Orte der Begegnung werden immer seltener. Das Mehrgenerationenhaus in Donaueschingen stellt sich gegen Trend.
Lautes Geschirrklappern schallt durch das Mehrgenerationenhaus (MGH) in Donaueschingen. Minütlich bringen ehrenamtlich Engagierte Teller mit Maultaschen-Suppe an die Tische des Cafés. Etwa 20 Menschen sind heute da. In größeren wie in kleineren Gruppen, mancher auch alleine.
Vor allem sind es ältere Menschen, die sich an diesem Mittwoch zum Mittagstisch im MGH getroffen haben. Wer in die Runde schaut, sieht schnell, dass man sich hier kennt. Vertraute Gespräche, Lachen, und wer geht, verabschiedet sich nicht nur vom Tisch, sondern vom ganzen Café. „Wir haben Tage, an denen es richtig voll ist, aber es ist nicht immer so“, sagt MGH-Leiterin Martina Ott. Überwiegend kommen zum Mittagstisch Berufstätige und Senioren. Sie haben hier einen Treffpunkt gefunden.
Begegnungen an solchen „Dritten Orten“ werden immer seltener, weiß Thomas Franke vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Die Definition für Dritte Orte: voraussetzungsarme, niedrigschwellige Möglichkeiten der Begegnung, möglichst für alle. Einfach formuliert handelt es sich um Orte, an denen man spontan unter Leute kommen kann. „Im ländlichen Raum gibt es Phänomene wie das Gasthofsterben, wo diese klassischen Dritten Räume wie die Eckkneipe tatsächlich zurückgehen“, so Franke.
Dritte Orte schaffen
Dass diese Art der Treffpunkte in der Krise stecken, liegt laut des Forschers allerdings nicht überall daran, dass es Orte wie das MGH in Donaueschingen nicht mehr gibt. „In urbanen Räumen ist es weniger eine Frage, ob es diese Orte noch gibt, sondern eher, wie man sie weiterentwickeln sollte, um Trends wie Individualisierung und Vereinsamung entgegenzuwirken“, erklärt Franke weiter.
„Heute ist alles isolierter geworden“, sagt auch Heinz Wölfle. Er ist 77 Jahre alt und kommt seit Jahren zum Mittagstisch ins MGH. Einst fand er den Weg durch seine Frau, die sich hier engagierte. Heute möchte er die Gemeinschaft nicht mehr missen: „Es ist ein Raum, der für Ältere die Möglichkeit bietet, sich in angenehmer Gesellschaft zu treffen.“ Trotzdem beobachtet er, dass viele solche Angebote nicht nutzen. Durch das Internet gebe es immer individuellere Interessen, weswegen es schwieriger werde, zusammenzukommen. Besonders betroffen sind davon die Begegnungen zwischen den Generationen, sagt Mittagstisch-Besucherin Ingrid Mild: „Früher gab es noch mehr Dorfgemeinschaft mit Jung und Alt. Das ist heute nicht mehr so“, findet die 82-Jährige.
Angebote für spezielle Gruppen
Begegnungen zwischen jüngeren und älteren Menschen zu fördern, das hat sich das MGH auf die Fahne geschrieben. „Treffpunkt für Jung und Alt“, steht an der Eingangstür geschrieben. Einfach ist das nicht. Beim Mittagstisch sind Jugendliche selten dabei, sagt MGH-Leiterin Martina Ott. Ganztagsschule etwa mache es schwierig, dass Jugendliche Angebote am Nachmittag nutzen könnten. Einfach nur einen Raum anzubieten, reiche nicht. Ott und ihr Team müssen mit speziellen Angeboten auf die Leute zugehen und sie dort abholen müssen, wo sie sind. So gibt es viele spezielle Gruppen, wie etwa Stillgruppen für junge Eltern oder Babysitter-Kurse außerhalb der Schulzeiten, die bei Jugendlichen besonders gefragt seien.
Zu Begegnungen zwischen Senioren und jungen Menschen komme es vor allem bei Veranstaltungen wie dem internationalen Migrations- und Beratungscafé. Auch bei Sonderveranstaltungen wie zum Fasnet-Sonntag 2025 sei die Mischung zwischen Jung und Alt gut. Zudem organisiert das MGH Lesepatenschaften zwischen älteren Menschen und Schülern.
Der richtige Weg
Genau das ist für Experte Thomas Franke der richtige Weg. Die Digitalisierung des Alltags mache Themen wie Alleinsein zu Herausforderungen, ebenso Blasen, aus denen sich der Einzelne nicht herausbewegt. So ist für Franke die klassische Vorstellung eines Dritten Ortes, in den die Leute auch zufällig hineingeraten, nicht mehr zeitgemäß: „Vielleicht kann man eine Komm- durch eine Gehstruktur im Sinne von Gemeinwesenarbeit ergänzen. Auch eine Bibliothek kann nach draußen gehen, um Leute in ihrer Nachbarschaft, in ihrem Quartier zu erreichen.“ So wie das MGH müssten Dritte Orte vielleicht neu gedacht werden. „Wie kann ich Räume nutzbar machen, um für möglichst viele Gruppen ein Angebot zu schaffen?“
Lesepatenschaften und Beratung
Je innovativer Dritte Räume angelegt sind, desto leichter kommen dann auch Generationen in Kontakt. Dinge wie die Lesepatenschaft oder das Migrations-Beratungscafé schaffen laut Ott solche Räume, die ältere und jüngere Menschen gezielt abholen. Dass dies gelingt, ist für Ingrid Mild entscheidend. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Junge kommen“, sagt die Rentnerin bei einer Tasse Kaffee im Anschluss an den Mittagstisch. „Diese Kommunikation ist wichtig, damit sich die Generationen richtig verstehen.“
Eine, die diesen Mehrwert kennt, ist die 19-jährige Lilly Schulze. Sie hat 2025 ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Mehrgenerationenhaus (E-Mail: mgh@caritas-sbk.de) absolviert und kam dort mit älteren Besuchern ins Gespräch. Wichtig war für sie vor allem, die Lebenssituation anderer sehen zu können und einen Blick über den Tellerrand hinaus zu bekommen. Voneinander lernen steht für sie im Mittelpunkt der Begegnungen im MGH. Das könnten gerade die Generationen noch mehr tun, sagt Heinz Wölfle. „Eigentlich kann sich das ganz toll ergänzen.“
Dritte Orte im Wandel
Informelle Treffpunkte:
Als „Dritte Orte“ werden in der Soziologie informelle Treffpunkte bezeichnet, an denen Menschen abseits der Familie und Arbeit oder Schule zusammenkommen können. Wo früher noch spontan in allen Gemeinden Menschen zum Stammtisch in der Eckkneipe oder dem Leseclub in der Bibliothek zusammenkamen, sind solche Orte heute fast ausgestorben. Oder gibt es sie noch, und die Menschen nutzen sie nur nicht mehr? Auf jeden Fall haben Dritte Orte eine Veränderung durchlaufen.