Beim Warten aufs Christkind tickt die Uhr besodners langsam. Foto: Fotolia

Wie überbrückt man die Zeit bis zur Bescherung? Wir geben Tipps für den frühen Heiligabend.

Stuttgart - Besonders für Kinder verstreicht die Zeit an keinem anderen Tag so langsam wie am 24. Dezember. Aber auch viele Erwachsene haben Rituale entwickelt, die Stunden bis zur Bescherung zu füllen.

Erinnert sich noch jemand? "Wir warten aufs Christkind" war nicht nur eine Kindersendung der ARD, sondern auch ein Album der Toten Hosen, das die Band unter dem Pseudonym Die Roten Rosen 1998 veröffentlichte. Die Aufnahmen der Weihnachtslieder fanden im Sommer statt. Die Band berichtete, Unmengen an Weihnachtsgebäck gegessen und an Glühwein getrunken zu haben, um in Stimmung zu kommen.

So viel Zeit gilt es nicht mehr zu überbrücken, bis heuer das Christkind kommt. Bereits an diesem Samstag ist Heiligabend. Doch wenn man Kinder hat oder an die eigene Kindheit zurückdenkt, weiß man, wie lang einem die Zeit am 24. Dezember werden kann. Stunden, die man auf unterschiedlichste Art verbringen kann. Redakteure verraten ihre persönlichen Methoden, diese zu füllen.

Die Leere der Stadt

Eine solche Atmosphäre herrscht in der Stadt nur einmal im Jahr, an Heiligabend. Natürlich muss ich noch einkaufen, aber dies gehe ich mit größter Gelassenheit an. Zur Gewohnheit ist es für mich und meine Frau geworden, hinterher ein bisschen durch die Stadt zu flanieren - und zuzuschauen, wie sie sich leert. Das ist meine persönliche Weihnachtsentschleunigung. Danach geht's in die Suite 212, das wortwörtlich erste Haus auf der Theo-Heuss. An Heiligabend ist dort keine Party, sondern eine sehr besinnliche Stimmung. Wir sitzen am Fenster, beobachten, wie sich die Ruhe über der Stadt legt, und trinken einen Tee - und ein Glas Chardonnay. Auf diesen so friedlichen Moment.

Der Takt des Trubels

Wenn's Christkind kommt, hilft kein Improvisieren. Der Heilige Abend gehört minutiös durchgetaktet: aufstehen um 8 Uhr, gemeinsames Frühstück - die Zeit muss sein -, dann ab in den Vorbescherungstrubel; beim Metzger bestelltes Fleisch fürs Fondue abholen, die Baguettes beim Bäcker dito; um 12 Uhr wieder zu Hause, die Kinder zum Christbaumschmücken schicken, auf dem Herd die Brühe ansetzen. Wenn Kugeln, Strohsterne, Figürchen und Lametta hängen, geht es um 15 Uhr in die Kirche zum Krippenspiel. Ob es mit dem Sitzplatz klappt, hängt davon ab, wie wir im Zeitplan liegen. Danach Tisch decken, Spiritus für den Rechaud, dann die Kerzen entzünden, Glöckchen, singen, Christkind reinlassen, Geschenke, essen und todmüde ins Bett fallen. Klingt nicht besinnlich? Stimmt, aber so ist's der Brauch. Zumindest bei mir.

Der Bruch der Tradition

Es ist bei mir gute Tradition, am Nachmittag des Heiligen Abends Freunde zu besuchen. Zwei Schwestern und deren Eltern. Wir schmückten in Gemütsruhe den Baum und überreichten uns Geschenke. Über die Jahre wurde es an Ruhe weniger und an Geschenken mehr: Zunächst stießen die Ehemänner meiner Freundinnen hinzu, später das erste Kind. Inzwischen sind es vier. Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem meine Freundinnen nicht bei den Eltern feiern. Dafür haben sie sich für die Feiertage mit Familien bei mir angesagt. Das ist nur fair. Trotzdem könnte ich - vor lauter Langeweile, der ich mich am 24. Dezember nun ausgesetzt fühle - auf die Idee verfallen, die Zeit zu nutzen, um mir eine Ausrede einfallen zu lassen, warum ich an den Feiertagen nicht kann . . .

Das Ende der Ungeduld

Zum Warten aufs Christkind bleibt nie Zeit. Einkäufe stehen an, der Wein muss gekühlt und der Tisch gedeckt werden. Wenn der Schmortopf im Ofen ist, falle ich mit schweren Gliedern aufs Sofa und träume von damals, als unsere Wohngemeinschaft das Menü für den Heiligen Abend noch gemeinsam vorbereitete. Man ging einkaufen, belohnte sich mit einem Glas Weißwein und ging erst nach Hause, nachdem die Stadt ihre Vorweihnachtshektiker abgeschüttelt hatte. Seit sich die WG aufgelöst hat, ist alles anders. Doch letztendlich hab' ich's doch ganz gut erwischt: Eine Bekannte hat am 24. Dezember Geburtstag. Fast jedes Jahr lädt das Christkindl zum Frühstück oder zum Glas Sekt ein. Und obwohl ich am Abend vorher jedes Mal glaube, dass ich aus Zeitnot nicht hin kann, habe ich bisher nicht ein einziges Mal gefehlt. Der Termin entschleunigt - und ist zur Belohnung geworden.

Der Lohn der Eile

Wie Gummi haben sich die Stunden hingezogen. Geduld, das Christkind kommt bald! Ein Hass-Satz. Es war eine Mischung aus grenzenloser Erwartung und endloser Langeweile, bis am Weihnachtsbaum das Silberglöckchen bimmelte und mich erlöste. Als Kind wurde meine Geduld so strapaziert, dass ich heute an Heiligabend keine Ungeduld mehr empfinde. Ich nutze lieber die Wartezeit. In meinem Wohnort am Fuße der Alb gibt es die Tradition, dass sich die Jugend an Heiligabend gegen Mittag vor einer Kneipe trifft. Die Jungen sind längst erwachsen, viel hat sich geändert. Geblieben ist der Durst. Das haben inzwischen viele Kneipiers gemerkt - und stellen Bierkästen vor die Tür. Die Folge: Von 11 bis 16 Uhr sind die Gassen durch Menschenmassen blockiert. Jeder hat eine Flasche in der Hand. Und jeder begegnet hier - auch ohne Verabredung - guten Freunden, alten Klassenkameraden, neuen Bekannten. Gesprächsstoff gibt es genug. Es geht um Gott und die Welt. Nur übers Christkind wird kein Wort verloren. Lieber noch ein Bier. Bis das Glöckchen bimmelt.