Das „Lö“ prägt den Bahnhofsplatz. Fünf Jahre nach der Eröffnung ist es für viele Lörracher nicht mehr wegzudenken. Foto: Willi Adam

Wie das neue Geschäftszentrum „Lö“ und die Aufwertung des Umfelds den einstigen Hinterhof der Lörracher Innenstadt innerhalb von fünf Jahren in ein belebtes Quartier verwandelten

Der Platz lebt. Die Passanten streben in Richtung Zentrum, andere sind auf dem Weg zum oder vom Hauptbahnhof, andere bummeln entlang der Ladenzeile, erledigen schnelle Besorgungen oder verweilen in den Gaststätten oder einfach auf den kostenlosen Logenplätzen vor dem „Lö“.

 

Keine Frage, fünf Jahre nach der Eröffnung der ersten Läden und Gaststätten hat das Wohn- und Geschäftshaus den früher eher zweitrangigen Bahnhofsplatz in einen quirligen urbanen Ort verwandelt. Und umgekehrt verschafft das gesamte Umfeld mitsamt der neu gestalteten Turm- und Palmstraße dem „Lö“ überhaupt erst die richtige Bühne für seinen erfolgreichen Auftritt. Im Frühjahr 2021, mitten in der Corona-Zeit, haben nach und nach die ersten Geschäfte und Gastronomiebetriebe im „Lö“ eröffnet. Fünf Jahre nach diesem stillen Beginn hat sich das Projekt „im Grundsatz absolut bewährt“, lautet das gemeinsame Urteil von Oberbürgermeister Jörg Lutz und Bürgermeisterin Monika Neuhöfer-Avdic. Dieser Meinung aus dem Rathaus schließen sich im Prinzip alle Akteure an - Investor Bernard Dov Widerker ebenso wie Geschäftsleute, Gastronomen, Wirtschaftsförderung und Planer.

Pulsierendes Leben

Was in der gedämpften Stimmung des Lockdowns seinen Anfang nahm, wirkt heute bemerkenswert lebhaft. „Mit dem Neubau des Wohn- und Geschäftshauses „Lö“ in Verbindung mit der Neugestaltung des Bahnhofsplatzes und des angrenzenden Egon-Hugenschmidt-Platzes sowie der Turm- und Palmstraße ist ein zuvor untergenutztes Areal in ein urbanes Quartier mit hoher städtebaulicher Qualität überführt worden“, lautet die Einschätzung der Stadtverwaltung. Das Konzept des „Lö“ mit einer gemischten Nutzung, die Gestaltung des Gebäudes, dessen sorgsam abgestimmte Dimensionen sowie die Aufwertung von Platz und Umfeld hätten insgesamt dazu beigetragen, „dass sich die Menschen auf dem Platz unbewusst wohl fühlen“, heißt es bei der Stadt. Auch Marion Ziegler-Jung, die sich in ihrer Doppelfunktion als Wirtschaftsförderin und als Vorstandsmitglied der Innenstadtvereinigung Pro Lörrach für die Attraktivität des Stadtzentrums einsetzt, lobt, wie der aufgewertete Bereich rund um Hauptbahnhof und „Lö“ angenommen wird – „von allen Generationen“, wie sie besonders herausstellt. Die Wirtschaftsförderin schreibt auch der Gastronomie auf dem Platz und im „Lö“ einen Teil des Erfolgs zu: „Draußen sitzen zu können, das gehört in Lörrach einfach zum Lebensgefühl.“

Eine Idee wächst heran

Was sich fünf Jahre nach der Eröffnung des „Lö“ so „selbstverständlich und gut ins Stadtleben integriert anfühlt“ (Marion Ziegler-Jung), ist das Resultat eines wechselhaften Planungsprozesses. Bereits kurz nach der Jahrtausendwende hatte es Überlegungen gegeben, das Gebiet zwischen Sparkasse, Rathaus und damaliger Post als „Dienstleistungsquartier“ neu zu ordnen. Nachdem das Landratsamt aus den Planungen ausgestiegen war und entschieden hatte, ein neues Dienstgebäude bei der Agentur für Arbeit zu bauen, blieben die Stadt Lörrach als Instanz für die Rahmenplanung und die Stuttgarter Widerker-Gruppe als Eigentümerin des Post-Areals als Projektpartner übrig. Nach einem zähen Ringen einigte man sich 2018 auf ein umfassendes Gesamtpaket.

Auch die Stadtverwaltung – im Hintergrund das Rathaus – zieht eine positive Bilanz der ersten Jahre. Foto: Willi Adam

Die Stadt sagte zu, das Umfeld mit Bahnhofsplatz, Turm- und die Palmstraße aufzuwerten. Der Investor verpflichtete sich im Gegenzug auf eine gemischte Nutzung, die neben rund 10.000 Quadratmetern Nutzfläche für Handel und Dienstleistungen auch den Bau von 59 Wohnungen in den oberen Stockwerken vorsah, die später von der Wohnbau Lörrach als Generalmieterin übernommen wurden. Teil der Abmachung war auch, dass die Geschäfte nicht als Mall angeordnet, sondern zur besseren städtebaulichen Eingliederung jeweils von außen zugänglich sein sollten. Mit der gemischten Nutzung haben die Projektpartner ganz offensichtlich eine zeitgemäße Lösung gefunden. Die Wohnungen in den oberen beiden Geschossen haben laut Stadtverwaltung einen wesentlichen Beitrag zur Lörracher Wohnungsoffensive geleistet. Außerdem sorgen sie dafür, dass der Komplex den ganzen Tag und abends belebt wirkt. Dazu tragen auch das Fitness- und Wellness-Studio am nördlichen Ende des „Lö“ bei, ebenso wie die Gastronomie an der südlichen, zur Innenstadt gewandten Ecke. Nach Geschäftsschluss gehen beim „Lö“ die Lichter nicht einfach aus.

Zeitgemäße Mischung

Die Läden haben ihren Auftritt zum Bahnhofsplatz hin, was diesen belebt und was die Läden wiederum vom gut frequentierten Umfeld profitieren lässt. Investor Bernard Dov Widerker sieht sich jedenfalls nach fünf Jahren bestätigt. Die Entwicklung sei aus seiner Sicht „erwartungsgemäß sehr gut“. Die Stadt Lörrach hebt vor allem auf die Mischung ab: „Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die enge Verzahnung von Wohnen, Einzelhandel und Dienstleistungen an diesem zentralen Innenstadtstandort, die zu einer lebendigen Nutzung über den gesamten Tagesverlauf beiträgt.“ Für die gesamte Innenstadtentwicklung war das „Lö“ ein Glücksfall. Ohne den Neubau auf dem ehemaligen Post-Areal hätte für die Stadt der Impuls gefehlt, das letzte Stück der Turmstraße zwischen Hebelpark und Bahnhofsplatz auch gestalterisch in eine Fußgängerzone zu verwandeln.

Das „Lö“ und sein Umfeld

Auch die Palmstraße hätte wahrscheinlich vergeblich auf ihre Aufwertung und Verkehrsberuhigung gewartet. Nur mit letzter Kraft hat die Stadt dieses Straßenbauprojekt umsetzen können, das unmittelbar mit dem Ukraine-Krieg und den damit zusammenhängenden Baukostensteigerungen zusammenfiel. Der finanzielle Aufwand war enorm:  Die Stadt hat in den öffentlichen Raum im Umfeld des „Lö“ rund 4,7 Millionen Euro investiert.

Der Investor hat sich daran mit einer mittleren sechsstelligen Summe beteiligt, und an Zuschüssen aus dem städtebaulichen Förderprogramm flossen 1,2 Millionen Euro. Diese Ausgaben seien eine „Investition in Lebensqualität“ gewesen und ein Beispiel für „praktizierte Wirtschaftsförderung“.

Ein Platz als Bindeglied

Bilanzierend spricht die Stadtverwaltung von „langfristig sinnvollen Ausgaben“. Die tagtägliche Zustimmung mit den Füßen gibt dieser Einschätzung recht.

Gestalterisch und funktional kommt dem Bahnhofsplatz im Gesamtkonzept eine Schlüsselrolle zu. Der Lörracher Architekt Fritz Wilhelm, der den Platz in den 1980er-Jahren entworfen hatte, setzte sich für eine behutsame Anpassung ein. Ursprünglich hatte der Platz die Aufgabe, mit den Pavillons die tiefer gelegte Bahnhofstraße zur Stadt abzuschirmen und für die Post – einstmals eine wichtige öffentliche Einrichtung - ein Entree zu schaffen. Mit dem Bedeutungsverlust der Post verlor auch der mit Preisen bedachte Platz einen Teil seiner Funktion. Das hat sich längst wieder geändert. Das „Lö“ sorgt für Belebung und der Platz bietet nach den chirurgischen Eingriffen (weniger Aufbauten, mehr Sitzmöglichkeiten, größere Rampe) nun wieder echte Aufenthaltsqualität und er dient als direkte Verbindung zwischen Nordstadt und Zentrum sowie zwischen Hauptbahnhof und der Fußgängerzone. Das „Lö“-Gebäude, auch wenn es mehr zweckdienliche als große Architektur sei, habe dem Platz immerhin eine klare Fassung gegeben, sagt Fritz Wilhelm. Zwar sei die Dimension des Geschäftshauses für die Größe des Platzes fast etwas zu gewichtig, doch sorge die neue Konstellation doch für eine Belebung. „Die Leute sind da, das ist das Wichtigste“, sagt Fritz Wilhelm.

Gute Geschäfte

Gerade diese Mischung aus Laufkundschaft und Kunden, die gezielt auf den Platz kommen, sorgt im „Lö“ für gute Geschäfte. So berichtet Filialleiterin Jacqueline Lenz von ständig steigenden Umsätzen beim dm-Drogeriemarkt. Im Vergleich zum Auftakt unter Corona-Bedingungen sei die Entwicklung überwältigend. Auch die Gastronomie zieht eine positive Bilanz. Marco Rummenigge vom Restaurant L’Osteria erinnert sich ebenfalls an den mühsamen Start, als in der Corona-Zeit Speisen nur zum Mitnehmen verkauft werden durften. Zwischenzeitlich bescheinigt er dem Standort genau am Übergang zwischen Platz und Fußgängerzone eine hohe Qualität. Die Entwicklung sei „eine schöne Geschichte“, sagt Rummenigge. Nur abends falle die Frequenz beim „Lö“ im Vergleich zum Alten Markt noch etwas ab. Auch der Investor ist zufrieden. Die Umsätze der Mieter würden steigen, so Widerker, „und durch die Neuansiedlung von New Yorker wird die Attraktivität noch weiter gesteigert.“

Die Schattenseite

Gerade die Belebung des Quartiers mit Menschen aller Schichten sorgt auch für Probleme. So hat die Firma Hieber frühzeitig darüber geklagt, dass Angehörige von Randgruppen den Geschäftsverlauf stören würden. In einem Auftritt bei Stern-TV hat Hieber später noch einmal speziell das Problem Ladendiebstahl angesprochen und den seiner Meinung nach zu nachsichtigen Umgang mit diesem Delikt kritisiert. Auch Investor Widerker sieht Handlungsbedarf und beklagt den großen Aufwand für Sicherheitsdienste. In den anderen Teilen des „Lö“ stellt sich das Problem offenbar nicht in dieser Schärfe. „Vielleicht weil wir keinen Alkohol verkaufen“, meint Jacqueline Lenz vom dm-Markt.

Marco Rummenigge meint, in einer Gaststätte, wo Plätze zugewiesen werden, sei die Hemmschwelle größer. Er berichtet davon, dass gelegentlich das Prinzip der „Netten Toilette“ missbraucht werde. So seien auch schon Spritzen gefunden worden. Die Verwaltung nimmt in dieser Sache eine ausgleichende Position ein. Man arbeite gemeinsam an Maßnahmen, um die Aufenthaltsqualität für alle zu sichern, aber „pauschale Bewertungen greifen dabei zu kurz, da die Ursachen vielschichtig sind“.

Ein zweites Stadtzentrum?

Trotz der punktuellen Probleme bewerten Oberbürgermeister Jörg Lutz und Bürgermeisterin Monika Neuhöfer-Avdic in der Stellungnahme der Stadt das gesamte Projekt positiv. Es habe sich „absolut bewährt“ und es sei ein „wesentlicher Baustein der Stadtentwicklung“.

Dass das neue Viertel dem angestammten Zentrum rund um den Alten Markt den Rang ablaufen könnte, sehen die Verantwortlichen im Rathaus jedoch nicht. Aber immerhin: „Der Bahnhofsplatz ist das attraktive Eingangstor für die Lörracher Innenstadt, der das traditionelle Zentrum rund um den Marktplatz sinnvoll ergänzt und erweitert.“