Einen Kreisverkehr anstelle der Kreuzung bei St. Ulrich findet die Mehrheit der befragten Geislinger sinnvoll. Foto: Julia Meene

Im kommenden Jahr macht sich die Stadt Geislingen an ihr nächstes Großvorhaben, die Neugestaltung der Vorstadtstraße.

Geislingen - Eine kleine Stadt wie Geislingen kann schon allein wegen des finanziellen Aufwands immer nur ein mehrjähriges Millionen-Euro-Projekt nach dem anderen stemmen. Nach dem Bürger- und Vereinshaus Harmonie und dem Schulzentrum geht es nach langer Vorlaufzeit jetzt an die Umgestaltung der Vorstadtstraße.

Dieser rund 800 Meter lange Abschnitt der Ortsdurchfahrt zwischen der Heilig-Kreuz-Kapelle und der Bäckerei Koch ist das "Filetstück" von Geislingen, wie der Stadtplaner Richard Reschl vor gut zwei Jahren im Rahmen eines Abends der "Bürgeranhörung und -information" zum Thema Vorstadtstraße festhielt. Aus mehreren Gründen muss sie in den kommenden Jahren umgestaltet werden.

Autos bringen Lärm und Abgase in den Ort

Da ist erstens die Verkehrsbelastung: Mehr als 10 000 Autos pro Tag und hunderte Laster rollen täglich durch den Ort. Zu den Stoßzeiten morgens und abends staut sich häufig der Verkehr, erst recht wenn wieder einmal eine Umleitung die nördlich verlaufende B 463 blockiert oder eine Ausweichroute zur Autobahn ausgeschildert ist. Das war in den vergangenen Jahren jeden Sommer der Fall.

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Die vielen Fahrzeuge blasen nicht nur jede Menge gesundheitsschädliche Abgase in die Geislinger Luft, sondern verursachen auch andauernden Lärm. Dieser wird noch dadurch verstärkt, dass die Straße wegen häufiger Wasserleitungsbrüche an vielen Stellen ausgebessert und uneben ist. Dies zusammen mit nicht mehr eben in der Fahrbahn eingebauten, sondern leicht herausragenden Gullydeckeln macht die Ortsdurchfahrt seit langem zur "Krachmacherstraße".

Bereits 2012 hat das baden-württembergische Umweltministerium auf Grundlage einer Lärmkartierung empfohlen, etwas gegen die Geräuschemissionen zu tun. Diese sind so stark, dass sie der Gesundheit der direkten Anwohner schaden.

Verkehrsbelastung ist das größte Problem

Folgerichtig nannten bei einer Bürgerbefragung 2016 fast 40 Prozent der Einwohner den Durchgangsverkehr als mit Abstand das größte Ärgernis in der Stadt. Der Geislinger Gemeinderat hat im selben Jahr beschlossen, einen Lärmaktionsplan aufzustellen. Und die 2019 gewählten Gemeinderäte bezeichneten im Gespräch mit unserer Redaktion überwiegend die Ortsdurchfahrt als eine der wichtigsten Aufgaben in der Stadt für die laufende Wahlperiode.

Doch erst im November 2020 wurde der Lärmaktionsplan tatsächlich beschlossen. Eine der vier zentralen Maßnahmen darin ist die Sanierung und Neugestaltung der Ortsdurchfahrt.

Neben Lärm und Abgasen geht es auch um das Ortsbild: Die Vorstadtstraße ist stellenweise fast zwölf Meter breit, geradezu eine Landebahn, und verleiht Geislingen den Charakter eines Flughafens. Sie schmaler zu machen, ansprechender zu gestalten – beispielsweise mit Grünflächen – eventuell Radstreifen auszuweisen und Parkflächen anzulegen: das sind einige der Ideen, die seit Jahren für die Neugestaltung bestehen.

Davon könnten auch die Einzelhandelsgeschäfte und Dienstleister profitieren: Wenn Kunden direkt vor dem Laden parken können und Fußgänger auf einem breiten, von der Fahrbahn abgesetzten Gehweg flanieren können, dann könnte das die Geschäfte attraktiver machen – oder sogar zu Neueröffnungen motivieren.

Bei alldem soll aber der künftig auf Tempo 30 beschränkte Verkehrsfluss nicht gebremst werden – im Gegenteil: Baulich soll der Knotenpunkt bei der Kirche St. Ulrich entspannt werden, wo auf wenigen Metern mehrere Straßen einmünden.

"Der Kreisverkehr ist der zentrale Punkt"

Ein "Kreisel" soll den Verkehr flüssiger laufen lassen und Lärm durch ständiges Anfahren und Abbremsen vermindern: "Der Kreisverkehr ist der zentrale Punkt", sagt Markus Buck, Leiter des Geislinger Bauamts, über die Planungen für die Neugestaltung. "Da läuft alles zusammen."

Bereits 2012 hat es die ersten Vermessungen und Überlegungen gegeben, wie groß ein solcher Umbau sein muss. "Der Kreisverkehr muss für den Verkehr auch funktionieren, den wir hier haben", erklärt Buck.

Corona hat auch den Workflow bei der Straßenerneuerung gebremst. "Man bringt in Präsenz mehr besprochen", bestätigt der Bauamtsleiter.

Doch in Kürze will Geislingen den ersten, wichtigen Schritt machen: Die europaweite Ausschreibung für ein Ingenieurbüro, das die Erneuerung plant, endete am Dienstag, 23. November. Darin enthalten sind unter anderem ein städtebaulicher Entwurf für den rund 800 Meter langen Abschnitt der Vorstadtstraße und die Planung des Kreisverkehrs an der Kreuzungs Vorstadt-/ und des Abschnitts bis zur Konrad-Adenauer-Straße.

Derzeit prüft das Bauamt die eingangenen Angebote. Vielleicht schon in der Dezembersitzung, spätestens aber im Januar, soll der Gemeinderat den Auftrag formell vergeben.

"Wir wollen die Belange aller Beteiligten unter einen Hut bringen", sagt Buck. Neben der Stadt sind das die Kirchengemeinde, die Einzelhändler und nicht zuletzt alle Geislinger Bürger.

Letztere haben bei der Bürgerinformation im Dezember 2019 viele Vorschläge und Ideen für die Vorstadtstraße eingebracht. Jetzt gehe es darum, diese Anregungen in die Pläne aufzunehmen.

Diese betreffen beispielsweise die Parkplätze, einen Radfahrstreifen, die Tempo-Begrenzung und Querungshilfen; an der Sonnen-Apotheke wurde bereits im Juni 2019 eine provisorische Ampel aufgebaut. Man müsse schauen, was umsetz- und vereinbar ist, "was geht und was nicht", sagt Buck.

Optische Aufwertung auf 800 Metern

An die optische Neugestaltung wird jedoch erst gegangen, wenn die grundlegenden Rahmenbedingungen geplant sind. Eine Aufwertung könnte die Ortsdurchfahrt allerdings auch durch die bis 2032 laufende Stadtkernsanierung erfahren: Da die gesamte Vorstadtstraße im Sanierungsgebiet liegt, können Anwohner Fördergeld für die Modernisierung ihrer Häuser erhalten.

Für die verkehrsgeplagten Bürger besteht jetzt nicht mehr nur die vage Hoffnung, dass sich die Situation verbessern könnte, sondern ein klarer Zeitplan liegt vor: "2022 geht es konkret los", sagt Bauamtsleiter Buck. Die "Krachmacherstraße" soll mittelfristig tatsächlich zum "Filetstück" Geislingens werden.