Dieses gute Stück hat eine weite Reise hinter sich. Foto: privat

Im Schrank eines Ettenheimers hängt ein alter Frack, hergestellt in New York im Jahr 1929. Eine Spur führt sogar ins Weiße Haus.

Man kennt’s: „Bestellt und nicht abgeholt“ – oder, wie man das auf Alemannisch sagt: „Wie bschtellt un nit abgholt“. Ob man das nur als Redewendung kennt oder selber schon persönlich erfahren musste: In aller Regel ist der Spruch negativ belastet – nicht aber, wenn es um einen alten Mantel geht, der alljährlich zur Fasent in Ettenheim zu sehen ist.

 

Erst in den Tagen, an denen sich die Narren Gedanken machen, was sie zu welchem närrischen Anlass tragen werden, hat ein Ettenheimer verraten, dass er zur Saalfasent traditionsgemäß nach alter Väter-Sitte einen Frack trägt – ein edler Zwirn, und zwar aus renommiertem Hause. Allenfalls das mürbe, angerissene Innenfutter deutet auf das beachtliche Alter von inzwischen 97 Jahren hin.

Und begibt man sich auf die Spurensuche nach der Herkunft des vornehmen Bekleidungsstücks, stutzt man zwangsläufig beim Aufnäher in der Innentasche: „M. Rock, 315 Fifth Avenue N.Y.“ – New York also. Und da der Aufnäher noch mit einer individuellen Nummer (No. 4693) versehen ist – Anfertigung also personifiziert und maßgeschneidert – ist die Neugier zusätzlich angestachelt. Bei einer Internetrecherche stößt man auf den Namen Matthew Rock.

Und man erfährt: Von März 1894 an betrieb dieser in New York eine Schneiderei – offenbar eine sehr renommierte. Die Zeitung „Sun“ nannte ihn „einen der bekanntesten Schneider New Yorks“. Sein Renommee brachte ihm ein Vermögen ein. Rock investierte massiv in Immobilien. Auf dem Gelände des ursprünglich vierstöckigen Gebäudes in der Fifth Avenue, in dem er 21 Jahre lang Schneiderei und Geschäft betrieb, investierte er in ein elfstöckiges Gebäude, das als „Rockbuilding“ Bekanntheit erlangt hat – und noch heute die Fifth Avenue ziert.

Nun aber zurück zur Frage: Wie kommt ein solch berühmter Frack von New York nach Ettenheim? Den Hofstaat des Kardinal Rohan gab es da ja längst nicht mehr, zu dem so nobler Zwirn vielleicht gepasst hätte. Nein: Fakt ist, dass zwei Onkel des heutigen närrischen Ettenheimer Frackträgers, der sich beim Besuch unserer Redaktion etwas kamerascheu zeigt, um das Jahr 1920 – also kurz nach dem Ersten Weltkrieg – aufgrund der damaligen Wirtschaftskrise hierzulande in die Staaten ausgewandert sind. Einer der beiden war gelernter Schneidermeister, betrieb in New York eine Reinigung.

In den 1930er-Jahren kam er nach Ettenheim

Der Erwerbszweig, in dem er für sich eine Chance sah, sollte nun in der Frack-Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Und zwar eine, bei der sich das Kopfschütteln nach dem Motto „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht“ einmal mehr bestätigen sollte. Zu Adolph (so der Vorname des damals aus Sigmaringen Ausgewanderten und Onkel des heutigen Frackträgers) nämlich wurde eines Tages ein Frack zur Reinigung gebracht – und nie mehr abgeholt. Und so schließt sich der Kreis zum eingangs zitierten Spruch: „Bschtellt un nit abgholt“.

Und was macht der Onkel – vor lauter „Fracksausen“, dass der edle Zwirn irgendwann einfach entsorgt wird? Er schickt in den 1930er-Jahren das wertvolle Stück zurück in seine Heimat. Er weiß um die närrische Ader seiner Schwester. Und diese trägt dann den Frack tatsächlich regelmäßig in der „fünften Jahreszeit“.

Und ab da ist die Weltreise des edlen Stücks von New York nach Ettenheim schnell erzählt: Von der Mutter des eingebürgerten Schwaben zum Sohnemann – und schon hat das närrische Ettenheim einen Frackträger mehr.

Brief von Roosevelt

Dass der Schneider Matthew Rock, der den Ettenheimer Zwirn hergestellt hatte, offenbar eine große Nummer in der Modeindustrie war, bestätigt ein Brief aus dem Weißen Haus. Der Absender: kein geringerer als Theodore Roosevelt, der 26. Präsident der USA. Dieser bat in einem Schreiben vom 22. Dezember 1904 darum, dass Material an einen gewissen „M. Rock“ gesendet wird, damit dieser ihm einen Frack schneidern kann. Dieser trug Roosevelt schließlich bei seiner Amtseinführung.