„So wie das Eisen außer Gebrauch rostet, so verkommt der Geist ohne Übung“, wusste schon Leonardo da Vinci. Wie man die grauen Zellen auf Trab halten kann, weiß Gemma Benintende.
Bis ins hohe Alter geistig fit bleiben – das steht für die meisten Menschen nicht nur ganz oben auf ihrer Wunschliste. Es ist, wie diverse Studien zeigen, auch ein Hauptfaktor für Lebensqualität in späteren Jahren.
Für alle, die diesen Wunsch hegen, gibt es eine gute Nachricht: Das Gehirn kann in jedem Alter trainiert werden. Die Frage ist nur wie.
Um Antworten zu bekommen, hatte der Altenkreis „Spätlese“ der Heilig-Geist-Gemeinde Balingen mit Gemma Benintende, Gedächtnistrainerin BVGT e.V (Bundesverband Gedächtnistraining), jüngst eine Expertin eingeladen, die unter dem Titel „Dem Geist auf die Sprünge helfen“ nicht nur jede Menge Tipps parat hatte, wie man die kleinen grauen Zellen auf Trab halten kann, sondern auch viele praktische Übungen im Gepäck.
Von der PIN bis zum Schlüssel
Zu Beginn versetzte Gemma Benintende die Zuhörer in Situationen, die so gut wie jedem bekannt vorkommen dürften: Man steht im Keller und weiß nicht mehr, was man dort wollte. Beim Bezahlen an der Supermarktkasse fällt einem plötzlich die PIN nicht mehr ein. Oder man fragt sich fieberhaft: Wo habe ich bloß den Schlüssel wieder hingelegt?
Ist das schon ein Grund zur Beunruhigung? „Nein“, gibt die Expertin Entwarnung. „Das geht vielen so und ist noch kein Grund, sich Sorgen zu machen.“ Etwas anders verhalte es sich hingegen, wenn man den Schlüssel in den Kühlschrank lege oder nach seinem Auto suche, obwohl man ohne gekommen sei. „Dann wird es problematisch.“
Was ist wichtig, um die geistige Frische möglichst lange zu bewahren? Auf den Körper achten, sich ausgewogen ernähren und viel trinken. „Das ist schon mal die halbe Miete“, erklärte Gemma Benintende. Was das Trinken betrifft, seien zwei Drittel Wasser und ein Drittel Saft übrigens „ein idealer Gedächtniscocktail.“
„Stress tut uns nicht gut“
Neben der Ernährung ist auch Stress ein Faktor, der sich auf die Gedächtnisleistung auswirkt. „Stress tut uns nicht gut“, machte die Referentin deutlich. Denn nur in einem entspannten Körper ruhe bekanntlich auch ein entspannter Geist. Umso wichtiger sei es deshalb, von der Anspannung auch wieder in die Entspannung zu kommen.
Eine einfache und effektive Entspannungsübung für die Augen ist das sogenannte „Palmieren.“ Dabei werden die Hände zunächst ausgeschüttelt und dann aneinander gerieben. „Die warmen Hände legt man anschließend über die geschlossenen Augen und bildet eine kleine Höhle“, machte es die Expertin vor. „Und nicht vergessen: ruhig und tief atmen.“
Bei der sogenannten „Denkmütze“ stehen indes die Ohren im Mittelpunkt. Auch sie ist sogenanntes „Brain-Gym“; eine Gedächtnisübung, die die Konzentration fördert. Durch sanftes Massieren der Ohrläppchen werden dabei verschiedene Akupunkturpunkte stimuliert.
Training für die grauen Zellen
Apropos geistige Leistungsfähigkeit: Geht es, wenn sich diese ab etwa 40 Jahren zu verändern beginnt, von da an also bergab? „Vielleicht wenn man nichts tut“, ließ Gemma Benintende wissen, die in diesem Zusammenhang auch das bekannte Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ widerlegte.
„Das menschliche Gehirn kann bis ins hohe Alter neue Nervenzellen bilden und Verknüpfungen umbauen. Man kann also noch sehr viel fürs Gedächtnis tun.“
Könne man sich etwa Namen schlecht merken, sei es hilfreich, sie mit bestimmten Dingen zu verbinden. Bei „Anna“ könne man sich etwa eine Ananas vorstellen, bei „Thomas“ vielleicht eine Tomate. „Gerade verrückte, emotionale Sachen merkt man sich mehr“, weiß die Expertin. Gedächtnistraining fördere dabei nicht nur die Kreativität, sondern auch Konzentration und Ausdrucksfähigkeit.
Durchblutung des Gehirns ist wichtig
Mehr als jedes Medikament erhöhe die Durchblutung des Gehirns übrigens körperliche Betätigung. „Sie ist das A und O“, betonte Gemma Benintende, die die Anwesenden aber beruhigen konnte: Es muss kein Marathonlauf sein! Schon leichte körperliche Betätigung wie Fingerübungen, die man ganz selbstverständlich in den Alltag einbauen könne, würden viel bewirken. „Denn man muss keine Purzelbäume schlagen, um sich zu bewegen.“
Gut mit dem eigenen Körper umgehen, Bewegung mit Freude und Ernährung für die Sinne – das sind Faktoren, um fit im Kopf und dadurch stark im Leben zu bleiben. Wichtig dabei: Sich geistig „aus der Komfortzone“ zu bewegen, zu überlegen und nicht zuletzt aufmerksam und neugierig zu bleiben.
„Kommunizieren Sie mit anderen Menschen und interessieren Sie sich dafür, was andere denken“, legte Gemma Benintende ihren Zuhörern ans Herz. Und nicht zuletzt: „Bleiben Sie aktiv!“. Denn „Lernen“, zitierte sie in diesem Zusammenhang den chinesischen Philosophen Laotse, „ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man auf, treibt man zurück.“