Alena Schlechtman wurde am Kriegsdamm von einem Mann massiv bedrängt. Sie ist erschüttert, dass ihr zunächst niemand half. Foto: Ulrich

Eine Frau wird in Rottweil von einem Mann auf offener Straße massiv bedrängt – und niemand hilft. Alena Schlechtman will mit ihrer Geschichte aufrütteln.

Es ist dunkel am Montagabend in Rottweil, als Alena Schlechtman an der Haltestelle Kriegsdamm aus dem Bus steigt. Sie telefoniert mit ihrem Mann und geht an der Ecke vorbei, wo sich ein Kik-Markt befindet, als plötzlich ein Mann die Treppe hinter ihr herunterkommt und sie wiederholt anspricht. Schnell holt er sie ein, ruft „Hallo“ und drängt sich ihr auf. So berichtet sie es unserer Redaktion.

 

Da sie den Mann nicht kennt und er ihr weiterhin folgt, bittet sie ihn, wegzugehen. Als er mehrfach versucht, sie zu umarmen, wird sie energischer, hebt die Stimme und wiederholt: „Geh weg.“ Doch der Mann drängt sie mit seinem Körper in Richtung Schaufenster des Geschäfts.

Schlechtman ruft laut um Hilfe, doch er sagt nur: „Ich sag dir, wann du gehen sollst.“ Aus seiner Tasche zieht er etwas Unbestimmtes, was später als Schere identifiziert wird. In Panik kündigt sie an, die Polizei zu rufen. Der Mann lacht nur und sagt: „Mach das, die tun eh nichts.“ Schließlich gelingt es Schlechtman, Abstand zu gewinnen.

Niemand hat geholfen

Noch mehr als die Tat selbst erschreckt sie jedoch, dass kurz nach 20 Uhr etwa 30 Menschen in der Nähe waren – und niemand geholfen hat. „Ich hatte Angst und Panik um mein Leben“, sagt sie unserer Redaktion.

Auf dem Parkplatz hält der Angreifer nur wenige Meter Abstand. Schlechtman ist unter Schock, weint und versucht, die Polizei zu kontaktieren. Einige Passanten gehen laut ihrer Aussage wortlos an ihr vorbei. Ein Mann nähert sich schließlich, fragt, ob sie Hilfe brauche, und schützt sie bis zum Eintreffen der Polizei. Erst dann kommen andere Menschen und bieten Unterstützung an. Die Polizei nimmt den Mann schließlich vorläufig fest.

Fehlende Zivilcourage

Alena Schlechtman beschäftigt das Erlebte noch immer sehr. Sie fragt sich, warum niemand eingeschritten ist, und möchte mit ihrer Geschichte auf fehlende Zivilcourage aufmerksam machen. „Ich habe von niemandem verlangt, einzugreifen oder hinter dem Mann herzurennen, aber ich hätte mir gewünscht, dass jemand in meiner panischen Situation geholfen hätte“, sagt sie.

Einige Jugendliche hätten den Vorfall sogar gefilmt. Auf Instagram hat sie am Tag danach ein Video geteilt, in dem sie von dem Geschehen berichtet und das inzwischen über 18 900 Mal angesehen wurde. Zahlreiche Kommentare drücken Mitgefühl und Schock aus.

Etlichen Frauen ist Ähnliches passiert

Mehrere Frauen meldeten sich daraufhin bei ihr, denen Ähnliches bereits in Rottweil passiert sei. „Ich möchte die Menschen appellieren, nicht ihr Leben zu riskieren, aber aufeinander zu achten und füreinander da zu sein.“

Seit dem Vorfall lebt Schlechtman in ständiger Anspannung: „Ich lege meine Termine nur noch auf den Tag, solange es hell ist. Vorher bin ich auch abends ohne Angst unterwegs gewesen. Dieses Erlebnis hat alles verändert. Und das Schlimmste: Viele schweigen, wenn so etwas passiert.“

Die Polizei ermittelt

Die Polizei bestätigte den Vorfall gegenüber unserer Redaktion. Polizeisprecher Daniel Brill vom Polizeipräsidium Konstanz erklärte, dass der Fall aktenkundig sei und Ermittlungen laufen. Auf die Frage, ob der Kriegsdamm für ähnliche Straftaten bekannt sei, antwortete Brill: „Von Seiten der Polizei gibt es keinen Schwerpunkt für solche Straftaten an diesem Ort. Im Jahr 2025 ist nur ein weiterer vergleichbarer Vorfall gemeldet worden.“

Stadt: Man kann sich sicher fühlen

Auch die Stadtverwaltung Rottweil sieht in diesem Bereich keinen Kriminalitätsschwerpunkt. Pressesprecher Tobias Hermann: „Die Polizei war sehr schnell vor Ort und hat die alkoholisierte Person in Gewahrsam genommen. Das zeigt, dass man sich in Rottweil grundsätzlich sicher fühlen kann.“ Handlungspläne oder Sicherheitsmaßnahmen speziell für diesen Ort seien daher derzeit nicht vorgesehen.