„Energiewende gescheitert?“ war der Titel eines Vortrags von Fritz Vahrenholt im September – mit klarer Antwort. Doch nicht jeder in Furtwangen hält seine Argumente für stichhaltig.
„Die Dinge sind sehr kompliziert“, sagt Ulrich Mescheder – auch mit Blick auf die Energiewende. Und doch, schildert der Vorsitzende der Wählervereinigung Unabhängige Liste (UL) Furtwangen, gebe es immer wieder Menschen, bei denen alles ganz einfach klinge.
In diese Kategorie ordnen die Mitglieder eines Aktionsbündnisses – Vertreter der UL und des Vereins Energie-Wende gehören zu ihnen – Fritz Vahrenholt ein, der im September einen Vortrag mit dem Titel „Energiewende gescheitert?“ in Furtwangen hielt.
Als Informationsveranstaltung war das Ganze deklariert – doch die Mitglieder des Aktionsbündnisses sehen das kritisch: „Da werden Dinge verfälscht dargestellt, Zusammenhänge hergeleitet, wo keine sind“, schildert Mescheder. Bei solchen Veranstaltungen werde mit Sorgen – in diesem Fall vor allem rund um das Thema Windkraft – gespielt.
Eine Entwicklung, der das Aktionsbündnis entgegentreten will. „Wir wollen zeigen, dass manches falsch war“, sagt Karin Jäger, im Gemeinderat UL-Fraktionsvorsitzende. „Wir wollen die Aussagen des Vortrags und das Thema insgesamt einordnen.“ Daher hat das Aktionsbündnis Vahrenholts Vortrag durchleuchtet. Zwölf Thesen des Referenten haben die Mitglieder herausgepickt und einem Faktencheck unterzogen – ein Überblick über fünf zentrale Behauptungen.
1. In Baden-Württemberg und im Schwarzwald fehlt der nötige Wind, um Windräder wirtschaftlich zu betreiben. Nur an 80 Tagen gebe es im Schwarzwald überhaupt genug Wind, um eine Windkraftanlage zu betreiben – an 120 Tagen pro Jahr hingegen sei der Wind gleich null, schildert das Aktionsbündnis die Zahlen, die Vahrenholt nannte. Doch ihr Check kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Windatlas zeige, sagt Mescheder, „dass der Wind auch hier bläst, aber eben vor allem in den Höhen“. Auf Nabenhöhe liege die durchschnittliche Windgeschwindigkeit bei den Anlagen auf der Linacher Höhe bei rund 7,3 Metern pro Sekunde. Im Bereich Rappeneck seien die Werte laut Windatlas ähnlich.
Das allein sage aber noch nichts darüber aus, an wie vielen Tagen im Jahr die Windgeschwindigkeit ausreiche, um ein Windrad zu betreiben, schränkt Mescheder ein. Das lasse sich annäherungsweise berechnen. So kommt Mescheder zu dem Ergebnis, dass an 320 Tagen pro Jahr die Mindestwindgeschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde überschritten wird – ab diesem Wert produzieren die Windkraftanlagen Strom. Nur an 45 Tagen pro Jahr sei das nicht der Fall.
2. Der Abrieb, insbesondere von PFAS, bei Windkraftanlagen ist zu wenig untersucht und stellt ein erhebliches Risiko dar. Die Erosion, der Rotorblätter von Windkraftanlagen ausgesetzt sind, geht einer Kurzinformation der wissenschaftlichen Dienste des Bundestags aus dem Jahr 2020 vor allem auf Umwelteinflüsse wie UV-Strahlung, Wind und Temperaturwechsel zurück. Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) geht von einem rechnerischen Maximal-Abrieb von 1395 Tonnen pro Jahr für alle damals aktiven rund 31 000 Windkraftanlagen in Deutschland aus – verbunden mit dem Hinweis, dass es sich um eine „sehr grobe obere Abschätzung“ handle. Der tatsächliche Wert liege „mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich darunter“.
Zum Vergleich: Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) gibt jährliche Abriebwerte von Reifen mit 102 090 Tonnen und von Schuhsohlen mit 9047 Tonnen an.
3. Mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien sinkt die Versorgungssicherheit.
Windkraft- und Photovoltaikanlagen produzieren nur wetterabhängig Strom. Daher leide die Versorgungssicherheit in Deutschland unter einer Abkehr von Kern- und Kohlekraftwerken, kritisieren Gegner der Energiewende immer wieder – Stichwort Dunkelflaute.
Deshalb fordert die Bundesnetzagentur, dass die Energiewende von weiteren Maßnahmen begleitet werden muss: Bis 2035 müssen demnach zusätzliche steuerbare Kapazitäten im zweistelligen Gigawatt-Bereich errichtet werden. Darunter fallen neben Gaskraftwerken auch Batteriegroßspeicher.
„Im Segment der Großspeicher könnte sich in den nächsten Jahren die installierte Leistung vervielfachen“, blickte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) 2024 auf die Entwicklung. Von 2023 auf 2024 stieg die installierte Batterieleistung stark von 8,6 auf 12,1 Gigawatt, die Speicherkapazität von 12,7 auf 17,7 Gigawattstunden.
4. Die Energiewende führt zur Deindustrialisierung Deutschlands.
Die Energiewende kostet viel Geld. In einer Kurzinformation der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags zur Berechnung der Investitionskosten ist von Beträgen zwischen 500 Milliarden Euro pro Jahr oder 13,3 Billionen Euro insgesamt bis 2045 die Rede. Auch der Bundesrechnungshof geht von massiven Kosten aus.
Diese Investitionen für die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich zu machen, greift jedoch zu kurz. Als eine exportorientierte Volkswirtschaft sei Deutschland insbesondere von der allgemeinen weltwirtschaftlichen Schwäche, dem Krieg in der Ukraine und anderen geopolitischen Spannungen betroffen, argumentiert das Aktionsbündnis. Und geht noch weiter: Die Energiewende sichere und schaffe Arbeitsplätze. 2023 arbeiteten laut Bundeswirtschaftsministerium mehr als 406 000 Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien.
5. Entwicklungsländer wie China müssen – im Gegensatz zu einem Industrieland wie Deutschland – gar nichts tun bezüglich CO₂-Reduktion.
Hier bezog Vahrenholt sich nach Angaben des Aktionsbündnisses auf das Pariser Klimaabkommen. Darin ist festgeschrieben, dass global gesehen Treibhausgasemissionen „so bald wie möglich“ einen Scheitelpunkt erreichen sollen – bei Industrie- schneller als bei Entwicklungsländern. Letztere emittieren heute pro Kopf deutlich mehr CO₂ – dieser Ausstoß soll jedoch künftig stark sinken, um in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das angestrebte Gleichgewicht zwischen Emission und Abbau von Treibhausgasen zu erreichen.
China, der größte Treibhausemittent, hat ambitionierte Klimaschutzziele: Noch vor 2030 will das Land der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge die CO₂-Emissionsspitze erreichen, vor 2060 dann CO₂-Neutralität. Zwar geht in China nach wie vor Kohlekraft ans Netz, doch auch erneuerbare Energien werden stark ausgebaut. Für 2025 rechnet das Zentrum für Forschung zu Energie und sauberer Luft (Crea) mit einem Zubau von mehr als 500 Gigawatt bei Wind- und Sonnenenergie.
Der ausführliche Faktencheck ist abrufbar unter www.ul-furtwangen.de.