Patti Smith verrät vor ihrer Deutschlandtour, dass Bob Dylan nicht sehr gesellig ist, was sie an Stuttgart, Rimbaud und Springsteen liebt – und was sie an Trump verabscheut.
Patti Smith („Because the Night“) ist eine der bedeutendsten Poetinnen der Rockmusik, Aktivistin und die Patin des Punk. Die 78-Jährige verspricht bei ihrer Deutschlandtour neue Songs und Coverversionen, aber auch Klassiker zu spielen. Im Telefongespräch schwärmt sie auch gut gelaunt von Arthur Rimbaud, ihrem Sohn, der im Patti Smith Quartet Gitarre spielt, und von Bruce Springsteen, schimpft über Donald Trump und verrät, ob Bob Dylan für sie die Dankesrede hält, falls sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird.
Ms. Smith, ich rufe aus Stuttgart an. Hier lebte ja auch einige Zeit der Dichter Arthur Rimbaud, der Sie stark beeinflusst hat.
Arthur war mein Vorbild in jungen Jahren, denn er hatte ein starkes Temperament und war eine Art früher Bob Dylan. Mit 15, 16 Jahren war Rimbaud mein Wegweiser. Später kam Bob Dylan hinzu. Beide liebten die Poesie und hatten eine gewisse Arroganz. Ich habe mich in meiner Jugend an ihnen orientiert.
Spüren Sie eine besondere Verbindung zu Rimbaud, wenn Sie hier sind? Besuchen Sie vielleicht bestimmte Orte?
Ich weiß zwar gar nicht genau, wo er sich in Stuttgart aufhielt, aber ich kann Ihnen eine kleine Geschichte erzählen: Als Arthur in Stuttgart war, versuchte er, Arbeit als Übersetzer zu finden, weil er nichts zu essen hatte. Er brauchte Visitenkarten, um seriöser zu wirken. Er bestellte also Karten in einer Druckerei, konnte sie aber nicht bezahlen. Man gab ihm zehn Stück. Er sollte später wiederkommen, um die restlichen zu bezahlen, aber da er kein Geld hatte, tat er es nie. Von diesen zehn Karten existieren wohl nur noch drei oder vier. Eine davon, vermutlich seine letzte, trug er in der Hosentasche, als er von Stuttgart nach Mailand lief. Als er auf dem Mailänder Domplatz ankam, war er so hungrig und durstig, dass er ohnmächtig wurde. Eine Frau, die ein Zimmervermietungsgeschäft betrieb, nahm ihn auf und pflegte ihn mehrere Wochen. Er schickte dann einen Brief mit der Karte an einen Freund, der „Eine Zeit in der Hölle“ besaß, und notierte die Adresse der Frau auf der Karte. Ob der Freund ihm das Buch schickte, ist nicht bekannt. Die Karte gelangte aber später in den Besitz eines Sammlers, dessen Erben sie an eine Buchhandlung verkauften. Und jetzt besitze ich sie. Ich besitze die Karte, die Rimbaud in der Tasche hatte, als er von Stuttgart nach Mailand lief. Ich schicke Ihnen gerne nachher ein Foto zu.
Oh, das wäre fantastisch, vielen Dank! In Stuttgart traf Rimbaud vor 150 Jahren auch zum letzten Mal Paul Verlaine. Die beiden hatten ja eine hochkomplexe künstlerische, aber auch romantische Beziehung.
Ja, es war eine schwierige Verbindung, die viel Ärger verursachte, aber auch große Kunst hervorbrachte. Sie inspirierte „Eine Zeit in der Hölle“ und Gedichte von beiden. Bei ihrer letzten Begegnung übergab Arthur Verlaine die Manuskripte für „Illuminationen“ – lose Prosagedichte, die er in den letzten Jahren geschrieben hatte, teils vor, teils nach „Eine Zeit in der Hölle“. Er hatte Angst, sie zu verlieren, und vertraute sie Verlaine an, obwohl sie sich vorher eine fürchterliche Auseinandersetzung gehabt hatten. Sie sahen sich nie wieder. Arthur ging nach Afrika und starb jung. Paul Verlaine war eine erstaunliche, komplexe Person, ein wundervoller Dichter, aber jähzornig. Doch er schätzte Rimbauds Werk mehr als jeder andere und erkannte ihn als den größten französischen Dichter an. In Brüssel hatte er zwei Jahre zuvor auf Arthur geschossen und musste deshalb ins Gefängnis. Er hätte die Manuskripte aus Rache wegwerfen können, aber stattdessen bewahrte und veröffentlichte er sie. Ohne Verlaine gäbe es die „Illuminationen“ nicht. In Stuttgart spielten sich also einige entscheidende Dinge ab im Jahr 1875. Als ich jung war, las ich von Verlaine und Rimbaud in Stuttgart, und seitdem hat diese Stadt für mich eine romantische Aura.
Die meisten Menschen denken bei Stuttgart nicht an Romantik, sondern an Mercedes und Porsche.
Ich weiß, aber das ist meine eigene Sichtweise, und die behalte ich bei.
Zurück in die Gegenwart: Im März wurden Sie in New York mit dem Event“ People Have the Power – A Celebration of Patti Smith“ geehrt.
Es war ein berührender Abend in der wunderschönen Carnegie Hall. Ich selbst wollte eigentlich nicht geehrt werden und fühlte mich etwas unwohl. Es gab aber viele Dinge, die mir gefielen und mich überraschten. Scarlett Johansson trug zwei Stücke vor, die ich für Robert Mapplethorpe geschrieben habe, und Michael Shannon las ebenfalls. Ich sang mit meiner Band und meinen Kindern „Peaceable Kingdom“ und „People Have the Power“. Es war schön, Freunde zu sehen, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie kommen, wie Bruce Springsteen und Johnny Depp. Und es ist toll, wenn Freunde deine Songs spielen.
Zum Beispiel?
Johnny Depp sang „Dancing Barefoot“., Karen O sang „Gloria“. Ben Harper spielte eine wunderschöne Version von „Ghost Dance“. Susanna Hoffs von den Bangles sang „Kimberly“ mit so viel Freude. Courtney Barnett überraschte mich mit ihrer Interpretation von „Redondo Beach“. Sie machte aus der Reggae-Nummer einen edgy Rocksong. Ich mag ihre Version sogar mehr als meine eigene. Es war wirklich ein toller Abend.
Bruce Springsteen, mit dem Sie zusammen „Because the Night“ geschrieben haben, hat gerade bei seinen Konzerten in Deutschland sehr deutlich Kritik an Donald Trump geübt.
Ja, das ist großartig.
Haben Künstlerinnen und Künstler die Verantwortung, sich zu solchen Themen zu äußern?
Ich denke, jeder Mensch hat eine Verantwortung und Verpflichtung, das zu tun. Nicht nur Künstler. Künstler können Menschen inspirieren, aber am Ende hat jeder nur eine Stimme. Wenn ein Künstler Hunderttausende dazu inspiriert, gegen Ungerechtigkeit zu stimmen, ist das gut. Aber es ist die Verantwortung aller.Es ist wichtig, dass jemand wie Bruce Springsteen sich zu Wort meldet, denn er hat großen Einfluss, besonders in Amerika. Ich habe ihn angerufen, um ihm zu sagen, wie gut ich finde, dass er das macht.
Was sind Ihre größten Sorgen bezüglich der amerikanischen Gesellschaft, und was gibt Ihnen Hoffnung?
Meine größte Sorge ist der Krieg. Die Bombardierung von Atomanlagen ist unentschuldbar. Ich mache mir wegen der Strahlung Sorgen um die Zivilbevölkerung. Auch was in Palästina geschieht, ist unvertretbar und verfolgt mich täglich. Ich sorge mich zudem um unsere Umwelt. Trump glaubt nicht an den Klimawandel und kümmert sich nicht um den Schutz des Landes. Er sieht in unberührter Natur nur Orte zum Bohren und Bauen. Ich sorge mich um das globale Bewusstsein. Es gibt viele Gründe zur Sorge. Hoffnung finde ich in uns selbst, in der Jugend, in Wählern, in Greta Thunberg, in meiner Tochter. Ich habe Hoffnung in die neuen Generationen, aber wir richten irreparablen Schaden an. Es sollte nicht die Hauptaufgabe zukünftiger Generationen sein, unsere Fehler zu beheben, sondern auf unseren guten Taten aufzubauen.
Sie gehen mit dem Patti Smith Quartett auf Tour. Wie ist es, Ihren Sohn Jackson Smith in Ihrer Band zu haben?
Fantastisch! Mein Sohn spielt seit seinem 15. Lebensjahr immer wieder mit uns. Er ist ein großartiger Gitarrist und sehr talentiert.
Sein Vater war ja auch Fred „Sonic“ Smith, der Gitarrist der legendären New Yorker Proto-Punkband MC5, der im Jahr 1994 gestorben ist.
Ja, Jackson ist seinem Vater sehr ähnlich. Wenn ich ihn auf der Bühne höre oder sehe, ist das unglaublich für mich, denn sein Klang erinnert mich oft an seinen Vater. Jackson kennt das gar nicht, weil er zu jung war, um seinen Vater spielen zu hören, aber er hat dessen Kreativität geerbt. Es ist wunderbar, ihn an meiner Seite zu haben, meinen versierten und aufmerksamen Sohn. Wir stehen früh auf, trinken Kaffee und spazieren gemeinsam durch die Stadt. Ich bin sehr froh, Jackson dabei zu haben.
Und haben Sie eine eigentlich eine Vereinbarung mit Bob Dylan, dass er, wenn Sie wie er den Nobelpreis für Literatur gewinnen, er diesen in Ihrem Namen entgegennimmt?
Das wird nicht passieren (lacht). Bob ist sehr scheu. Es war gut, dass ich für ihn bei der Preisverleihung war, da Bob nicht sehr gesellig ist. Ich konnte ihn zwar nicht wirklich ersetzen, aber ich konnte beobachten, mit Leuten sprechen und mein Bestes geben. Bob hat uns sein Werk geschenkt, mehr erwarte ich nicht. Er hat mich in jungen Jahren gefördert und mir geholfen, nach dem Tod meines Mannes wieder auf die Beine zu kommen. Ich erwarte nichts von ihm und würde ihn nie um etwas bitten.
Patti Smith auf Tournee: Alle Termine
Das Patti Smith Quartet (Patti Smith, Jackson Smith, Tony Shanahan, Sebastien Rochford) tourt im Juli durch Deutschland:
- 1 Juli: Mainz Zitadelle (Tickets gibt es hier)
- 2 Juli: Stuttgart Freilichtbühne Killesberg (Tickets gibt es hier)
- 9 Juli: Hamburg Stadtpark Open Air (TIckets gibt es hier)
- 11 Juli: Berlin Citadel Music Festival (Tickets gibt es hier)
- 14 Juli: München Tollwood (Tickets gibt es hier)
- 15 Juli: Kulmbach Plassenburg Open Air (ausverkauft)
- 17 Juli: Dresden Junge Garde (Tickets gibt es hier)
- 24 Juli: Freiburg ZMF (Tickets gibt es hier)
- 25 Juli: Köln Roncalliplatz Open Air (Tickets gibt es hier)
Im Oktober startet dann eine weitere Tournee, bei der Patti Smith mit ihrer Band das 50-Jahr-Jubiläum ihres Debütalbums „Heroes“ feiert. Termine in Deutschland sind allerdings nicht geplant. Hier gibt es die Übersicht.
Patti Smith
Person
Patti Smith (78) ist Lyrikerin, Sängerin, Songwriterin, Aktivistin, Malerin und Fotografin. Ihr Debütalbum „Horses“ (1975) war ein prägender Einfluss auf die New Yorker Punkrockszene. Neben dem Song „Because the Night“, den sie zusammen mit Bruce Springsteen geschrieben hat, zählen zu ihren bekanntesten Stücken „Frederic“, „Dancing Barefoot“ oder „People Have The Power“. Im Dezember 2016 nahm sie in Namen von Bob Dylan in Stockholm den Nobelpreis für Literatur in Empfang.