Martina Neher wanderte allein in 101 Tagen von Ringingen nach Santiago de Compostela. Sie erzählte unserer Zeitung von ihrer besonderen Reise.
Martina Neher, 46, aufgewachsen in Ringingen, Lehrerin in Untergrupenbach, ist auf der Welt viel herumgekommen. Sie verbrachte ein Jahr als Austauschschülerin in den USA, arbeitete nach der Schulzeit als Au-pair in Spanien, verdingte sich als Surflehrerin in Sardinien und als Tauchlehrerin in Australien. Sie kehrte schließlich nach Europa zurück – „weil es hier am schönsten ist und weil ich nirgendwo anders leben möchte“, sagt sie.
Nicht losgelassen hat sie der Jakobsweg, auf dem sie schon 2022 unterwegs war. Sie „machte“ nur einen Teil des Weges, doch es stand für sie fest: Eines Tages wollte sie die ganze Strecke gehen, von Ringingen/Alb bis Santiago de Compostela/Spanien.
Abschied auf Killer Berg
Am 7. September vergangenen Jahres schlug die Stunde. Freunde und Familie begleiteten sie auf den Killer Berg und nahmen Abschied. Mitgegeben haben sie der Wandererin einen Stein – und einen Auftrag.
Die ersten zwei Wochen marschierte die Ringingerin in Begleitung einer Freundin. Die musste in Vesoul/Frankreich nach Hause zurück. Von da setzte sie ihren Weg alleine fort. Sie übernachtete in Klöstern, ehemaligen Klöstern und in Frankreich in Zimmern, die Hausbesitzer an Jakobswanderer vermieten: Denkwürdige Situationen und denkwürdige Menschen begegneten ihr dabei. Etwa ein Vermieter, der das Badezimmer der Unterkunft mit Erotika plakatiert hatte. („Ich war froh, dass da noch andere kamen, die auch bei dem übernachtet haben“).
Oder ein Herr, der 13 Sprachen beherrscht und sein Haus mit Mäusen teilt. Oder eine südafrikanische Zirkusprinzessin, die sich in Frankreich niedergelassen hat. Die Frau lud die Ringingerin spontan auf einen Kaffee zu sich ein und zeigte ihr Kostüme und Fotos aus ihrer großen Manegenzeit. Andere Episode: Im riesigen Schulungsgebäude eines Zisterzienserklosters war Martina Neher der einzige Übernachtungsgast. „Das war so gespenstisch, dass ich die Eingangstür verbarrikadiert habe.“
„Ich war so krank, dass ich dachte, ich muss abbrechen“
Sie ging überwiegend alleine. Bis Le Puy/Frankreich! 150 Wanderer drängten sich dort morgens beim Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame zum Abmarsch. Es war der Beginn der französischen Herbstferien. Fortan, auf der Wegstrecke „Via Podiensis“, erzählt die Ringingerin, veränderte sich nicht nur die Zahl der Wanderer und Pilger, sondern auch die Infrastruktur. Regelmäßig tauchten jetzt professionell betriebene Pilgerherbergen auf. Nach den Ferien war die Deutsche allerdings wieder weitgehend alleine auf weiter Flur.
In Logroño/Spanien erwischte sie ein Infekt. „Ich war so krank, dass ich dachte, ich muss abbrechen. Aber ich wurde in der Herberge gut gepflegt.“ Die Etappe über die Pyrenäen zum Camino Francés überschritt Martina Neher in einer Gruppe im Neuschnee. In der Meseta, dem stillen Mittelteil des Weges zwischen Burgos und León kehrte sie schließlich auf ihre Spuren des Jahres 2022 zurück. „Da bin ich vielen Menschen wiederbegegnet, die mich noch kannten.“
Kein Gratis-Essen!
Das Ziel Santiago de Compostela vor Augen, so gibt sie zu, sei sie „zur Heulsuse“ geworden. „Am Anfang denkst du: 2000 Kilometer, schaffe ich das? Und am Schluss denkst du: Jetzt ist es schon so bald vorbei.“ Als sie in Santiago einlief, seien ihr tatsächlich die Tränen über die Wangen gelaufen.
Geärgert hat sie sich jedoch ebenfalls. Nämlich, als sie erfuhr, dass die Herberge geschlossen hat, die regelmäßig den ersten zehn Eintreffenden des Tages ein freies Essen verspricht. „Da war der Schwabe in mir durchgekommen. Ich bin extra früh aufgestanden und bin als Erste dagewesen.“ Und dann war’s nix!
Die letzte Etappe führte sie ans Finisterre, von dem die Alten glaubten, es markiere das Ende der Welt. Dort nehmen heutige Jakobswanderer ein Bad im Atlantik, um ihre Reise rituell zu beenden. Noch vor Kurzem war es Brauch, hier seine Reisekleidung zu verbrennen. Doch das sei mittlerweile verboten, berichtet die Ringingerin.
600 Kilometer mehr als geplant
101 Tage, 2800 Kilometer! Geplant hatte Martina Neher 2200, doch sie sei immer wieder Umwege gegangen, um Sehenswürdigkeiten „mitzunehmen“. „Ich bin kein sonderlich spiritueller Mensch“, sagt die 46-Jährige über sich selbst. Was sie fasziniere, seien Baudenkmäler, Kultur, in allererster Linie jedoch Begegnungen mit Menschen. Die sportliche Herausforderung habe ebenfalls eine Rolle gespielt. Also keine spirituelle Erfahrung? Am Schluss dann doch, das sei unumgänglich. „Du hast viel Zeit, um nachzudenken. Dieser Weg macht etwas mit dir, er verändert dich!“
Die Abenteurerin will in kommenden Jahren andere Abschnitte und Zubringer des Jakobsweges begehen. Den Hauptweg eher nicht, den kenne sie ja nun. „Das habe ich nicht für irgendjemand gemacht, sondern für mich. Und das nimmt mir niemand mehr.“ Falls sie dennoch zurückkehren sollte, keinesfalls in der Hochsaison, sondern erneut in der stillen Jahreszeit: „Im Sommer ist das ein Wettrennen. 2025 wurden auf dem Hauptweg Camino Francés 500.000 Leute registriert. Da läufst du im Pulk ständig mit 40 anderen um dich rum, und abends schlagen sie sich um die Betten. Das wäre für mich der Horror.“
Und was wurde zuletzt aus dem Ringinger Stein? Er symbolisierte die Sorgen und Probleme der Freunde und Verwandten. Die Wandererin hat ihn auftragsgemäß am Cruz de Ferro auf zwischen Foncebadón und Ponferrada abgelegt, wo Tausenden von anderen Pilgern und Wanderern aus der ganzen Welt liegen. Man sagt, dass die den Steinen mitgegebenen Nöte und Lasten dort ihre Ruhe finden.