Nichts für schwache Nerven: Vom gefürchteten Henker bis zu den Folterungen vermeidlicher Hexen gab die Ettenheimer Führung Einblicke in schauderhafte Zeiten.
Die Erklärung von Stadtführerin Angelique Gaede war nachvollziehbar: Den für den Start von Stadtführungen eher ungewöhnlichen Treffpunkt am Marienbrunnen begründete sie mit mittelalterlichen Sicherheitsmaßnahmen, bei Einbruch der Dunkelheit sich nicht mehr außerhalb der Stadtmauern bewegen zu dürfen. Also nahm sie die 30-köpfige Gruppe mit auf ihre Tour zu ausgewählten Punkten, die eben außerhalb der drei früheren Stadttore liegen. Was man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es waren viele „dunkle“ Orte der Ettenheimer Stadtgeschichte.
Der erste Halt war das „Henkershisli“ in der Muschelgasse. Der Henker war zwar eine Amtsperson, jedoch eine, mit dem man am liebsten nichts zu tun hatte. Er war sozial isoliert. Wollte er in einem Wirtshaus sein Bier trinken, musste er abseits der andern Wirtshausbesucher an einem eigenen Tisch Platz nehmen. Die Gepflogenheit von heute, auf den Tisch zu klopfen, wenn man einen Bekannten trifft, rührt aus jener Zeit, wie Gaede erklärte. Dem Henker die Hand geben ging nicht. Auf den Tisch klopfen musste reichte. Grausam waren die Schilderungen, was den Opfern alles widerfahren konnte, wenn ihr Schicksal dem Henker überlassen wurde. Weil sein Einkommen wohl dann doch nicht so üppig war, betätigte er sich oft in anderen, unehrenwerten Berufen: als Abdecker, als Schlächter oder als Heiler mit dubiosen Methoden.
Entlang des Gewerbekanals ging es dann ins Gebiet der Gerber im Bereich Talstraße/Alleestraße. Die Vorstellung von den abgezogenen Tierhäuten ließ den einen oder andern Teilnehmer der Führung erschaudern – erst recht die Verbindung zum Heiligen Bartholomäus als Kirchenpatron, dem man der Legende nach bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hatte.
Nach der Sperrstunde war es verboten, rauszugehen
Anschaulich erläuterte Gaede zwischen den beiden Stadtmauern, dem Zwinger, unter welch beengten und bescheidenen Verhältnissen die armen Bauersfamilien in den beiden Ringstraßen lebten. Vorbei am ehemaligen Farrenstall am Kanonenplatz war das Spital die nächste Station. Welche Umstände es für die Kranken und werdenden Mütter bedeutete, bei einem notwendigen nächtlichen Gang ins Spital zuerst den Nachtwächter aufzusuchen, um mit seiner Begleitung zum Krankenhaus zu kommen – man vermochte es sich beim Zuhören zumindest vorzustellen. Schließlich war es ja verboten, sich nach der Sperrstunde auf die Straße zu begeben.
Durch die inzwischen romantisch beleuchteten Straßen der Innenstadt vorbei am sagenumwobenen Haus des Schläfers in der Ettikostraße ging es dann um eines der Hauptthemen dieser Führung: die Hexen. Zuerst machte die Gruppe Halt am Haus des Verfassers des Hexenhammers, Johannes Gremper. Niederzuschreiben, wie man mit Hexen umgeht, auch noch in Zeiten, die man schon für etwas aufgeklärter hätte halten können und das aus der Feder eines Ettenheimers – wahrlich nichts, worauf die Stadt stolz sein kann.
Vor der Endstation der Führung kam man nicht unkommentiert um die Barockkirche, das Prinzenschloss mit dem Schicksal des Duc d’Enghien, das Palais Rohan und am Blick hinauf zum Namensgeber der Stadt, Bischof Etto, herum.
Wer in den Hexenturm kam, musste mit dem Schlimmsten rechnen
In der westlichen Ringstraße – dort, wo ehemals der Hexenturm stand – zog die Stadtführerin noch einmal alle Register ihres Wissen über die Zeit der Hexenverfolgung. Nur weil sie mit Verspätung zum Pfingstgottesdienst kam, wurde einer „Hexe“ der Garaus gemacht. Gestehen oder leugnen – beides endete mit demselben Schicksal: Ab in den Turm, entkleiden, komplett enthaaren und dann enthaupten oder verbrennen. Wenn man Glück hatte, konnte man zumindest zwischen den beiden Arten des Todes wählen. Auch hier gruselte den Zuhörern ob der üblichen Foltermethoden. „Es brennt mir unter den Nägeln“ – die Redewendung kommt davon, dass man den Hexen brennende Nadeln aus Holz oder Metall unter die Nägel schob.
Damit ihre Teilnehmer an der Führung dann möglichst doch gut schlafen konnten, kredenzte Gaede einen selbst gebrauten Vollmondtrank. A Apropos Vollmond: Bei der Führung war weit und breit nichts von ihm zu sehen – im Gegensatz zu so vielen Vorgängernächten. Es war wie verhext.
Info – Die nächste Führung
Die Stadt lädt Geschichtsinteressierte zu einer besonderen Stadtführung ein: Unter dem Titel „Auf den Spuren von Kardinal Rohan und dem Herzog von Enghien“ wird die Geschichte zweier bedeutender Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts lebendig. Darüber berichtet die Verwaltung in einer Mitteilung. Die Führung beginnt am Freitag, 15. Mai, um 19 Uhr vor dem Rathaus am Bärenbrunnen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Kosten liegen bei vier Euro pro Person. Kinder bis 17 Jahre sind frei. Mit der Erlebnisregion-Europa-Park-Card gibt es 50 Prozent Ermäßigung. Die ist vorab im Bürgerbüro einzulösen, betont die Stadt.