Viel Platz ist oben im Kirchturm in Oberweier nicht. Die Ministranten haben sich dennoch ihren Weg zur Rätsche gebahnt und jeder durfte einmal kräftig dran drehen. Foto: Bohnert-Seidel

Am Karfreitag und Samstag schweigen die Kirchenglocken – leise ist es in Oberweier aber nicht. Die Ministranten laden mit dem Rätschen vom Kirchturm aus zu den Gottesdiensten oder zum Innehalten ein. In diesem Jahr wurden sie vom SWR begleitet.

In Österreich zählt das Rätschen in der Karwoche seit dem Jahr 2015 zum von der UNESCO anerkannten immateriellen Kulturerbe. In Oberweier ist es eine Tradition, die von Ministranten an Ministranten weitergegeben wird. Nachweislich ist das Rätschen schon mehr als 100 Jahre eine Oberweierer Tradition. Jedes Jahr freuen sich die Ministranten auf die eine Viertelstunde, in der das monotone Poltern vom Kirchturm schallt. Das Rätschen übernimmt die Funktion des Glockengeläuts und lädt entweder zum Gottesdienst, zum Angelusgebet oder zum Innehalten ein.

 

Jakob Haas flitzte auf seinem Roller zur Kirche hinauf. Annika Späth schloss sich mit dem Fahrrad an. Die beiden Ministranten waren in diesem Jahr für das Rätschen gemeinsam mit Moritz Moser, Johanna und Hermine Fischer und Hannah Groß eingeteilt. Aber nicht nur die aktuellen Ministranten machten sich auf den Weg zum Kirchturm. Mit von der Partie war auch ein Kreis Ehemaliger sowie ein SWR-Fernsehteam. Seit sieben Jahren sind die jungen Männer Matthias Röderer, Christian Weschle, Marvin Cromer, Max Schulz und Leon Oertel aus dem Ministrantendienst verabschiedet, dem Rätschen an Karfreitag und Karsamstag bleiben sie jedoch treu. Ihre Hilfe werde gebraucht. Ein junger Mann steht immer auf der Rätsche obenauf, damit sie nicht durch das Drehen an der Kurbel einen Sprung macht. An diesem Karfreitag waren sie erstmals nicht so früh aufgestanden. Normalerweise wird ab 6 Uhr morgens gerätscht. In Oberweier findet weder an Karfreitag noch am Karsamstag eine Messe statt. Lediglich die Kinder sind morgens um 11 Uhr zum Kinderkreuzweg eingeladen. Aber auch ihnen darf zur Andacht die Rätsche erklingen.

Getroffen wurde sich am Karfreitag vier Mal, am Samstag drei Mal

Über die schmale Treppe drängten sich die Ministranten in den Turm. Sie machten sich gegenseitig Platz. Obwohl am Karfreitag ein dreiköpfiges Team vom Südwestfernsehen dabei war, passten irgendwie dennoch gut zehn Leute in das dichte Gedränge von Glocken und Rätsche. Das sogenannte Schrapinstrument ist etwa einen Meter lang und 40 Zentimeter hoch sowie 35 Zentimeter breit. Sechs Federblätter liegen über dem Holzkasten. Am Ende sind sie mittels einer Querlatte verbunden. Über eine Kurbel, die mit einzelnen Zähnen an der Walze bestückt ist, werden beim Drehen die Blätter bewegt und erzeugen einen ohrenbetäubenden Lärm. Dass gleich mehrere Personen sich die Kurbel in die Hand geben, zeigt sich in der Anstrengung jedes einzelnen beim Drehen.

Unterstützung erfuhren die älteren Jungs in diesem Jahr von Etienne Kerstin. Nachdem er gefühlt eine Minute an der Kurbel gedreht hatte, reichte er diese an Jakob weiter. Dieser hängte sich rein, als habe er sich zum Ziel gesteckt, so schnell wie noch nie an der Kurbel zu drehen. Hermine und Johanna waren danach ebenfalls dran. Wer fertig war, machte sich dünn und reihte sich an die Kirchturmmauer.

Gut zwölf Minuten erklang das Schrapinstrument. Schwung, Kraft und gleichmäßiger Rhythmus erzeugen nahezu einen stetig lauten Ton. Im Laufe der Jahre haben die „Rätscher“ ihre besondere Technik entwickelt. Einen Probenlauf gibt es natürlich nicht. Kaum verstummt die Glocke nach dem Dreiviertelschlag geht es los. Schweigsam, einer nach dem anderen. Einer besondere Absprache bedarf es nicht. Am Karfreitag trafen sich die Kinder und Jugendlichen vier Mal. Am Karsamstag war das Rätschen drei Mal zu hören.

SWR-Beitrag

Der Beitrag zum Rätschen in Oberweier war sowohl am Karfreitag als auch Samstag im SWR-Fernsehen zu sehen. Wer die Sendung verpasst hat, findet sie in der Mediathek unter www.swrfernsehen.de.