Staatsanwälte aus dem spanischen Cordoba hielten sich im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms eine Woche lang in Tübingen auf und besuchten bei der Gelegenheit eine Verhandlung des Nagolder Amtsgerichts. Foto: Köncke

Eine Verkettung von Missverständnissen führte zu einer Verhandlung vor dem Nagolder Amtsgericht und endete mit einem Freispruch.

Wildberg/Nagold - Er wollte mit dem Bus von Wildberg nach Gültlingen fahren und weigerte sich, ein Ticket zu kaufen. Der Fahrer schloss daraufhin die Türen, gab Gas – und wurde wegen Freiheitsberaubung angezeigt. Die Verhandlung vor dem Nagolder Amtsgericht endete mit einem Freispruch.

Der Vorfall ereignete sich im November vergangenen Jahres in Wildberg. An der Bushaltestelle stieg ein Mann afrikanischer Herkunft zu, der mit dem Bus zu seinem Wohnort in Gültlingen fahren wollte. Den Fahrpreis wollte er allerdings trotz mehrmaliger Aufforderung nicht entrichten. Stattdessen nahm er im hinteren Bereich des Busses Platz.

Von Wildberg nach Wildberg

Der Fahrer folgte ihm und wiederholte sein Verlangen. Ohne Erfolg. Daraufhin schloss er die Türen, und der Bus setzte sich Richtung Gärtringen in Bewegung. Als der 31-Jährige auch dort keine Anstalten machte, den Bus zu verlassen, wurde er zurück nach Wildberg gebracht – und erstattete Anzeige wegen Freiheitsberaubung.

Einspruch gegen Strafbefehl

In der Verhandlung beim Nagolder Amtsgericht stellte sich heraus, dass der rumänische Fahrer fast kein Wort Deutsch verstand und die Aussage des englisch sprechenden Fahrgasts ebenfalls von einem Dolmetscher übersetzt werden musste. Gegen den Strafbefehl hatte der Angeklagte über seinen Anwalt Einspruch erhoben

Richtig sei, dass ihn der Kläger beim Einstieg darauf aufmerksam gemacht habe, dass das Busfahren am Wochenende kostenlos sei. Von dem Service des Landkreises Calw auf bestimmten Linien habe er jedoch nichts gewusst.

Umweg wegen Baustelle

"Hat er unterwegs nie den Knopf gedrückt, um auszusteigen?" Die Frage von Richter Martin Link beantwortete der 40-jährige Angeklagte über seine Dolmetscherin mit "Nein, er blieb bis zum Schluss sitzen". Dabei habe der 31-Jährige auf der Rückfahrt die Möglichkeit gehabt, in Gültlingen auszusteigen, was er aber nicht tat, weil der Bus wegen einer Baustelle einen Umweg nehmen musste und nicht an der gewohnten Stelle anhalten konnte.

Weil der 31-Jährige sauer war, hat ihn der Busfahrer extra an seinen Wohnort gefahren.

Angeklagter entschuldigt sich

Was ihm geschehen sei, erzählte der Afrikaner seinem Nachbarn, der ihm riet, sich das nicht gefallen zu lassen. In der Verhandlung entschuldigte sich der Angeklagte für sein Verhalten. Er habe nicht gewusst, dass man am Wochenende auf der Strecke keinen Fahrschein benötige.

Der 31-Jährige nahm die Entschuldigung an. Eingesperrt zu sein sei für ihn furchtbar. Oberstaatsanwalt Trück sprach in seinem Plädoyer von einer Verkettung unglücklicher Umstände. Weil der Busfahrer den 31-Jährigen später aus freien Stücken nach Gültlingen gefahren, damit seinen guten Willen gezeigt und sich entschuldigt habe, plädierte er auf Einstellung der Strafsache. Dafür machte sich auch Verteidiger Michael Schneider aus Reutlingen stark.

Dem Richter blieb nur noch übrig zu erklären, dass für die Kosten des Verfahrens die Staatskasse aufkomme.