sich entsprechende Investitionen doppelt und dreifach.
Zu überlegen sei, Kindern mehr Rechte zu geben, das Schulsystem zu reformieren. Die Einteilung nach Klasse vier sei viel zu früh, Hilfe gebe es erst, wenn eine fünf im Zeugnis stehe. Angesichts der Tatsache, dass jedes vierte Kind nicht lesen könne, forderten Gäste kostenlose Kitas. Allerdings trügen Eltern nur 15 Prozent der Kosten, alle Kitas der Stadt verschlängen jährlich über drei Millionen Euro, so Bürgermeister Michael Rieger.
Gerhard Mengesdorf verwies auf die Pflicht der Eltern zur Erziehung. Dem hielten Boldebuck und andere entgegen, dass die oft mangels Bildungskompetenz dazu nicht in der Lage seien.
Nicht immer auf Hilfe von oben warten
Eine Besucherin rief dazu auf, sich gegenseitig zu helfen, nicht immer auf Hilfe von oben zu warten. Boldebuck sah Möglichkeiten in Vorschulen oder Ehrenamt. Antonia Musacchio-Torzilli, Leiterin der Wirkstadt, appellierte an die Bevölkerung, Lernpatenschaften zu übernehmen. Rieger hatte die Idee, so etwas über die Wunschbaumaktion zu organisieren.
Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Arbeitskreis Frauen, bestehend aus Wirkstatt, Diakonie und Theater im Deutschen Haus, Unterstützung kam von der Bürgerstiftung.