Vor rund 600 Jahren veränderten die Ettenheimer den Verlauf des Ettenbachs und drehten ihren Nachbarn den Hahn zu. Das geht aus historischen Aufzeichnungen hervor.
Anlässlich der 50-jährigen Eingemeindung Altdorfs nach Ettenheim und dem ganzen Drumherum im Vorfeld dieses historischen Ereignisses stellt sich die Frage, woher diese jahrhundertelange Hassliebe zwischen „Beisrolern“ (Altdorfer) und „Schawänglern“ (Ettenheimer) rühren könnte. Warum die jungen Männer aus der Rohanstadt am Brünnelinsgraben „ibers Bängili hopse“ mussten, wenn sie einer jungen Hübschen aus der nördlichen Nachbargemeinde die Aufwartung machen wollten. Oder warum früher die Flurprozessionen der Altdorfer spätestens an der Gemarkungsgrenze zu Ettenheim kehrt machten. Und für die Narren war gegenseitiges „Gefrotzel“ bis in die jüngere Vergangenheit Jahr für Jahr ein „gefundenes Fressen“.
Und jetzt gießt einer, den man eigentlich als Altdorfer sieht, aber genau genommen auf Ettenheimer Gemarkung wohnt, auch noch Wasser auf die Mühlen dieses historischen Konflikts. Ja, Wasser auf die Mühlen – in diesem Fall ist die Redewendung auch wörtlich zu nehmen. Bei der Vorbereitung zur zweiten Auflage seines Buches über Altdorfs Historie stieß Ortshistoriker Achim Schwab nämlich auf verschiedene Quellen, auf Grund derer er die historisch-faktisch belegte Behauptung in den Raum stellt, dass die Ettenheimer vor rund 600 Jahren den Altdorfern „das Wasser abgegraben“ haben.
Grabungsfunde sprechen eine deutliche Sprache
Und woher bezieht Schwab seine These? Gleichsam „entschuldigend“ (mit Blick auf das Nachbarschaftsverhältnis) bekennt er, intensiv die Grabungserkenntnisse im Vorfeld der Bebauung der „Süßen Matten“ studiert zu haben. Und dann gibt es da ja auch die historischen Forschungen, beispielsweise des Ettenheimers Dieter Weis über die Mühlen am Unterlauf des Ettenbachs. „Ich habe eins und eins zusammengezählt und kam zur Erkenntnis, dass die Unditz – wie der Ettenbach früher ja hieß – nicht immer so das Wasser führte wie heute.“
Die Grabungsbefunde der Firma Archäotask aus Engen im Jahr 2022 „Auf den Süßen Matten“ erbrachten den Nachweis, dass die Unditz aus Ettenheim kommend, westlich am heutigen Altdorfer Sportplatz vorbei in nord-östlicher Richtung Mahlberg floss, unterwegs zusätzlich vom Altdorfer Rossbach gespeist. Erklärt sich daraus, dass es an der Autobahn den „Unditz“-Parkplatz nördlich von Lahr gibt? Hubert Kewitz, ein früherer Experte in Sachen Ettenheimer Geschichtsforschung, würde die Frage sicherlich sofort mit Ja beantworten – hat er nämlich schon vor geraumer Zeit nachgewiesen, dass die Unditz früher sogar einmal durch Kürzell geflossen ist. Kürzell – Autobahn-Parkplatz: wortwörtlich „naheliegend“.
Aber warum früher so und heute schnurstraks auf direktem Weg nach Westen, Richtung Rhein? Die Ettenheimer haben, so weisen geschichtliche Quellen aus, dem Ettenbach einfach an dessen „Knie“ nach Norden ein Bett geradeaus nach Westen gegraben – und damit den Altdorfern, aber auch den Mahlbergern, buchstäblich das Wasser abgegraben.
Auch den Mahlbergern grub die Stadt das Wasser ab
Die Freundschaft des nördlichen Nachbars von Ettenheim hat das ganz sicher nicht gesteigert. Die Auflagen, die ihnen zum Beispiel Grafenhausen zu deren eigenem Schutz auferlegten, nahmen die alten Ettenheimer in Kauf.
Ausschlagend sind für Schwab und weitere lokale Geschichtsbegeisterte gleich mehrere Gründe. Zum einen gab es da irgendwann die Belzmühle sowie die Holzmühle in Ettenheims Westen. Mühlen brauchen Wasser – mit der Begradigung des Ettenbachs wurden sie entsprechend damit versorgt. Zudem erlitt Ettenheim vor der Mitte des 15. Jahrhunderts regelmäßige Hochwässer mit gewaltigen Schäden. Ein schnellerer Abfluss des Ettenheims schaffte Abhilfe.
Es gab bereits einen ständigen Konflikt wegen des Marktrechts
Zudem konnten nun die westlich liegenden Rittmatten und Wolfsmatten kontrolliert bewässert werden (Stellfallen prägten ihr Bild bis vor gar nicht langer Zeit). Und dann gab es da ja noch den ständigen Zoff zwischen Mahlberg und Ettenheim um das Markt- und Stadtrecht. Dass man in Ettenheim damit nicht nur den Altdorfern, sondern auch den Mahlbergern als Nebeneffekt „das Wasser wegnahm“, hat sicher vielen aus der Nachbargemeinde nicht gefallen. Laut propagiert hätte man das damals in Ettenheim sicherlich nicht, um nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen.
Schwabs drastische Formulierung hat also in der Tat ihre Berechtigung: Ja, die Ettenheimer haben Altdorf (und Mahlberg) vor langer Zeit das Wasser abgegraben. Wobei: der Rhein floss früher ja, vom Gotthard kommend, auch zuerst über die Rhone ins Mittelmeer, um später dann die Kurve Richtung Norden und die Nordsee zu kratzen. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte.