Berührte mit ihren erschütternden Schilderungen: Faten Mukarker, die in ihrer Geburtsstadt Bethlehem lebt. Foto: Karina Eyrich

Wenn Aktualität auf Qualität trifft, kommt dabei ein Abend wie der im Pfarrsaal von St. Afra heraus: Dort hat Faten Mukarker, Friedensaktivistin, Buchautorin und Palästinenserin, tiefen Eindruck hinterlassen mit ihrem Vortrag zur Lage in ihrer Heimat.

Wie Jesus ist sie in Bethlehem geboren, in einem Dorf bei Bonn aufgewachsen – vormittags in der deutschen und nachmittags in der arabischen Welt ihrer Eltern – und zum Heiraten in ihre Heimatstadt zurückgekehrt: Faten Mukarker, eine Freundin von Gemeindereferentin Anja Hermle, hat als Gast der katholischen Kirchengemeinde St. Afra beeindruckend plastisch von den Folgen des israelischen Krieges gegen die Terrororganisation Hamas erzählt – und davon, warum in Israel und Palästina kein Frieden einkehren will.

 

„Kein einziger Tag war ohne Besuch“, sagte sie mit Blick auf diverse Besatzer in der Geschichte des Landes. Die Osmanen hätten „unsere Männer als Kanonenfutter mit in ihre Kriege genommen“, und heute lebten nur noch 0,8 Prozent Christen im Westjordanland und dem Gaza-Streifen. Heute sei „Zukunft ein Fremdwort“ in ihrem Land, aus dem die Jugend zum Studium ins Ausland ziehe und nicht mehr zurückkomme.

„Wie lebt man im Heiligen, unheilig gemacht Land?“, fragte sie rhetorisch: „Entweder bei uns ist Krieg, oder wir haben Unruhen oder es ist friedlich. Aber Frieden ist nie.“

Beim Osloer Friedensvertrag, geschmiedet von Palästinenserführer Jassir Arafat, dem israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und US-Präsident Bill Clinton, „hieß der Tausch: Frieden gegen Land“. Gaza und das Westjordanland gingen an die Palästinenser zurück, die Golanhöhen habe Israel sich schon „einverleibt“ gehabt, und die Halbinsel Sinai an Ägypten zurückgegeben.

„Mit Gebetsriemen, Kippa und Maschinengewehr“

Dann aber hätten „nationalistisch-religiöse Siedler, mit Gebetsriemen, Kippa und Maschinengewehr ausgestattet, Hetzjagd auf Rabin gemacht“, und bei den Extremen sei sein Mörder heute ein Held. „Unsere Hoffnung hat er mitgenommen in sein Grab“, sagte Faten Mukarker, aus deren Stimme den ganzen Vortrag über der Schmerz ihrer Landsleute sprach.

„Der Frieden ist hinter der Tür. Wir müssen nur aufmachen und ihn reinlassen“, beschrieb sie die Situation nach dem Besuch Papst Johannes Pauls II. in Bethlehem, dessen Infrastruktur zum Jahr 2000 mit internationaler Unterstützung auf- und ausgebaut worden sei. Was Ariel „Bulldozer“ Sharon, Israels Ministerpräsident, beim Gang mit 140 Bodyguards zur Al Aqsa-Moschee zunichte gemacht habe.

Die Gewaltspirale dreht sich immer weiter

Die Menschen, die ihn mit Schuhen bewarfen (im Islam ein Zeichen der Missachtung; Anm. d. Red.), hätten die Soldaten getötet, die zweite Intifada – arabisch für „Abschütteln“, gemeint ist der Aufstand der Palästinenser gegen Israel – sei ausgebrochen, die Gewaltspirale noch schlimmer gewesen: „Dieses Land findet immer noch eine Steigerung“, so Mukarker.

Die Zuhörer lauschten betroffen den Schilderungen der palästinensischen Friedensaktivistin. Foto: Eyrich

Und dann: der 7. Oktober 2023. „Schon vor 17 Jahren hat Israel Gaza abgeriegelt“, erläuterte die Referentin die Vorgeschichte des Angriffs der Hamas gegen Besucher eines Festivals. „Israel entscheidet, ob die Menschen Strom und Benzin haben, was und wie viel sie essen.“ Binnen 18 Jahren hätten die Palästinenser vier Kriege erlebt. „Aber ich habe noch nie eine Rakete vom Gaza nach Israel fliegen sehen, die ein Hochhaus mit Menschen darin in Trümmer gelegt hat.“

„Netanjahu hat vier Warnungen ignoriert“

Vier Vorwarnungen vor dem Terroranschlag habe Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ignoriert, sich auf den Zaun um Gaza verlassen, und die israelischen Soldaten hätten die gewalttätigen Siedler im Westjordanland geschützt anstatt der Festival-Besucher.

Ihr bitteres Fazit: „Kein Politiker dieser Welt hat sich je mal die Mühe gemacht, zu fragen, warum da immer Kriege sind. „Was denkt Ihr, wird im Gaza aufwachsen – Engel? Ihr züchtet Menschen, die bereit sind zur Gewalt. Bis zum jüngsten Tag?“ Das Fehlen der Touristen bringe große Not, auch nach Bethlehem. Gegenseitige Besuche zwischen ihr und ihren israelischen Freunden seien nicht möglich. „Israel schützt keine Zivilisten, und Präsident Herzog sagte: ‚Im Gazastreifen ist niemand unschuldig!‘ Auch nicht die Neugeborenen?“

Ärzte amputierten ohne Narkose, täglich gebe es Tote, und Israel schneide gar die Wasserversorgung für Palästinenser ab (siehe Info). Inzwischen seien 80 Prozent des Gaza zerstört, wo 2,3 Millionen Menschen auf 365 Quadratkilometern gelebt hätten. „Wie soll das Trauma je heilen?“

„Vielleicht fehlt nur eine Stimme zum Frieden“

Eindringlich appellierte Mukarker „an Euer Gewissen, Eure Menschlichkeit: Wir sind Christen. Wir müssen die Stimme erheben, wenn Unrecht geschieht.“ Und damit schloss sie den Kreis zu ihrer Geschichte am Anfang ihres Vortrags, in der die 3 741 953. Schneeflocke – ein Gebilde ohne Gewicht – einen Ast am Baum brechen lasse. „Vielleicht fehlt ja nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden in dieser Welt!“

Info: Der tägliche Kampf der Palästinenser um Wasser

Ohne sauberes Wasser
müssten nicht nur die Ärzte im Gaza-Streifen täglich operieren, berichtete Faten Mukarker in Obernheim. Auch der Bevölkerung fehle Wasser. Die Tanks auf den Dächern füllten sich im Sommer „einmal in zwei Monaten“. Die Israelis bohrten tiefe Grundwasserbrunnen, was sie den Palästinensern schon 1967 verboten hätten. „Israel nimmt 80 Prozent unsers Wassers für sich und lässt uns nur 20 Prozent davon zurückkaufen“, monierte sie. In israelischen Vorgärten sei der Rasen selbst im Hochsommer grün, weil er bewässert werde, während das Wasser den Palästinensern hinten und vorne fehle.