Stuttgarter Fans im Polizeikessel. Foto: ER24 / EinsatzReport24

Im Vorfeld der Partie des VfB in München kam es zu wilden Szenen. In der Folge wurden Personen stundenlang festgesetzt und erkennungsdienstlich behandelt. So liefen die Vorfälle ab.

Ein Angriff auf die Fans des FC Bayern, Jagdszenen im Stadionumfeld, eine kompromisslose Polizeiaktion und Ingewahrsamnahme einer dreistelligen Personenzahl aus der Stuttgarter Ultraszene – der Südgipfel zwischen dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart schrieb seine wohl schlagzeilenträchtigste Geschichte nicht im Stadion, wo die Münchner gegen den VfB die 35. Meisterschaft klarmachten – sondern davor. Was war passiert?

 

Wie immer vor dem traditionsreichen Duell gegen die Bayern machte sich eine vierstellige Zahl VfB-Fans auf nach München. 7.500 Tickets waren offiziell an den VfB Stuttgart abgegeben worden, die bei Ligaspielen übliche Zahl von zehn Prozent der Gesamtkapazität des Stadions. Mehrere Hundert Karten davon gingen an die sogenannte organisierte Szene, zu der die Stuttgarter Ultragruppen gezählt werden dürfen.

Dieser Personenkreis reiste anders als sonst üblich bei Spielen nicht mit Bussen oder per Bahn an, sondern in PKW. In Polizeikreisen wird in solchen Fällen gern von „konspirativer Anreise“ gesprochen, da es so deutlich schwieriger ist, diese Anhänger bereits bei der Anreise kontrolliert in Empfang zu nehmen und in Kolonne zum Stadion zu geleiten.

Konspirative Anreise der VfB-Szene überrascht Polizei komplett

Nachdem die Fahrzeuge nach Informationen unserer Redaktion in Großhadern auf der anderen Seite Münchens abgestellt wurden, machte sich der Tross mit öffentlichen Verkehrsmitteln und ohne Polizeibegleitung auf nach Fröttmaning, dem U-Bahnhof am Stadion. Spätestens dort werden Gästefans normalerweise von Polizeikräften in Empfang genommen und über einen Schotterweg entlang der „Fröttmaninger Heide“ zum Auswärtsblock geleitet. Eine Vorgehensweise, die ein Aufeinandertreffen mit den Heimfans zumindest erschwert, wenn nicht sogar komplett verhindert. Das passierte nach Informationen unserer Redaktion nicht – weil die Polizei völlig überrascht wurde.

Die VfB-Fans nutzen gegen 15.20 Uhr die Gelegenheit für einen Angriff auf die Bayern-Fans. „Es hatte für uns den Anschein, als ob die Aktion geplant war. Es hat nicht spontan ausgeschaut“, sagte Polizeisprecher Christian Drexler am Tag danach und berichtete von 50 Zahnschutzen, etlichen Handschuhen und mehr als 100 Schlauchschals zur Vermummung, die durch die Beamten sichergestellt wurden. Beweismittel, die ebenfalls darauf hindeuten, dass die Aktion der Stuttgarter von langer Hand geplant war. „Solche Chaoten haben hier in München nichts zu suchen. Deswegen greifen wir da durch“, sagte Drexler.

Vermummte Personen greifen Bayern-Fans an

Im Internet kursierende Videos zeigen zum Teil vermummte Personen, die den sogenannten Südkurvenplatz, ein Sammeltreff der Bayern-Fans, ins Visier nehmen. Er liegt am Beginn der Esplanade, wenige Meter weg nur vom U-Bahnhof und den Busparkplätzen der Münchner Fans. Zum Teil ebenfalls vermummte Personen stellen sich ihnen entgegen. Augenzeugen berichten gegenüber unserer Redaktion, dass Bayern-Ultras auch „Normalfans“ dazu animierten, sich anzuschließen, um sich gegen die angreifenden Stuttgarter zu stellen und deren große Zahl auszugleichen.

Im Vordergrund: Vermummte Bayern-Fans, im Hintergrund werdend die VfB-Anhänger mit Schlagstockeinsatz zurückgedrängt. Foto: ER24 / EinsatzReport24

Informationen unserer Redaktion zufolge kam es entgegen der ersten Mitteilung der Polizei München auch zu direktem Kontakt. Erst dann schaffte es die Polizei durch kompromissloses Eingreifen und dem Einsatz von Schlagstock und Pfefferspray, die Kontrahenten zu trennen. Rund 500 Stuttgarter wurden im Nachgang eingekesselt. Sie verpassten das Spiel. Um 17 Uhr kommunizierte das Commando Cannstatt „die Ultraszene ist in einer polizeilichen Maßnahme und wird höchstwahrscheinlich das Spiel verpassen. Es wird daher keinen organisierten Support geben.“ Eine Polizeisprecherin lässt sich in einer Mitteilung wie folgt zitieren: „Derartige Gewalt vor Sportveranstaltungen dulden wir in München nicht.“ Der Vorwurf des Landfriedensbruchs wird erhoben.

Gegen 18.15 Uhr liefen die Kontrollen der eingekesselten Personen an. Sie wurden durchsucht und in der Folge erkennungsdienstlich behandelt (Ausweiskontrolle erfolgt, Fotos werden angefertigt). In einem bereitgestellten Gelenkbus wurden die bereits kontrollierte Personen zu einem Polizeipräsidium verbracht, wo eine Ingewahrsamnahme erfolgte. Der Bus machte die Tour nach Informationen unserer Redaktion zweimal, bis alle 350 Personen auf der Wache waren. Um 19.45 Uhr kam der Personenkreis vollständig im Präsidium an und wurde dort bis etwa 23 Uhr festgehalten.

Ingewahrsamnahmen enden gegen 23 Uhr

Diese Maßnahme verlief friedlich. Die restlichen Personen verblieben bis ebenfalls gegen 23 Uhr im Polizeikessel. Erst als es sich abzeichnete, dass die Lage ruhig bleiben wird, wurden auch diese Personen aus der Maßnahme entlassen und konnten die Heimreise antreten. Es kam zu keinen Verhaftungen.

Die Polizei berichtet in der Folge von zwei verletzten Beamten, die Platzwunden erlitten haben sollen. Die Ermittlungen zu den Vorfällen, die auch den Straftatbestand des Widerstands gegen Polizeibeamte umfasst, dauern seitdem an.

Klar ist bereits, dass die Aktion der Stuttgarter Wasser auf die Mühlen all jener ist, die sich für härtere Maßnahmen gegen Fußballfans und deutlich verschärfte Sicherheitsvorkehrungen rund um Fußballspiele ist. Zumal es zuletzt auch in Stuttgart Vorfälle gab. So wurde beim Spiel gegen den BVB beinahe der Platz gestürmt und zwei Klappstühle wurden aufs Spielfeld geworfen. Bei der nächsten Innenministerkonferenz (IMK) im Juni könnten die Maßnahmen beschlossen werden.