Marc-André ter Stegen (links) steht im Schatten von Manuel Neuer. Foto: dpa/Marcus Brandt

Manuel Neuer streut immer wieder Fehler ein. Für Marc-André ter Stegen, den Ersatzmann in der Nationalmannschaft, ist das besonders bitter – aber er erträgt es vor der anstehenden Heim-EM auf seine Art.

Marc-André ter Stegen hegt keine Hoffnungen. Nein, er wird nicht im Tor stehen. Davon geht der 32-Jährige aus. Nicht einmal an diesem für ihn besonderen Ort. Mönchengladbach. Dort ist er aufgewachsen, und bei der Borussia hat er seine Karriere als Fußballprofi gestartet und erste Erfolge gefeiert. Doch eine EM-Generalprobe ist nun einmal keine Bühne für Sentimentalitäten. Manuel Neuer wird im Testspiel am Freitag (20.45 Uhr/RTL) gegen Griechenland wieder das Tor der deutschen Nationalmannschaft hüten, obwohl sich nicht nur ter Stegen anderes vorstellen kann.

 

Der Schlussmann des FC Barcelona ist davon überzeugt, dass er den Posten zwischen den Pfosten für das Heimturnier verdient hätte. „Ich muss ja nicht mit dem Bundestrainer einer Meinung sein“, sagt ter Stegen, „ich muss die Entscheidung nur akzeptieren.“ Er tut es auf seine Weise. Ruhig. Aufsässigkeit passt nicht zu dem Mann mit der Rückennummer 22. „Am Ende hast du eine Verantwortung der Gruppe gegenüber. Ich werde helfen, wo ich kann“, sagt ter Stegen. Dennoch glaubt er, dass das Torwartpendel auch deshalb nicht in seine Richtung ausgeschlagen hat, weil die Leistungen in Spanien hierzulande nicht hoch genug eingeschätzt werden. Überragende Vorstellungen hat ter Stegen über Jahre geboten, lediglich unterbrochen durch eine Rückenoperation.

Eine Torwartdiskussion, die es nicht gibt

Doch eine Torwartdiskussion gibt es nicht. Jedenfalls nicht im Kreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Neuer bleibt die Nummer eins, basta. Trotz seines erneuten Fehlers am vergangenen Montag beim 0:0 gegen die Ukraine. Zuvor hatte der 38-Jährige in der Freundschaftspartie ein paarmal eindrucksvoll pariert und bei seinem Comeback im Nationaltrikot das Bild des alten, souveränen Neuer aufleben lassen, der die gegnerischen Stürmer mit seiner bloßen Erscheinung erschrickt. Hängen blieb jedoch der letzte Eindruck – der eines Torhüters, der nun in kurzer Zeit schon das dritte Mal hintereinander negativ aufgefallen ist.

Erst patzte Neuer im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid, was das Champions-League-Aus für den FC Bayern München einleitete. Danach sah er zum Bundesliga-Ausklang gegen die TSG Hoffenheim gleich bei drei Gegentoren schlecht aus, und jetzt schätzte er eine Situation falsch ein. Sie blieb nur deshalb folgenlos, weil ein Hauch von Abseits das DFB-Team vor einer Niederlage und den Torhüter vor heftigen Debatten rettete.

Anschließend überblickte Neuer mit seinen 1,93 Meter Körpergröße die Szenerie besser. „Ich habe den Yarmolenko nicht gesehen“, sagt der Torwart, der einen Ausflug in eine Region wagte, wo sonst defensive Mittelfeldspieler gegnerische Angriffe abfangen – an den Mittelkreis. Das war gut, meint der Bundestrainer. „Wenn er den Ball nicht holt, wenn er tiefer steht und nicht mitspielt, dann ist das ein wesentlich größerer Fehler“, sagt Nagelsmann. Aber auch er weiß, was schlecht lief: Neuer hätte die Kugel kurz vor dem Abpfiff einfach wegschlagen sollen, anstatt einen Chippass zu versuchen.

Dass das Spielgerät nicht bei den links von ihm gewähnten Maximilian Mittelstädt oder Robin Koch landete, brachte dann Neuers Reklamier-Arm zur Aufführung. Dermaßen schnell, wie er ansonsten auf der Torlinie reagiert. Ein Klassiker, der von Kritikern als Zeichen dafür gewertet wird, dass sich der Schlussmann weiter für unfehlbar hält. Und wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, dann liegt ein Regelverstoß zugrunde. Dem widerspricht gelegentlich die Realität, weshalb elf Tage vor dem EM-Eröffnungsspiel gegen Schottland die Zweifel wachsen, ob Neuer noch so eine verlässliche Größe ist, wie er sie über Jahre hinweg war.

Was ist mit dem Leistungsprinzip?

Nagelsmann prognostiziert, dass Neuer ein gutes Heimturnier bestreiten wird. Andersherum weiß es der Torhüter zu schätzen, dass ihm der Bundestrainer vertraut. Um ihn weiter zu stärken, hat sein früherer Clubcoach den Münchner frühzeitig zum Stammkeeper erkoren und damit – Verletzungen hin, Fehler her – das Leistungsprinzip auf dieser Position ausgehebelt.

Nichts Neues, möchte man sagen. Im Verein suchte bereits Alexander Nübel das Weite, weil erst gar kein Konkurrenzkampf ausgerufen wurde. Jetzt zählt die Bayern-Leihgabe an den VfB Stuttgart zur DFB-Torwartgruppe um Neuer. Im Verband stellte sich bereits vor den Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar die Frage, ob die Ära des Weltmeisters von 2014 nicht zu Ende sei.

Der Schlussmann hat sich nach langen Zwangspausen jedoch stets zurückgekämpft und sich schnell auf ein beachtliches Niveau katapultiert. „Er ist noch immer einer der weltbesten Torhüter“, sagt Nagelsmann. 550 Tage und ein Unterschenkelbruch lagen zwischen den Länderspielen 117 und 118. Zuvor waren es Schulterprobleme und eine Fußoperation gewesen, die ter Stegen die Hoffnung gaben, dauerhaft das Trikot mit der Nummer eins tragen zu dürfen. Vergeblich. Neuers Status bleibt vorerst unantastbar.