Im Ton freundlich, in der Sache aber kompromisslos: Kapitän Friedhold Ulonska bei seinem Vortrag in Freudenstadt. Foto: Hannes Kuhnert

Manche wollten nicht mehr hinschauen. Zu schlimm waren Fotos und Videos, die Kapitän Friedhold Ulonska von der zivilen Seenotrettung bei seinem Vortrag in Freudenstadt zeigte.

Der Kapitän, von Stefan Gohr namens des Freudenstädter Freundeskreises Asyl herzlich begrüßt, informierte im freundlich-verbindlichen Ton mit vielen statistischen Daten über die Seenotrettung im Mittelmeer mit all ihren Ungeheuerlichkeiten auf dem Wasser und an Land. Unterstützt wurde der Vortrag vom Mehrgenerationenhaus, dem Weltladen, den Omas gegen rechts sowie der katholischen Erwachsenenbildung.

 

Friedhold Ulonska ist ein Ostfriese, der seit gut 40 Jahren in Rottenburg lebt. Seit 16 Jahren engagiert er sich auf verschiedenen Schiffen der Organisation Resqship in der Seenotrettung vor der Küste Afrikas, zuletzt auf dem Segelschiff „Nadir“, das erst vor wenigen Tagen von italienischen Behörden wegen angeblicher Regelverstöße festgesetzt wurde.

Gebiet gilt als die „tödlichste Route der Welt“

„Niemand verlässt seine Heimat ohne guten Grund“: Diese Überzeugung steht über dem Einsatz der Seenotretter, die es sich zur Aufgabe machen, im zentralen Mittelmeer Menschen auf der Flucht zu retten und dafür zu sorgen, dass sie an einen sicheren Ort kommen. So viel zur Theorie.

Die Praxis ist grausamer. Das abgesuchte Gebiet im Mittelmeer ist etwa so groß wie die Bundesrepublik und gilt als „tödlichste Route der Welt“, so Ulonska. 2023 seien dort 2500 Menschen auf der Flucht ertrunken, „und die Todesrate steigt“.

Viele Flüchtlinge sterben in der Sahara

Vielfach sei nicht bekannt oder werde vergessen, dass die meisten Flüchtlinge erst den Weg durch die Sahara schaffen müssen. Ulonska: „Ein Mehrfaches derer, die auf dem Meer sterben, sterben in der Sahara. Wie groß muss die Not dieser Menschen zu Hause sein?“

Die Flüchtlinge zahlen für Schlepper und Schleuser bis zu 5000 Dollar pro Person und können sich dennoch nicht sicher sein, ob sie tatsächlich nach Europa übergesetzt werden oder im schlimmsten Fall in den entsetzlichen Flüchtlingslagern in Syrien und Tunesien landen, in denen Flüchtlinge als Arbeits- und Sexsklaven missbraucht werden. In Bildern und kurzen Videos zeigte der Kapitän Szenen aus diesem Leidensweg.

Er beklagte, dass beim Thema Flucht niemand mehr über die Menschen spreche, sondern nur noch, wie man sie an der Flucht hindern und von den eigenen Landesgrenzen fernhalten könne.

Ulonska kritisiert Politiker scharf

Von der Europäischen Union (EU) sei keine Hilfe zu erwarten. Zu lange hätten Politiker aller Farben in Europa weggeschaut, die Rettung mit teils gesetzeswidrigen Anordnungen erschwert oder mit zynischen Bemerkungen verunglimpft. „Was sind das nur für Menschen in diesen Amtsstuben?“, fragte sich der Mann der Praxis.

Er kritisierte, wie die Seenotrettung von europäischen Behörden behindert und kriminalisiert werde, es würden Menschenrechtsverstöße im Auftrag der EU begangen. Neue Anordnungen und Gesetzesvorlagen in Deutschland und in der EU verhießen nichts Gutes. Und die Lage werde noch ernster: „Der Klimawandel wird uns in den nächsten Jahrzehnten ganz andere Flüchtlingsströme bescheren.“

Ulonska: Regierung aus CDU und SPD hat Zuschuss gestrichen

Die Seenotrettung ist freiwillig und ehrenamtlich, basiert auf Spendenbasis. Sie sei, so Ulonska, von der Ampelregierung noch mit einem Zuschuss gefördert worden, die neue Regierung aus CDU und SPD habe diesen eingestellt.