Musik hören ist ein sehr umfangreiches Thema. Das zeigte der Vortrag des in Inzlingen lebenden Oboisten und Komponisten Hansjürgen Wäldele im Wasserschloss.
Das Publikum wurde aktiv mit eingebunden. Normalerweise geht man in den Bürgersaal des Wasserschlosses, um ein Konzert zu hören. Dieses Mal lernte das Publikum, wie man Musik hört.
„Die Kunst des Musikhörens“: So hieß dieser Vortrag von Hansjürgen Wäldele, den er auf Einladung des Wasserschloss-Vereins vor zahlreichen Zuhörern am Sonntag hielt. Es sollte ein Abend mit unterhaltsamen Gedanken und allerhand Klängen werden.
An der Oberfläche gekratzt
Wäldele hatte Material für 90 Minuten dabei, doch es wurden weit mehr. Obwohl der seit einiger Zeit in Inzlingen wohnende Musiker, der in Basel an der Musikschule Oboe und Gehörbildung unterrichtet, seinen Vortrag sehr klug und verständlich in drei Teile gegliedert hatte. Man könne in einem solchen Format wie diesem bestenfalls nur an der Oberfläche kratzen, meinte er, aber immerhin ein paar Anstöße geben, die riesige Felder eröffneten.
Einstieg mit Adorno
Der Oboist und Komponist begann – wie könnte es anders sein – mit Theodor W. Adorno, dem bekannten deutschen Philosophen, Soziologen und Komponisten, einem Kompositionsschüler von Alban Berg und Mitbegründer der Frankfurter Schule.
Dieser Halbgott der Musikwissenschaft, an dem kein Weg vorbeigeht, hat eine Hör-Typologie aufgestellt. Adorno unterscheidet sieben Hörtypen: erstens den „Experten“, zweitens den „guten Zuhörer“, drittens den „Bildungskonsumenten“. An vierter Stelle kommt der „emotionale Hörer“, auf den der „Ressentiment-Hörer“ und der „Unterhaltungs-Hörer“ folgen. Was bleibt dann noch übrig? „Der Rest.“ Adorno charakterisierte damit nicht den Nebenher-Hörer, sondern den musikalisch nicht Interessierten.
Wäldele plädiert aber für einen einfacheren Weg. Er richtet schlicht den Appell ans Publikum: „Hört Musik!“ Und die kam bei dieser Einführung nicht zu kurz mit vielen Musik- und Hörbeispielen.
„Muzak“ ist überall
Wir sind ja von Musik umgeben, wo wir hinkommen, werden wir beschallt: in Kaufhäusern, Restaurants, Autobahnraststätten. „Muzak“ ist überall, eine Musik, die nicht stört und eine angenehme Atmosphäre suggeriert. Um unangenehme Situationen zu entschärfen, ist sie auch geeignet. So nimmt sie in Fahrstühlen die Angst vor dem engen Raum, eine Erfindung aus dem Amerika der 1920er Jahre.
„Musique d’Ameublement“
Eine Musik, der man nicht zuhören soll, hat der französische Exzentriker mit schrägen Ideen, Erik Satie aus Paris, erfunden: die „Musique d’Ameublement“, eine Art möblierte Musik wie ein Tapetenmuster, mit der die Hintergrundmusik angefangen hat.
Nach dieser „Exposition“ kam im Vortrag die analytische Durchführung mit den drei Kapiteln Bauch, Kopf, Herz. Zu jedem dieser Aspekte wusste Wäldele viel und Interessantes zu sagen, begleitet von Klang- und Notenbeispielen, Diagrammen, Schaubildern, lustigen Animationsfilmen und Kinofilm-Ausschnitten. Ein wilder Rag von Benny Goodman war mit seinem schnellen Puls geeignet für die Erklärung von körperlichen Aspekten: Die Pilatus-Barrabas-Stelle aus der Bach-Passion sorgte für die erwartete „Gänsehaut“.
Musik ist Kommunikation
Dass Musik immer auch Kommunikation ist, legte der Referent im Kapitel „Kopf“ dar. Da ging es um Kategorien der Wahrnehmung, um Takt und Rhythmus und die Erwartung beim Musikhören. Wäldele hatte dafür ein Hörspiel vorbereitet mit Klängen wie dem lauten Ticken eines Weckers und Schnarchgeräuschen. Welchen Spaß Komponisten beim Spiel mit Erwartungen haben, verrieten Werke von Joseph Haydn. Aufgelockert hat Wäldele sein Musikkolleg mit interaktiven Beiträgen. So fragte er das Publikum: „Wer hört Musik? Wer hört sie täglich? Und für wen gibt es Tage ganz ohne Musik?“ Da konnte man gemeinsam über Musik nachdenken. Schwieriger war die Abhandlung über Tonartwechsel und Formprinzipien der klassischen Musik, bei der man sehr aufpassen musste.
Sehr bewegend und stark emotional
Der dritte Teil („Herz“) war dann nicht mehr so lang, aber sehr bewegend und stark emotional. Man denke nur an das Lied der Selbstmörder oder an Liebes- und Sehnsuchtslieder wie „As Time Goes By“ mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart - eine unsterbliche Filmszene aus „Casablanca“.
Gelernt hat man aber auch, dass Multitasking, also gleichzeitiges Hören, in der Musik nicht geht. Das bewies ein kleines Hörexperiment mit Stimmengewirr, das die Zuhörer filtern mussten.
Am besten: „Musik hören!“
Mancher wird nach diesem lehrreichen Vortrag mit geschärften Sinnen künftig ins Konzert gehen und Musik anders, wissender und genussvoller hören. Die „Werkzeuge“ dafür hat Wäldele geliefert: „Hört Musik mit eurem ganzen Körper, Verstand und Herzen!“