Tausende Bunkeranlagen wurden vor und während des Zweiten Weltkriegs errichtet – auch in der Ortenau. Heute ist von den Bauten des Westwalls meist nicht mehr viel zu sehen. Viele sind zu verlassenen Orten geworden.
Wer heute in der Ortenau unterwegs ist, dem fallen die zahlreichen Bunkerüberreste kaum auf. Überwuchert und von Bäumen und Sträuchern fast verschluckt, scheinen die Betontrümmer zu sein. Im Ried lassen sich einige entdecken. Zwischen Ichenheim und Neuried liegen etwa mehrere Bunker unmittelbar hintereinander.
Auffällig ist zunächst nur, dass um sie herum hunderte Meter flaches Ackerland ist. Nur an zwei Stellen wurde die Natur sich selbst überlassen. Wie kleine Inseln stechen die zugewachsenen Flächen hervor. Erst wenn man unmittelbar davor steht, sind die teils meterhohen Betontrümmer der zerstörten Westwall-Bunker zu sehen.
Schon unmittelbar nach der Niederlage Nazideutschlands begannen die Alliierten die Bunker zu sprengen – und sie so unbrauchbar zu machen. „Deutschland sollte die militärische Kraft genommen werden“, erklärt Friedrich Wein. Der Historiker beschäftigt sich seit Langem mit der Militärgeschichte Deutschlands. Eines seiner Spezialgebiete: Der Westwall. Diese Verteidigungslinie zog sich etwa 630 Kilometer entlang der Westgrenze – von der niederländischen Grenze bis Grenzach-Wyhlen.
Genaue Zahl der Bunker ist unbekannt
„Zwischen Karlsruhe und Basel gab es geschätzt 3500 Bauwerke“, erklärt Wein im Gespräch mit unserer Redaktion. Wie viele davon sich in der Ortenau befunden haben, lasse sich allerdings nicht genau sagen.
Die stummen Zeugen der deutschen Aufrüstung und späteren Niederlage finden sich in unserer Region vor allem nahe des Rheins. Ob bei Schwanau, Meißenheim oder Neuried, teilweise nur wenige Meter von einander entfernt ragen die Ruinen und Betontrümmer aus der Natur. Gut erhalten sind in der Ortenau allerdings nur wenige (siehe Info).
Die von den alliierten Soldaten bis spätestens 1947 gesprengten Bunker sind heute aus Sicht des Historikers Wein jedoch keinesfalls unbedeutend. „Sie können Puzzlestücke sein“, erklärt er. Das noch unvollständige Puzzle ist aus seiner Sicht die Geschichte der einzelnen Anlagen. Da gebe es teilweise Lücken, erklärt er.
Das hänge mit den verschiedenen Bauabschnitten des Westwalls zusammen. 1936 entstanden bereits erste Anlagen. Ab 1937 wurde dann auch in der Ortenau gebaut. Ein Jahr später intensivierten sich die Bauarbeiten, zigtausende Arbeiter wurden in unsere Region geschickt. Unter ihnen waren neben Arbeitern, Frauen und Schülern auch Zwangsarbeiter, so Wein.
Zu den früheren Arbeiten kamen 1944 weitere. Denn: Der Westwall sollte die anrückenden alliierten Truppen abhalten. Gerade über diesen letzten Bauabschnitt und der Nutzung der Bunker zum Ende des Krieges gebe es je nach Bauwerk aber teilweise keine oder nur unvollständige Informationen, so Wein. Eine Dokumentation der einzelnen Bunker könne so auch noch viele Jahrzehnte nach dem Krieg neue Erkenntnisse zu Tage bringen.
Schwere Kämpfe bei Oberkirch und Lahr
Eine allzu große Rolle nahm der Ortenauer Westwallabschnitt gegen Ende des Krieges nicht mehr ein. Die Bunker waren – da meist schon früh errichtet – technisch veraltet. „In der Zeit des Zweiten Weltkrieges gab es die Entwicklung vom Doppeldecker zum Düsenflugzeug“, so Wein beispielhaft. Dennoch sei eine solche Verteidigungsanlage „immer ein Hindernis“. Zudem hätte der Westwall, im Ausland meist Siegfried-Linie genannt, auch der Propaganda der Nationalsozialisten genutzt, so der Historiker. Schwere Kämpfe in der Ortenau gab es etwa bei Oberkirch.
Der Denkmalschutz spielt eine wichtige Rolle
„Dort gab es ein großes Widerstandsnest“, weiß Wein. Bei Lahr hätte es Kämpfe am Schutterentlastungskanal gegeben. Der war sogar ein größeres Hindernis als die Westwall-Bunker, vermutet der Historiker. Die Alliierten seien nämlich nicht frontal, sondern seitlich aus dem Norden oder hinter den Bunkern angerückt. „Darauf ist keine Verteidigungslinie ausgelegt“, erklärt Wein.
Ministerin gab Stellungnahme ab
Aber wie soll mit den Bunker-Überresten, die in der Landschaft zerstreut liegen, umgegangen werden? Sie schnell abzureisen, das geht jedenfalls nicht so einfach. In den 1990er-Jahren rückten die Kriegsbauwerke verstärkt in den Blick des Denkmalschutzes. Seit August 2005 stehen die Westwall-Bunker in Baden-Württemberg unter Denkmalschutz. Die Wehranlagen gelten als Ganzes als Kulturdenkmal.
„Die Erhaltung des Westwalls liegt aus wissenschaftlichen, insbesondere historischen Gründen im öffentlichen Interesse“, erklärte Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau, 2017 in einer Stellungnahme. Auch die gesprengten Überreste würden darunter fallen, führt Historiker Wein aus. Das bedeutet aber nicht, dass die Trümmer bis in alle Ewigkeit liegen bleiben müssen. Wenn etwa ein neues Baugebiet entsteht, könnten manche Bunker-Reste im Weg sein, wirft Wein ein. Dann würde eine Dokumentation der Anlage angesetzt, um vor dem Abriss mögliche neue Erkenntnisse und Informationen zu dokumentieren und für die Nachwelt zu sichern.
Von den Trümmerlandschaften profitiert inzwischen hingegen die Tierwelt, erzählt der Historiker. Die überwachsenen Bunkerreste mit Nischen und Höhlen seien ein richtiges „Reservat für die Natur“, findet Wein. Die in der Ortenau heimische Wildkatze würde dort etwa Schutz finden, berichtet er.
Wie zugänglich die Reste der Weltkriegsbunker sind, hängt vom konkreten Standort ab. Bei einem Besuch vor Ort bei Neuried sind die Trümmer eingezäunt, ein Schild weißt auf angebliche Gefahren hin.
Bunkerreste bieten der Tierwelt einen Rückzugsort
Einen guten Blick bekommt man dennoch. Über Feldwege gelangt man hier bis an die Absperrung. Andere Bunker bleiben völlig sich selbst überlassen. Etwa in Hausach. Mit zahlreichen Bunkeranlagen wurde das enge Schwarzwaldtal auch gegen Luftangriffe verteidigt. Im Gegensatz zu den Westwall-Anlagen im Ried handelt es sich dabei um die „Luftverteidigungszone-West“, erklärt Wein. Diese lag direkt hinter dem Westwall.
In Hausach wird einer dieser Bunker für ein besonderes Hobby genutzt. Er dient als Versteck für einen „Geocache“. Mittels GPS-Daten können sich Wanderer so auf eine Art moderne Schnitzeljagd machen, an deren Ende sich dann der „Cache“, ein versteckter Behälter mit Inhalt und Logbuch, befindet.
Museumsbunker in der Ortenau
Fast alle der Ortenauer Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurden kurz nach Kriegsende gesprengt. Dennoch sind einige wenige Bauten gut erhalten. In Neuried gibt es den Museumsbunker „Emilie“, in Kehl den Tarnbunker Neumühl und in Rastatt den Bunker „Regelbau 10“. Alle drei gehörten zum Westwall. Die Bunker in Neumühl und Rastatt haben am 11. Mai geöffnet. Auf der Hornisgrinde ist eine Bunkeranlage der Luftverteidigungszone-West erhalten. Sie steht den Besuchern am 11. Mai sowie am 13. Mai offen.