Ein emotionaler Moment: Nach der Überquerung der Bosporus-Brücke ist Nazli Hacibayramoglu am Ziel. Foto: Hacibayramoglu

Zu ihrem 50. Geburtstag macht sich Läuferin Nazli Hacibayramoglu aus Bergfelden ein besonderes Geschenk: 2215,8 Kilometer in die Heimat der Väter nach Istanbul.

Geschafft! Am 9. Mai erreichte Nazli Hacibayramoglu ihr langersehntes Ziel. Zu ihrem 50. Geburtstag am 28. März rannte die gebürtige Empfingerin von Bergfelden aus in die Heimat ihrer Väter nach Istanbul los. Sie erreichte nach 43 Tagesetappen, 2215,8 Kilometern und circa 3.080.000 Schritten Istanbul, wo sie schon erwartet und ordentlich gefeiert wurde.

 

Trotz ein paar Komplikationen mit den türkischen Polizisten, die sie trotz Genehmigung die Bosporus-Brücke nicht überqueren lassen wollten, erreichte die Ultra-Marathon-Läuferin ihr Ziel unter großem Applaus. Daumen nach oben, winkende Autofahrer und türkische Fernsehteams begleiteten sie auf den letzten Metern.

Alleine weiter

Für Nazli Hacibayramoglu ist dies die schönste und berührendste Etappe. Auch bei nicht so tollen Wetterbedingungen wie Dauerregen, Matsch, kniehohem Schnee und Temperaturen bis zu 27 Grad kam bei Hacibayramoglu allerdings nie der Gedanke auf, diesen Lauf aufzugeben, oder gar bereut zu haben, ihn überhaupt gestartet zu sein.

Allerdings war für ihren Begleiter Ingo Schulze bei der 22. Etappe aus gesundheitlichen Gründen in Belgrad Schluss. Sie musste das Läufer-Urgestein aus Nordstetten im Krankenhaus zurücklassen, wo er fünf Tage versorgt – und anschließend zurück nach Deutschland gebracht – wurde. „Ingos Fall ging mir sehr nah. Ich hatte schon morgens den Verdacht, dass etwas nicht stimmt. Was wäre , wenn das unterwegs passiert wäre?“ fragt sie sich. Es habe sie viel Überwindung gekostet, ihn zurück zu lassen. Aber er ermutigte sie: „Du lässt mich und läufst weiter!“

Mit ihrer Freundin hat Hacibayramoglu in Sofia die bangsten Momente des Ultra-Marathon erlebt. Selbstverständlich ist sie auch beim Finale in Istanbul dabei. Foto: Hacibayramoglu

Obwohl sie selbst immer wieder über ihre Motivation staunt, zeigt sie in vielen Situationen einen bemerkenswerten Mut, der ihre Angst beinahe verdrängte. Für manche langen Etappen durch den Wald, die nicht mit dem Auto befahren werden konnten, sucht sie am Vorabend eine andere, fast gleich schnelle Route, die an einer Bundesstraße entlang führt, um sich sicherer und wohler zu fühlen. Auf Waldstrecken, die sich auf circa zehn Kilometer dehnten, und die sie nicht umgehen konnte, folgte sie dem Rat eines Jägers: „Mit einer Trillerpfeife durchrennen und pfeifen, um die Tiere zu überraschen und zu verscheuchen, da man nie wissen kann, welches Tier hinter einem Baum lauert und eventuell angreifen könnte.“

Zwischenfall wirkt nach

Es gibt dennoch Situationen in den sie ein bisschen Bammel hatte, wie bei einem Zusammentreffen mit einem Hund. Ihre Freundin begleitete Hacibayramoglu in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ein Stück mit den Fahrrad. Die Straßen sind sehr holprig – und die Steunerhunde nicht ohne. Als sie an der Bundesstraße entlang joggen, kommt ein Hund auf sie zu, der wahrscheinlich Tollwut hat. Zunächst interessiert sich der Hund nur für ihre Freundin, aber als Hacibayramoglus Mann, der mit dem Auto hinterherfährt, hupt, rennt der Hund auf die Läuferin zu. „Ich hatte ein Pfefferspray dabei für Notfälle. Dabei dachte ich eigentlich nicht an einen Hund“, berichtet sie. Jetzt ist sie froh: „Ich habe das Pfefferspray herausgeholt und den Hund angesprüht. Dann flüchtete ich in den Kofferraum des Begleitautos.“ Dabei gerät sie mit der Hand in den Augenbereich und bekommt die Wirkung des Abwehrsprays selbst zu spüren. Diese Etappe beendet sie dennoch. Allerdings beschäftigt sie der Vorfall noch mehrere Tage.

Besonderes musikalisches Erlebnis

Hacibayramoglu berichtet, dass die Unterkünfte, die sie abends erreicht, nicht immer so waren, wie sie auf Bildern scheinen. So schläft sie manchmal nachts lieber im Auto als in den gebuchten Übernachtungsmöglichkeiten. Eine weitere Herausforderung ist, mit den Menschen aus den verschiedenen Ländern zu kommunizieren. Oft muss die Läuferin sich mit Übersetzter-Apps verständigen. Ein besonderes Erlebnis hat sie aber tatsächlich in Österreich. „In St. Johann am Tauern wurde ich vom Wirt mit einer Musikkapelle überrascht!“ Nicht nur das: Die Gastgeber in der Steiermark haben sogar eine Plakette mit ihrem Namen vorbereitet, die sie ihr jetzt übergeben. Dazu die Musik der siebenköpfigen Kapelle: „Das war eine der schönsten Erfahrungen, an die ich mich gerne und lange erinnern werde.“

Während diesen 43 Tagen hat sie natürlich auch ein bisschen Heimweh nach ihrer kleinen Tochter. Um sich in etwas mauen Zeiten zu motivieren, redet sie sich immer wieder ein, ihr passiere nichts, sie schaffe das. Nach den langen Etappen – die längste maß 62,4 Kilometer – ist die Motivation für die kürzeren Tagesetappen umso größer: Diese Etappen von circa 39,8 Kilometern sind für sie dann im Vergleich nur noch „nix mehr“.

Nazli Hacibayramoglu berichtet, dass morgens vor dem Start der Körper gestreikt hat und der Kopf gedanklich nur Gas geben wollte. Die 49-Jährige Heilpraktikerin und Sportlerin war zum Schluss selber stolz und überrascht von sich. Hätte man ihr vor ein paar Jahren erzählt, sie würde diesen Ultra-Marathon nach Istanbul laufen, hätte sie gesagt: „niemals.“ Sie macht deutlich, dass vieles im Kopf entsteht und die mentale Stärke manchmal größer ist als die körperliche. In ihrem Buch, an dem sie momentan schreibt, wird sie über Tipps, Geschichten und Erfahrungen ihres Laufes aus Athletensicht erzählen. Sie möchte durch das Buch mehr Menschen motivieren, sich zu bewegen und zu zeigen, dass nichts unmöglich ist.

Vorträge geplant

Der eigens zur Unterstützung gegründete Verein „Sulz-Istanbul“ habe weniger Spenden als erhofft beitragen können. Um so größer ist der Dank an an das Sportfachgeschäft, das sie mit Funktionsbekleidung, Schuhen und sonstige Materialien versorgt hat. Nazli Hacibayramoglu plant auch eine Zusammenarbeit mit dem Rottweiler Fachhändler, in deren Rahmen sie Vorträge über Sport, Gesundheit und ihre Erfahrungen im Ultra-Marathon halten möchte. Und es liegt ihr besonders am Herzen, dass der Verein „Sulz-Istandbul“ bestehen bleibt – und wächst. Sie wünscht sich noch mehr Menschen, die sich diesem Verein anschließen, denn: „Bewegung verbindet Menschen, stärkt Gesundheit und schafft Ausgleich.“