Rainer Bonhof, Weltmeister von 1974 und Vizepräsident von Borussia Mönchengladbach, spricht über den Abschied von Ex-Sportchef Max Eberl, den Kampf gegen den Abstieg – und das Duell beim VfB Stuttgart.
Stuttgart/Mönchengladbach - Wer hätte das gedacht: Borussia Mönchengladbach ist ein Abstiegskandidat in der Bundesliga, wenn es an diesem Samstag Anfang März auswärts gegen den VfB Stuttgart geht (18.30 Uhr). Das treibt auch den Gladbacher Vizepräsidenten Rainer Bonhof um – der aber nicht nur über die Konstellation im Tabellenkeller redet.
Herr Bonhof, nicht nur für den VfB, auch für die Borussia ist die Partie am Samstag extrem wichtig, danach folgen weitere Duelle gegen direkte Konkurrenten im Kampf um den Klassenverbleib. Kann die Gladbacher Mannschaft im Kampf gegen den Abstieg bestehen?
Ja, davon bin ich überzeugt, auch wenn wir in den vergangenen Jahren nichts damit zu hatten. Aber unsere Urgesteine Patrick Herrmann und Tony Jantschke kennen das, die beiden waren ja schon in der Relegation gegen den VfL Bochum im Jahr 2011 dabei. Unser Kapitän Lars Stindl kam aus Hannover und war da nicht nur in der grünen Welle unterwegs, Stefan Lainer hat in Österreich auch schon um den Klassenverbleib gekämpft. Und es gibt noch einige andere, für die das auch zutrifft.
„Jede Mannschaft schleppt im Tabellenkeller Sachen mit sich herum“
Und die anderen? Die Ansprüche der meisten Gladbacher Profis, auch an sich selbst, sind ja höher, was zu einem Problem werden kann.
Alle wissen, worum es geht – das ist das Wesentliche, das man sich in so einer Lage ja auch eingestehen muss: Dass man jeden Punkt braucht und immer mindestens genauso kämpfen muss wie der Gegner. Jede Mannschaft schleppt im Tabellenkeller einen Berg von Sachen mit sich herum – wer das am meisten wegschieben kann am Spieltag über 90 Minuten, der kommt am schnellsten unten raus.
Mittelfristig will sich die Borussia wieder weiter oben in der Tabelle festsetzen. Roland Virkus, der Nachfolger von Sportchef Max Eberl, soll dieses Ziel vorantreiben. Was ist er für ein Typ, wie packt er die Dinge an?
Roland kennt die Abläufe und Anforderungen bei uns aus dem Effeff (Virkus arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Borussia und war zuletzt Direktor des Nachwuchsleistungszentrums, d. Red.). Er ist sehr geradlinig, spricht Klartext und hält mit nichts hinterm Berg.
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Virkus betonte kürzlich, dass man wieder vermehrt auf Talente aus der eigenen Jugend setzen müsse, dass daher allgemein auch mehr Bescheidenheit, was die Ansprüche angeht, gefragt sei. Trotzdem will Gladbach sicher bald wieder um die Europapokalplätze mitspielen. Wie ist das möglich?
Das eine schließt das andere nicht aus. Wir haben in all den Jahren nach der Relegation 2011 junge Leute integriert und sind mehrmals hintereinander in den Europapokal eingezogen. Zudem haben wir in diesen Jahren auch junge, entwicklungsfähige Profis geholt. Diesen Weg haben wir zuletzt ein bisschen verlassen. Ich denke da zum Beispiel auch an Marco Reus zurück, der sich bei uns weiterentwickelt hat, ehe er 2012 in seine Geburtsstadt Dortmund gewechselt ist. Da müssen wir wieder hinkommen, dass wir eigene Talente hochziehen und junge Profis von außen holen.
„Wir alle haben gehofft, dass Max diese Saison noch zu Ende machen kann“
Maßgeblich verantwortlich für den Gladbacher Erfolgsweg war Max Eberl, der 13 Jahre als Sportchef im Amt war. Ende Januar offenbarte er auf der denkwürdigen Pressekonferenz unter Tränen, dass er sich dem Druck nicht mehr gewachsen fühle und keine Kraft mehr habe. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wir alle haben gehofft, dass Max diese Saison vielleicht noch zu Ende machen kann. Das ging dann nicht mehr aus seiner Sicht. Uns allen aus dem Führungskreis war klar, dass wir seinem Wunsch entsprechen. Das war eine verzwickte, schwierige Zeit.
Hätten Sie im Rückblick im Führungskreis etwas anders machen können, vielleicht sogar müssen?
Nein, ich glaube, du kannst da nicht anders handeln. Nachdem Max im Dezember 2020 seinen Vertrag bis 2026 verlängert hatte, wollte er ja eine vierwöchige Pause machen. Die haben wir ihm sofort gewährt und gesagt: Mach‘ das. Auch wenn es im Januar und damit in der Hochzeit der Winter-Transferzeit war.
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Wie kann man sich die Entwicklung danach vorstellen? Max Eberl soll ja unter anderem im Oktober vergangenen Jahres gesagt haben, dass er aufhören will, den Grund final aber erst im Januar dieses Jahres genannt haben.
Wir hatten immer die Hoffnung, dass seine Vertragsverlängerung bis 2026 in seinem Handeln vielleicht noch etwas bewirkt. Dann kam aber irgendwann der Punkt bei ihm, dass er es nicht mehr ausgehalten hat. Die Gründe sind ja bekannt.
Wie haben Sie das konkret wahrgenommen?
Mir fällt da ein Vergleich ein, der es vielleicht ganz gut trifft. Wenn du Zahnschmerzen hast, verspürst du am Anfang in der Regel nur ein leichtes Ziehen. Erst wenn du dann schlimme Schmerzen verspürst, entschließt du dich dazu, zum Zahnarzt zu gehen. Was ich damit sagen will: Das ist ein schleichender Prozess, bei dem du aufpassen musst. Irgendwann geht es nicht mehr – und Max musste sich irgendwann befreien und handeln.
„In normalen Zeiten hast du genügend Phasen, um mal abzuschalten“
Es braucht offenbar noch immer erst solche Ereignisse wie Max Eberls Rückzug, dass das Thema Druck in der Profifußballbranche und ein möglicher besserer Umgang damit zum Thema wird. Wie kann man diesen Druck auf die sportlich Verantwortlichen besser kanalisieren, kann man ihn womöglich auf mehrere Schultern verteilen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass fast alle Verantwortlichen im Profifußball ihren Job in der Regel mit großer Freude ausüben. Denn in normalen Zeiten hast du in der Regel genügend Phasen, um mal abzuschalten. Ich bin überzeugt davon, dass man im sportlichen Bereich einen starken Mann braucht, der die Entscheidungen trifft und sie auch nach außen kommuniziert. Aber wie gesagt, da rede ich von normalen Zeiten.
Die bei Max Eberl irgendwann nicht mehr normal waren?
Nachdem Max den Vertrag bei uns verlängert hat, ist einiges passiert. Die Coronapandemie hat das Handeln bestimmt. Da fängst du als Verantwortlicher an, anders zu denken und dich auch schlechter zu erholen. Du hast Ideen, die du plötzlich nicht mehr umsetzen kannst. Das nimmst du mit nach Hause, das wird nicht besser.
„Wir haben keinen Investor oder sonstige finanzielle Hilfen“
Und der Druck wird immer noch größer.
Ja, wobei Druck und Belastung in gewissem Maße immer dazugehören in unserem Geschäft. Aber einiges wurde eben immer schwieriger in der Pandemie. Ein Beispiel: Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, der sich komplett selbst finanziert, wir haben keinen Investor oder sonstige finanzielle Hilfen. Wir können nur das ausgeben, was wir selbst eingenommen haben. Wenn du aber wie in der Pandemie immer weniger einnimmst, dann kommst du als Verantwortlicher wie Max ins Grübeln. Und das lässt dich auch daheim nicht mehr los.
Wie geht es Max Eberl derzeit, haben Sie Kontakt?
Wir hoffen alle, dass er sich komplett erholt. Er wollte sich komplett zurückziehen, dementsprechend lassen wir ihn gerade natürlich in Ruhe.