Ein seltenes Bild: Holger Keppel mit Krawatte, die von seiner Tochter Stephanie bemalt wurde. (Archiv-Foto) Foto: Ranft

Wer wie der langjährige Rottenburger Baubürgermeister Holger Keppel (69) im Herbst seinen runden Geburtstag feiern darf und über viele Jahre hinweg in der Öffentlichkeit stand, der darf schon einmal daran denken, seine Memoiren zu schreiben.

Rottenburg - Insbesondere dann, wenn er einen dementsprechenden Bekanntheitsgrad und – oder Besonderes geleistet hat. Letzteres trifft auf Holger Keppel zu, der allerdings keine Memoiren schrieb, sondern eine kleine aber feine Lektüre – wie es Oberbürgermeister Stephan Neher im Grußwort des Büchleins "vom Rathaus in den Ruhestand" ausdrückte. Unlängst wurde dieses Buch in Rottenburg im Hause des Verlegers Ernst Heimes vorgestellt. Dazu inspiriert, seine Anekdoten, die er im Laufe seines Lebens sporadisch aufgeschrieben und in einem Ordner aufbewahrt hatte, doch in einem Buch zusammenzufassen, wurde Keppel durch eine Arbeitskollegin.

In Rastatt geboren

Im ersten Teil seines neu geschaffenen Werkes gibt der in Rastatt geborene und in Mannheim aufgewachsene Autor mit einem gewissen Augenzwinkern Anekdoten und Planungssatiren aus seinem – vor allem Rottenburger Berufsleben – zum Besten. (Von 1978 bis 1991 führte er dort das Stadtplanungsamt und ab dato bis 2011 war er Baubürgermeister). Im zweiten, etwas kleineren Teil findet man dann Alltagsgeschichten aus seinem "Unruhestand". Gebunden ist das 92 Seiten umfassende Buch in Bordeauxrot (Keppels Lieblingsfarbe) und das Cover ziert das beleuchtete Fenster seines Arbeitszimmers gegenüber dem Rottenburger Marktplatz. Daneben ist ein Sonnenuntergang in Malawi zu sehen, einem südostafrikanischen Land, welches Keppel mittlerweile zur zweiten Heimat geworden ist.

Natürlich kommt in diesen schmuck verpackten Anekdoten auch die spitzbübische Seite des Verfassers zum Ausdruck und beim Lesen ist es von Vorteil, wenn man sich in der jüngeren kommunalpolitischen Geschichte Rottenburgs ein wenig auskennt, zumal Keppel und seine Hauptakteure im Buch als Pseudonyme auftreten, die allesamt ein gehöriges Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben haben. Keppel selbst nennt sich dann darin rückwärts gelesen "Leppek", hinter "Konsul Sonnenfest" hat er wohl Ex-OB Regenbrecht versteckt und mit "Ben Alpha" seinen Amtsnachfolger Winfried Löffler.

"Ben Alpha" so schreibt "Leppek", sei ihm, dem damals noch jungen Stadtplaner mit Durchsetzungsvermögen, besonders gewogen gewesen, allerdings nur kurz. Als die Forderung nach einem Baubürgermeister immer lauter geworden sei, habe "Ben Alpha" ihm seinerzeit abgeraten, für die wenig attraktive und zeitaufreibende Stelle eines "Bauschultes" zu kandidieren, er solle doch lieber im Stadtplanungsamt bleiben, denn dieses Amt werde künftig bedeutungsvoller werden, als das des "Bauschultes". "Leppek" kandidierte aber trotzdem und wurde "Baubürgermeister". Darüber hätten sich alle gefreut, bis auf Einen, so "Leppek".

Zur Audienz geladen

Das Buch handelt dann im ersten Teil davon, was den Stadtplaner und späteren Baubürgermeister so umtrieb, gibt seine Erfahrungen mit der Verwaltung, dem Gemeinderat, den Bürgern und den Gutachtern wider, ruft die Entwicklung der Stadt in Erinnerung, aber auch manche Planungs- und Bausünden. Natürlich findet auch die Troika – ein Wort, das wohl ein findiger Schreiberling irgendwann einmal einführte und damit die einstige Rathausspitze in der Ära Tappeser meinte – ihren Platz. Besagte Troika war anlässlich der Ernennung des Bischofs zum Kardinal zur Audienz eingeladen und beim Rückweg durch die "Heiligen Hallen" des bischöflichen Palais entdeckte der "Bau-Troikaner" eine mit vielen roten und schwarzen Knöpfen bestückte Europakarte, darunter war dann auch ein schwarzer Steckknopf, der auf Malta steckte. Kurzum, "Leppek" tauschte den schwarzen Knopf auf Malta gegen den roten Knopf auf Sizilien aus. Allerdings hielten die Steckknöpfe auf der harten Unterlage nicht und mehrere davon fielen zu Boden. Dadurch war plötzlich ganz Süditalien von Bischofssitzen und Klöstern befreit. Dem dazugekommenen Obertroikaner missfiel die ganze Aktion und er versuchte, seinem Bau-Troikaner zu helfen. Just in diesem Moment kamen der Kardinal und sein Gefolge um die Ecke und die Rottenburger Rathaustroika entschloss sich zur Flucht, die getreu dem Motto "nach uns die Sintflut" dann auch gelang.

Dem heutigen OB Stephan Neher war es vergönnt, noch drei Jahre mit Keppel zusammenzuarbeiten, bevor dieser 2011, gebührend verabschiedet, in den Ruhestand ging. Zuvor hatte es dieser mit den OBs Regenbrecht, Löffler und Tappeser zu tun gehabt, die er allesamt im Amt überlebte. Im Volksmund wurde das Wort "überlebt" auch schon mal durch "verschlissen" ersetzt.

Mit Mistgabel im Gremium

In der Tat, Keppel konnte zunächst als Leiter des Stadtplanungsamtes, später dann als Baubürgermeister ab und zu unbequem sein, was für den einen oder anderen Stadt- oder Ortschaftsrat Grund genug war, ihm verbal "an’s Bein zu pinkeln". "Habe ich dann dazu etwas gesagt, war ich derjenige, der polarisiert hat und habe ich nichts gesagt, hat man mir Arroganz unterstellt", so Keppel in einem Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten, in dem er allerdings auch einräumte, dass er zwar einstecken konnte, das Eine oder Andere ihn aber dann doch belastet habe.

Zumindest ein bisschen Provokation musste aber trotzdem sein. Schlagzeilen machte Keppel einmal, indem er mit einer Mistgabel eine Ortschaftsratssitzung in Ergenzingen besuchte. Der damals weitum bekannte Ergenzinger Stadtrat Lothar Gugel hatte zuvor kundgetan, auf dem Rathaus gehöre ausgemistet. Keppel überraschte dann die teilweise aufgebrachten Ortschaftsräte mit der Bemerkung: "Heute fangen wir mit dem Ausmisten an." Dieser Auftritt brachte ihm 2004 dann auch die Ehre ein, vor das Hexengericht der Ergenzinger Narren zitiert zu werden. Keppel war eben Keppel, getreu Luthers prägendem Satz "Hier stehe ich, ich kann nicht anders".

Viel gereist

Der "harte Hund", für den ihn Manche hielten, war er im Grunde genommen aber nicht. Keppel hatte und hat auch heute noch eine sehr soziale Ader. Auch seine ehemaligen Mitarbeiter im Rathaus bestätigten schon oft: "Er war ein guter Chef und er hat sich immer für uns eingesetzt."

Keppels Anekdoten im zweiten Buchteil entnimmt man, dass er in seinen zehn Jahren als Pensionär viel gereist ist. Er besuchte unter anderem Frankreich, Korsika, Tschechien und nicht zuletzt eines der ärmsten Länder der Welt im Südosten Afrikas: Malawi. Dieses Land lernte er zunächst durch die Bekanntschaft mit einem Architekten und durch einen Zeitungsartikel kennen. Seine ersten Reise dorthin löste dann bei Keppel das Bedürfnis aus, helfen zu müssen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben, es fehlt an den elementarsten Dingen, wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen und sanitären Anlagen. Schon seit vielen Jahren unterstützt Keppel deshalb verschiedene Projekte in diesem Land. Letzteres wird er im Herbst dieses Jahres wieder besuchen. 2013 gründete er die Hilfsorganisation "Malawi Freunde Rottenburg" Diesem Verein kommt auch der Erlös aus dem Verkauf des Buches zugute.

Holger Keppels Buch "Vom Rathaus in den Ruhestand" erscheint im Rottenburger Verlag "Haus am Nepomuk" und kostet 25 Euro. Erwerben kann man es in der Buchhandlung Osiander oder direkt bei Verleger Ernst Heimes.

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