Für Nagold ist es ein Experiment: Die Inselstraße, die Lindachstraße und Teile der Iselshauser Straße sollen in ein paar Wochen zu einer offiziellen "Fahrradstraße" werden. Zweiräder haben hier dann Vorrang – Autos müssen Rücksicht nehmen.
Nagold - Oder Autofahrer müssen den Bereich gleich ganz meiden. Denn der Autoverkehr hat ja auf der parallel verlaufenden B463 weiterhin seine Straße Richtung Innenstadt "mit eigenem Vorrang", wie Oberbürgermeister Jürgen Großmann bei der Vorstellung des neuen Konzepts erläutert. Für den Fahrradverkehr soll es nun aber erstmals mit umgekehrter Gewichtung als Verkehrsteilnehmer eine eigene Trasse Richtung Innenstadt mit der Lindachstraße im Kern geben.
Marktstraße als Positiv-Beispiel
"Wir haben aufgrund unserer topografischen Lage im Tal keine Chance, den Verkehrsteilnehmern je eigene Verkehrswege anzubieten", so der OB. Daher müssen sich jetzt – explizit für die Nagolder Kernstadt, wo diese topografischen Bedingungen gelten – sogenannte ›Mischkonzepte‹ beweisen, eben mit jeweils verschiedenen Gewichtungen auf die jeweils priorisierten Verkehrsteilnehmer. Was für Nagold, erinnert der Oberbürgermeister, eigentlich gar nicht so neu sei: "Das Beispiel Marktstraße zeigt seit Jahren, dass solche Mischkonzepte bestens funktionieren können und eigentlich nur Vorteile haben." Die Verkehre würden insgesamt "gebremst", dadurch gerade für die schwächeren Verkehrsteilnehmer – also Fußgänger und Radfahrer – sicherer und für die Anwohner verträglicher: "Die Lebensqualität in den Quartieren steigt", wenn das Tempo vor allem des Kfz-Verkehrs sinkt.
Keine bauliche Veränderung
Baulich werde sich an der künftigen Straßenführung Inselstraße-Lindachstraße-Iselshauser Straße nichts gegenüber dem Status-quo ändern, erläutert ergänzend Nagolds Ordnungsamtsleiter Achim Gräschus: "Das wird eine reine Schildermaßnahme." Diese neuen Schilder sollen "zeitnah" aufgestellt werden, spätestens in vier bis sechs Wochen. Bereits jetzt gilt in dem betroffenen Bereich der Lindach- und Inselshauser Straße Tempo 30, wobei diese 30er-Zone im Zuge des Ausbaus der "Fahrradstraße" (die ja an der Kreuzung Bonhoeffer-/Brunnenstraße enden wird) künftig auch im weiteren Verlauf der Iselshauser Straße bis zu deren Ende an der Einmündung in die Schwandorfer Straße in Iselshausen verlängert werden soll.
Womit im ganzen Verlauf der Iselhauser Straße – und nicht nur da – alle Verkehrsteilnehmer lernen müssten, vermehrt aufeinander Rücksicht zu nehmen. Wobei OB Großmann damit ausdrücklich nicht nur die Autofahrer ermahnt sehen will, künftig mit reduzierten Geschwindigkeiten öfter mal den schwächeren Verkehrsteilnehmern den Vorrang zu geben: "Es gibt auch rücksichtslose Radfahrer", die in gleicherweise diszipliniert gehörten und Rücksicht lernen müssten im Gesamtverkehr. "Wir können die verschiedenen Verkehre hier bei uns – in der Kernstadt – wirklich nicht voneinander trennen", weshalb sich jetzt die "Mischverkehre" bewähren müssten.
Erfahrungen sammeln
Für die Stadt Nagold soll das auch ein "Modell für mindestens die nächsten zehn bis 15 Jahre werden", so der Schultes. Wobei man sehr aufmerksam die künftige Entwicklung rund um die Lindachstraße verfolgen werde. "Wir wollen das offensiv erproben, Erfahrungen sammeln." Wobei der OB auch sagt: "Wir haben auch noch andere Konzepte in petto" in Bezug auf eine Neustrukturierung der Verkehrssituation vor allem in den Nagolder Innenstadt – immer mit dem Ziel, die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer zu erhöhen, das gefahrene Tempo insgesamt zu reduzieren und damit vor allem auch die Lebensqualität der Anwohner, aber auch der Innenstadt-Besucher, zu erhöhen.
In diesem Zusammenhang gibt’s vom OB auch ein ausdrückliches Lob für seinen Gemeinderat, der sich den neuen Mobilitätsthemen speziell für die Nagolder Innenstadt in der Vergangenheit "in vorbildlicher Weise" angenommen habe. So habe der Gemeinderat eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, der sich speziell mit neuen Lösungsansätzen für das sich ja stark verändernde Mobilitätsverhalten der Bürger auseinandergesetzt habe. Von dieser Arbeitsgruppe seien, so der OB, konkret die Installation von neuen Fahrrad- und E-Bike-Abstellplätze und -Boxen (im Bereich der Nagolder Parkhäuser) auf den Weg gebracht worden, die ebenfalls aktuell peu à peu umgesetzt würden. "Die leisten eine wirklich gute Arbeit!"
Kein Ersatz für den Radweg
Übrigens: Der neue, seit vielen Jahren geplante Radweg Richtung Iselshausen direkt entlang des Waldachufers wird durch die neue "Fahrradstraße" nicht tangiert – oder gar ersetzt. Der sei davon, so Oberbürgermeister Großmann, "komplett unberührt" und werde weiterhin eigenständig realisiert als Teil des Radwegenetzes für Baden-Württemberg, und hier als Teil des Radwegs "Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee". Allenfalls könne man die neue Fahrradstraße als Ergänzung oder auch Absicherung des hier geltenden Radwegekonzepts sehen.