Die Stammformation von Allianz MTV Stuttgart wird nächste Saison wohl nur aus internationalen Volleyballerinnen bestehen. Zugleich baut der Bundesligist junge deutsche Spielerinnen auf. Was steckt hinter dieser Strategie?
Stuttgart - Es ist schon länger das Ziel von Bundesligist Allianz MTV Stuttgart, vermehrt auf deutsche Volleyballerinnen zu setzen. Insofern war es ein Rückschritt, als nach der verlorenen Finalserie um die Meisterschaft gegen den Dresdner SC bekannt wurde, dass Nationalspielerin Pia Kästner (ASPTT Mulhouse), Lena Große Scharmann (VC Wiesbaden) und Dora Grozer (unbekannt) nächste Saison nicht mehr Teil des Kaders sein werden. Schon jetzt ist absehbar, dass die künftige Stammformation um Krystal Rivers, Simone Lee (beide USA), Maria Segura Pallerés (Spanien), Juliet Lohuis (Niederlande) und Roosa Koskelo (Finnland) ausnahmslos aus internationalen Profis bestehen wird. „Es war nicht so, dass wir erfahrenen deutschen Spielerinnen keine Angebote gemacht hätten“, sagt Sportdirektorin Kim Renkema, „aber letztlich sehe ich nicht ein, für eine Spielerin mehr zu zahlen, nur weil sie Deutsche ist. Wir verpflichten nicht nach Reisepass.“ Und zugleich wird die Altersgrenze nach unten geöffnet.
Lara Berger (19) soll ab Herbst als Nummer zwei im Diagonalangriff hinter Superstar Krystal Rivers mehr Einsatzzeiten bekommen. „Sie ist in Angriff und Block reif für die Bundesliga“, meint Renkema, die zudem drei 17-Jährige aus dem Bundesstützpunkt in den Kader des Vizemeisters befördert. Es ist eine Investition in die eigene Zukunft: Hannah Kohn, Lena Grundt und Helena Dornheim dürfen heute Erfahrung sammeln, um morgen voll auf der Höhe zu sein. „Wir sind glücklich, dass unsere Nachwuchsarbeit immer wieder herausragende Talente hervorbringt“, sagt Geschäftsführer Aurel Irion, „die drei sind bereit für den nächsten Schritt.“
Trainer mit unterschiedlichen Philosophien
Gelenkt werden sie dabei von einem Trainer, der stets erklärt, die Arbeit mit jungen Spielerinnen sehr zu schätzen. „Tore Aleksandersen hat gerne ein Team mit sieben, acht Gleichstarken und dahinter einige Talente, die er entwickeln kann“, sagt die MTV-Sportchefin. Diese Philosophie unterscheide den Norweger von seinem Vorgänger Giannis Athanasopoulos, der sich stets einen möglichst ausgeglichenen Kader wünschte – trotz des damit verbundenen Risikos, die eine oder andere Unzufriedene im Team zu haben.
Miese Stimmung aufgrund zu geringer Einsatzzeiten wird es nächste Saison in der zweiten Reihe nicht geben, weil die Nachwuchskräfte ans Bundesliga-Niveau erst noch herangeführt werden müssen und keinerlei Ansprüche stellen. „Natürlich gehört ein bisschen Spielpraxis dazu, auch deshalb haben alle drei ein Doppelspielrecht für die zweite Mannschaft“, sagt Kim Renkema, „noch wichtiger aber ist für sie, auf hohem Niveau zu trainieren. Im ersten Jahr können sie von den Coaches und ihren Kolleginnen sehr viel lernen.“ Und genau das hat das Trio vor.
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Hannah Kohn ist nächste Saison die dritte Zuspielerin, verbunden mit der Absprache, dass sie im Jahr darauf eine von nur noch zwei Profis auf ihrer Position sein wird. „Wir haben riesiges Vertrauen in sie“, erklärt Kim Renkema, „sie hat das Zeug, um Nationalspielerin zu werden.“
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Im Gegensatz zu Hannah Kohn, die Mitte Juni ihren 18. Geburtstag feiert, müssen Libera Lena Grundt und Außenangreiferin Helena Dornheim ihr Abitur erst noch machen, morgens geht deshalb die Schule vor, sie werden auch nicht bei jedem Auswärtsspiel dabei sein – und freuen sich trotzdem auf den Stress, der auf sie wartet. „Ich bin sehr dankbar über diese unglaubliche Chance“, sagt Lena Grundt, „jetzt ein Teil des Teams zu werden ist schon sehr cool.“
Dornheim ist ein prominenter Name
Ähnlich denkt Helena Dornheim – der prominenteste Name aus dem Trio. „Der Verein bietet uns eine tolle Möglichkeit, uns persönlich und sportlich weiterzuentwickeln“, sagt die Juniorennationalspielerin, deren Vater zu den erfolgreichsten Volleyballern seiner Generation gehörte. Michael Dornheim (53) machte 192 Länderspiele, holte mit dem Hamburger SV die Meisterschaft (1988) und den Pokalsieg (1989), gewann den Cup nochmals 1990 mit dem TSV Milbertshofen, war 1993 Volleyballer des Jahres. Heute engagiert sich der frühere Zuspieler als Jugendtrainer beim TSV Schmiden und freut sich über den Weg, den seine Tochter geht.
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„Es erfordert viel Disziplin und Leidenschaft, neben der Schule sechs bis zehn Trainingseinheiten pro Woche plus Spiele und Lehrgänge zu absolvieren. Sie macht das mit Bravour“, sagt Michael Dornheim, der auch die neue Strategie von Allianz MTV Stuttgart lobt: „Volleyball lebt von seiner starken regionalen Verwurzelung, diese Identifikation kann nur über die eigene Jugend stattfinden. Deshalb sollte jeder Bundesligist, unabhängig von der finanziellen Situation, seine Kaderplätze zehn, elf und zwölf für den eigenen Nachwuchs reservieren und so große Entwicklungsschritte ermöglichen. Mittel- und langfristig zahlt sich das auf jeden Fall aus.“ Wie es sich für eine Investition in die Zukunft gehört.