Mit der Ballett-Gala im Backsteinbau öffnet Sven Gnass zum Start der Musiktage Horb eine neue Tür in Sulz. Zu erleben sind auch Abschlussschüler der John Cranko Schule.
Das macht Lust auf mehr: Die Ballett-Gala fand in der Stadthalle im Backsteinbau zwar, der Sicht wegen, nicht den optimalen Raum – um das Negative vorweg zu nehmen –, doch durften die rund 400 Besucher Tanzkunst in begeisternder Form mit Tänzern von Rang erleben.
Zu Gast waren die Musiktage Horb, mit für die Region eher seltenen Veranstaltung. Sven Gnass holte Schüler der John Cranko Schule, Alessandro Giaquinto, bis vor kurzem Demi-Solist des Stuttgarter Balletts und Laura Miotti nach Sulz. Für die Musik gewann er die Streicher der Badischen Philharmonie.
Gelungene Eröffnung
Auf dem Programm stand zunächst Mozarts „Salzburger Sinfonie“ Nr. 3 (KV 138), an diesem fast sommerlichen Abend ein echter Opener, der das Publikum rasch in die Veranstaltung holte. Das Orchester spielte anmutig – und erntete sogar Satzapplaus. Im Rondo gab es dann auch eine erste tänzerische Intervention, die den Raum förmlich für das Bevorstehende öffnen sollte.
Und für dieses hatte sich Gnass zwei Werke ausgesucht, die beide durch ihre bilderreiche Musiksprache sehr suggestive sind, dennoch in der Wirkung grundverschieden. Denn das von Remo Giazotto geschriebene „Adagio in g-moll“, das als vermeintliche Entdeckung eines Autographs von Tomaso Albinoni in die Welt kam, mit seiner hinreißend schönen, ja, schon fast kitschigen Melancholie regt genau so an den Gemütern wie die „Metamorphosen“ von Richard Strauss. Diese musikalische Verarbeitung des Verlusts westlicher Kultur, ein vermutetes Ende, birgt mit der Schilderung schrecklicher Erlebnisse und verdrängter, auch schmerzhafter Erinnerung die Hoffnung auf Neues. Sie sind länger, komplexer als das Adagio, winden sich durch die Gefühlsfarben, erzählen, dokumentieren, kommentieren.
Wohltuend leicht und beredt
Yerin Ok und Jiei Inoue, Schüler der „Akademie A“ der John Cranko Schule, beide kurz vor ihrem Abschluss bereits für Compagnien verpflichtet und wenige Tage zuvor noch im Lincoln Center in New York auf der Bühne, tanzten eine Choreographie von Germal Casado, die das „Adagio“ in zwingende, teilweise grafische Bilder auflöst, seine prozedurale Anlage gleichzeitig durch eine organische Entwicklung der Figuren betont. Es war ein starker Einstand, konzentriert, gleichzeitig erstaunlich luftig und wohltuend leicht.
Nach der Pause gab Gnass dem Publikum Gelegenheit, ein bisschen in Strauss’ „Metamorphosen“ einzutauchen, indem er mehrere Motive aus dem Stück löste und mit Bedeutungshintergründen vorstellte. Dann waren Alessandro Giaquinto und Laura Miotti gefordert.
Die Besucher erlebten eine echte Premiere – und ein Beispiel moderner Tanzkunst, die die Musik betont auch indem sie sie kontrastiert. Der expressive Pas de Deux fand Entgegensetzungen zu den musikalischen Bildern, die Szene bot mitunter zwei Ausdeutungen eines Themas. Der Effekt: Beides bedingte sich, Tanz und Musik bekamen mehr Raum und Gewicht.
Dabei waren nicht nur die am menschlichen Erfahrungshorizont abgleichbaren Gesten und Figuren, das Sich-Quälen, Verlangen, Suchen und Hoffen faszinierend. Die Organität, in der das Duo den ganzen Bühnenraum als quasi dritte Instanz einbezog, war schlicht begeisternd.