Bei den Touren zum "Warmlaufen" war für Jürgen Behr alles in Ordnung. Kritisch wurde es erst später. Foto: Behr

Das Gefühl, dass dem Körper alles abverlangt wird und jeder Schritt ein Kampf ist, das kennt Jürgen Behr gut. Der 66-Jährige ist passionierter Bergsteiger und hat sich kürzlich auf eine gefährliche Tour an der Grenze von Kirgistan zu Tadschikistan aufgemacht. 

Epfendorf - "Bevor ich gegangen bin, habe ich privat und beruflich alles geregelt, falls ich nicht zurückkommen sollte", sagt der Epfendorfer. Das klinge dramatisch, sei aber notwendig. "Bevor man so eine Tour beginnt, muss man wissen, was passieren kann."

 

Gefährliche Situationen hat der Epfendorfer Gemeinderat schon einige Male erlebt auf seinen Touren, etwa einmal auf den Bernina-Alpen, als seine Gruppe vom Hubschrauber gerettet werden musste. Den Kilimandscharo mit 5895 Metern Höhe hat Jürgen Behr schon bezwungen. Es war sein höchster Gipfel – und dennoch nicht zu vergleichen mit dem, was ihm diesmal bevorstand.

Pik Lenin ist das Ziel

Behr hatte Großes vor. "Eigentlich wollte ich in den Himalaya, aber da muss man technisch gut drauf sein." Stattdessen erfuhr er über den staatlich geprüften Berg- und Skiführer Hans Honold, der auch schon auf dem Forschungsschiff Polarstern war, von einer professionellen Expedition auf den 7134 Meter hohen Pik Lenin. Der Epfendorfer beschloss, die nächste Etappe in Angriff zu nehmen.

Coronabedingt verschob sich der Trip jedoch. Ersatzweise bestieg Behr 2020 den rund 4100 Meter hohen Mönch in den Schweizer Alpen. Diesen Sommer war es jedoch dann soweit. Der Tour war eine umfangreiche Vorbereitung vorausgegangen. Man brauche spezielle und sehr teure Kleidung für 8000er-Gipfel und müsse für jedes Wetter gerüstet sein, sonst bestehe die Gefahr, dass man erfriere, herrschten auf dem Gipfel doch lediglich minus 30 Grad.

Genauso wichtig wie eine gute Ausrüstung sei die Vorbereitung von Körper und Psyche, erklärt Jürgen Behr. Ein Jahr vor dem Trip habe er schon mit dem Training begonnen, sei beinahe jeden Tag Fahrrad gefahren und habe den rund 990 Meter hohen Dreifaltigkeitsberg mit einem schweren Rucksack bestiegen – sechs Mal hoch, sechs mal runter am Stück.

Hinzu kam, dass Behr 14 Tage unter der fachmännischen Betreuung eines Profi-Radfahrers aus Kitzbühel durchgehend in einem Hypoxie-Zelt verbrachte. Dieses sei fürs Bergsteigertraining ideal, weil es die Bedingungen auf einer bestimmten Höhe, die man selbst einstellen könne, simuliere.

Gefahr Höhenkrankheit

Schließlich stellt die Höhenkrankheit eine der größten Gefahren dar. Durch den Mangel an Sauerstoff in großen Höhen ab etwa 2500 Metern kann es bei untrainierten Menschen zu Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und schlimmstenfalls zu Lungen- und Hirnödemen kommen, die zum Tod führen können.

Dann ging die Tour in die wilde, eisige Gletscherwelt auch schon los. Drei Tage dauerte allein die Anreise. Von München aus flog Behr nach Istanbul, dann weiter ins kirgisische Bischkek und nach Osch. Von da aus ging es noch einige Stunden mit dem Auto zum Basiscamp auf 3600 Metern Höhe.

Kaum war er da angekommen, konnte Behr nicht mehr richtig schlafen, wie er erzählt. Im Camp traf man Bergsteiger aus aller Welt. In den Tagen darauf bestieg die Gruppe, mit der er unterwegs war, zweimal einen 4000er-Gipfel. Das Gepäck konnte teilweise auf Pferde verladen werden.

Die nächste Station zum Übernachten war das ABC-Camp in 4400 Metern Höhe. Zweimal bestieg man einen 5000er-Gipfel zum "Warmlaufen". Behr hatte regelmäßig Puls und PH-Wert gemessen. Er fühlte sich akklimatisiert.

Am Tag nach der 5000er-Besteigung ging es weiter vom ABC ins Lager 1 auf 5300 Metern Höhe, ehe es einen Tag später ins Lager 2 (6100 Meter) gehen sollte. Mit rund 15 Kilogramm Gepäck machte sich die Truppe an den Anstieg. Rückblickend sagt Behr: "Zwei bis drei Tage Pause zur Regeneration wären wichtig gewesen." So aber spürte er in etwa 5100 Metern Höhe nach dem Aufstieg über vormontierte Leitern, dass sich sein Körper meldete. "Als Bergsteiger habe ich gelernt, auf seine Signale zu hören." Die Gruppe legte eine Pause ein, doch nur kurze Zeit nach Fortsetzung der Tour auf rund 5300 Metern spürte Behr, dass er seine Grenze erreicht hatte.

Nichts geht mehr

Und wenn einer nicht mehr kann, müssen alle zurück ins ABC-Camp. Dort angekommen, war Behr klar, dass er es nicht schaffen würde. Sein Körper streikte. Schweren Herzens verließ er die Gruppe und stieg allein ins Basislager hinab.

"Rückblickend war das ein Schnellschuss. Ich hätte mir mehr Zeit für einen erneuten Aufstieg nehmen sollen", sagt Behr heute. Nach einer Schlechtwetterfront entschloss sich Behr drei Tage später zum Abbruch der Expedition. Er spürte, dass eine Krankheit im Anflug war. Der Körper war geschwächt, auch aufgrund der Schlaflosigkeit der zurückliegenden zehn Tage und der psychischen Belastung. Auf dem Rückflug ging es Behr von Stunde zu Stunde schlechter.

Nach zwei Wochen harter Arbeit für Körper und Geist zu Hause angekommen, lag er mit einer Sommergrippe flach. "Im Endeffekt hätte mir die Krankheit also auch einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt Behr. Trotzdem war die Enttäuschung lange sehr groß, wie der ehrgeizige Epfendorfer zugibt. "Ich bin in ein Loch gefallen und fand nur schwer in die Welt zu Hause hinein." Der Rest seiner Gruppe hatte es übrigens auch nicht auf den Gipfel geschafft – erst aufgrund einer Schlechtwetterfront und dann weil der Bergführer eine Mittelohrenentzündung erlitten hatte.

Kurz trug Behr sich mit dem Gedanken, ein paar Wochen später wieder hinzufliegen und mit einer anderen Expeditionsgruppe einen neuen Versuch zu starten. Doch er entschied sich dagegen. "Ich wollte das Erlebte in Ruhe aufarbeiten." Auch bei der zweiten Expedition hatte es niemand nach oben geschafft, wie sich später zeigte. Ein Bergsteiger hatte auf 6100 Metern einen Kreislaufkollaps erlitten. "Der Pik Lenin ist technisch eigentlich nicht schwer, aber körperlich äußerst fordernd", weiß Behr nun.

Inzwischen hat der 66-Jährige das Erlebte verarbeitet und sich zum Ziel gesetzt, sofern sein Gesundheits- und Fitnesszustand so bleibt, es 2022 noch einmal zu versuchen – diesmal mit mehr Krafttraining als Vorbereitung. Doch wozu diese Strapazen? "Wenn ich einen Berg sehe, dann legt sich bei mir ein Schalter um", erklärt der Epfendorfer. Dabei sei er eigentlich nicht richtig schwindelfrei und müsse immer kurz schlucken, wenn er vor dem zu betsteigenden Berg stehe. Doch sobald der Aufstieg beginne, müsse die Angst weg sein. "Man muss jeden Schritt bedenken. Viel gefährlicher als der Aufstieg ist der Abstieg, weil Körper und Geist dann müde sind und leichter Fehler machen", weiß er. "Wenn man nicht richtig aufpasst, macht man den Abflug."