Eines der wenigen Bilder, die Lokalhistoriker Heiner Schuler von Selma Burkart gefunden hat, ist jenes auf einem Ausweis, dass sie als Mitglied des Deutsch-Oberschlesischen Volksbundes für Polnisch-Schlesien ausgewiesen hat. Foto: Dunja Kuster

Erschreckende Parallelen zeigten zwei Vorträge im K3 auf: Heiner Schuler referierte zur Winterlinger Jüdin Selma Burkart, die mit Hass und Hetze vertrieben wurde; über das heutige Konzept der „Remigration“ sprach Rolf Frankenberger.

„Wir erleben eine sehr schwere Zeit, in der Demokratie und Rechtsstaat immer mehr in Gefahr geraten“, betonte K3-Leiterin Evelin Nolle-Rieder zu Beginn des Vortragsabends.

 

Noch tragischer: Es sei nicht das erste Mal, dass Zeiten wie diese angebrochen sind. Am eigenen Leib erfahren hat dies etwa die Jüdin Selma Burkart, über die Lokalhistoriker Heiner Schuler referierte.

Über 35 Jahre lang hat Heiner Schuler zur Geschichte Selma Burkarts und ihres Ehemannes Emil geforscht – im K3 referierte er ein weiteres Mal über sie und Winterlingen zu Zeiten des Nationalsozialismus. Foto: Kuster

1930 zog sie mit ihrem Ehemann Emil Burkart von Gießen nach Winterlingen, wo Emil Burkart eine Stelle als Dorfarzt angetreten habe. Kurz darauf wurden beide extrem gemieden und angefeindet, „besonders Selma“, berichtet Schuler.

Ein feindseliges Klima, in dem damals wie heute jemand ausgegrenzt wird

Auf dem Rezeptzettel einer Apotheke etwa steht: „Frau Burkart, niemals mehr in ein Gespräch eintreten. Im Guten gesagt“ – wobei letzteres als „gut gemeinte Drohung“ verstanden werden konnte.

Die Schikanen nahmen massiv zu – und bei einer Versammlung der NSDAP in der Turnhalle in der damaligen Wilhelm-Murr-Straße soll ein Teilnehmer gerufen haben: Das „Judenmädl“ müsse raus, andernfalls schlage er sie mit der Axt tot.

Erschreckend, aber aus Sicht des Lokalhistorikers wenig überraschend: Winterlingen galt zur damaligen Zeit als eine „Nazihochburg“. Bei den Wahlen 1924 hätten 29 Prozent der Bürger die NSDAP gewählt, 1930 seien es 33,7 und 1933 68,2 Prozent gewesen.

Der damalige Bürgermeister Otto Butz sei überzeugter Nazi und Gauredner gewesen – und habe unter anderem Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft verliehen.

Stolpersteine erinnern bis heute an das Schicksal Selma Burkarts und ihres Mannes Emil Burkart – der Dorfarzt hatte ebenso unter den Schikanen und Drohungen der Nazis gelitten, betonte Schuler. Foto: Kuster

Die Burkarts derweil gerieten zunehmend in finanzielle Not, da die Patienten die Arztpraxis vehement mieden. Am Ende fasste Selma Burkart den Entschluss, zu ihren Schwestern nach Breslau zu ziehen.

Dort erhielt sie irgendwann die Mitteilung, dass sie auf einer Liste zum Abtransport gen Osten stehe, und wurde in das Durchgangslager Izbica – die polnische Gemeinde ist heute Partnerstadt Winterlingens – gebracht.

In der NS-Zeit sprach man von Deportation – heute von „Remigration“

Von dort stammt auch das letzte Lebenszeichen Selma Burkarts – eine Postkarte vom 24. April 1942 an ihre Schwestern und ihren „lieben Mile“, wie sie ihren Mann immer genannt hatte.

Wenig später wurde sie für tot erklärt – aber wo, wann und wie sie gestorben ist, bleibt laut Schuler bis heute unklar. „Eine traurige Geschichte, die ein trauriges Ende genommen hat“, resümiert er.

Erschreckend ähnliche Entwicklungen und Tendenzen erkennt Rolf Frankenberger in unserer heutigen Zeit – was er in seinem Vortrag kurz am Beispiel des Begriffs „Remigration“ erklärt. Foto: Kuster

Und eine Geschichte, die sich wiederholt? Zumindest gibt es einige Parallelen zu jenem sozio-politischen Klima wie vor etwa 100 Jahren, meint Rolf Frankenberger. Der Geschäftsführer des Instituts für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen hielt im Anschluss einen kurzen Vortrag zum Thema „Remigration“.

Der „Masterplan“ des österreichischen rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner mit der Prämisse „Assimilation oder Deportation“ etwa weise Ähnlichkeiten zum „Madagaskarplan“ der Nazis auf.

Der gewählte US-Präsident Donald Trump, der sich für „Massendeportationen“ ungeachtet der Kosten und Konsequenzen für die Menschen und heimische Wirtschaft einsetzen wolle.

Die AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, die das Thema mit Slogans wie „The Kids want Remigration... und Eis“ verharmlose – während im „A“ ein Geschützturm abgebildet sei.

Angst vor Ausgrenzung und Hass zu schüren, ist heute noch das Ziel der extremen Rechten

Auch in Albstadt sei der Begriff schon zweimal aufgetaucht – im Oktober 2023, als Unbekannte Rauchbomben auf dem Dach der Kreissporthalle zündeten und ein Banner mit dem Wort „Remigration“ entrollten, sowie auf einem Transparent, das Unbekannte im September dieses Jahres an der Ebinger Kirchgrabenschule angebracht hätten.

„All das hat zum Ziel, Ängste zu schüren“, sagt Frankenberger – und das Ziel, Krisen und Schuldzuweisungen gezielt gegeneinander auszuspielen. Und – ähnlich wie bei Selma Burkart – die Angst, ausgegrenzt und gehasst zu werden, zu schüren.