Mit Antisemitismus hat sich der Historische Verein Königsfeld befasst. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Historische Verein Königsfeld befasste sich mit Antisemitismus. Kreisarchivar Clemens Joos behandelte die Situation im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Einen mit bedrückenden Informationen gefüllten Abend erlebten die Besucher im Haus Katharina von Gersdorf der Zinzendorfschulen. Wolfgang Schaible, der Vorsitzende des Historischen Vereins Königsfeld, erklärte zunächst, wie es zu diesem Abend gekommen sei.

 

Vor 18 Monaten erhielt der Verein ein Päckchen mit Manuskripten zum Thema „Der Berliner Antisemitismusstreit“. In diesem Pamphlet aus dem Jahr 1879 beklagte Heinrich von Treitschke, dass Juden im Deutschen Reich zu viel Einfluss hätten und ganze Branchen wie das Pressewesen, auch die Wissenschaft beherrschen würden. In von Treitschkes 1880 erschienenem Aufsatz „Unser Judentum und wir“ stand „Die Juden sind unser Unglück“.

Harry Bresslau widersprach und verlor seine Stelle an der Kaiser-Friedrich-Universität. Er wechselte an die neu gegründete, liberal gesonnene Universität in Straßburg.

Albert Schweitzer kennengelernt

Dort lernte seine Tochter Helene ihren späteren Mann, Albert Schweitzer, kennen.

Robert Ogman, Referent der Landeszentrale für politische Bildung, informierte über Antisemitismus. Was ist das, woher kommt er und welche Ausprägungen hat er?

Der Antisemitismus habe eine Geschichte und Kontinuitäten und passe sich den jeweiligen „Erfordernissen“ der Gegenwart an. Werner Bergmann definiere Antisemitismus als mehr als Fremdenfeindlichkeit, auch mehr als ein soziales oder religiöses Vorurteil. Er sei eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme sieht.

In Form und Inhalt verändert

Der Antisemitismus habe im Laufe der Zeit immer wieder seine Form und seinen Inhalt verändert. Antijudaismus komme aus dem Christentum. Seit der Antike und dem Mittelalter würden Juden verfolgt. Juden seien für natürliche Katastrophen und unerklärliche Phänomene der jeweiligen Zeit verantwortlich gemacht worden.

Ghettoisierung, Vertreibung und Pogrome

Folgen davon seien Ghettoisierung, Vertreibung, Pogrome und Zwangsbekehrungen. Zum Schluss seines Referates erwähnte Robert Ogman, was die Öffentlichkeit, Familie, Freundeskreis, Polizei, Justiz und die Schulen gegen Antisemitismus tun können.

Kreisarchivar Clemens Joos behandelte die Situation im Schwarzwald-Baar-Kreis beginnend von der Vormoderne bis in das Jahr 1945. Bereits 1324 seien in Villingen Juden nachgewiesen. „Sie sind ausgeschafft worden, um die Bevölkerung vor diesen zu schützen. Durchreisende sind mit Judenzoll belegt worden“, erläuterte er. Nach dem Gleichstellungsedikt aus dem Jahr 1809 sei die bürgerliche Gleichstellung 1862 vollständig abgeschlossen gewesen. „Faktische Gesellschaftsschranken waren gefallen. Die Juden waren in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sei die Einschränkung der Grundrechte erfolgt. Sogenannte Mischehen seien verboten worden, Ausschluss aus Berufsgruppen folgten.

In Donaueschingen lebten 1938 noch vier jüdische Familien. Aus Schwenningen gelang allen Juden die Flucht, berichtet der Archivar.

Judenstern auf Gedenkstein fast zerstört

„Im Oktober 1939 vermeldete der badische Gauleiter Robert Wagner als ersten Gau Baden als judenfrei. Wohnungen wurden vom zuständigen Landratsamt versiegelt“, erläuterte Joos. Er sieht es als Verpflichtung, nichts zu vergessen. An dem am Bahnhof Villingen errichteten Gedenkstein sei der Judenstern nahezu zerstört. Obwohl die Stadt im Jahr 2023 zugesagt habe, ihn herzurichten, sei bis jetzt nichts geschehen.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde stellte ein Besucher fest, dass keine Lehrer oder Schüler bei diesem Thema anwesend waren. Wolfgang Schaible entließ nach beinahe drei Stunden die Anwesenden mit Albert Schweitzers Worten „Ich lebe inmitten von Leben, das leben will.“