Volle Notaufnahmen in Stuttgart „Die Menschen kommen wegen Alltagsinfekten in die Notaufnahme“

Regine Warth
Sobald Krankheitssymptome auftreten, suchen viele Menschen einen Arzt auf – oder gehen gleich in die Notaufnahme. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Statt sich auszukurieren, wollen viele Fiebergeplagte ihr Leiden abgeklärt haben – und gehen dafür in die Notaufnahme. Ein Hausarzt erklärt, wie man wieder lernen kann, krank zu sein.

Die Vorzeichen zeigen sich meist irgendwann nach Mittag. Der Körper beginnt, gegen jede Form der Bewegung zu rebellieren. Hinzu kommen die Kopfschmerzen und ein trockener Husten. In den nächsten Stunden steigt das Fieber auf mehr als 39 Grad. So fühlt sich Grippe an.

 

Ein typischer Verlauf, schon x-mal durchlebt und somit eigentlich altbekannt – und doch führt dieses Krankheitsgefühl oft zu großer Verunsicherung: In Stuttgart haben an den Weihnachtsfeiertagen ungewöhnlich viele Menschen mit grippeähnlichen Symptomen die Notaufnahmen der Stuttgarter Kliniken aufgesucht. Nicht etwa, weil sie schwer erkrankt waren, so versichern es die Notärzte. Vielmehr wollten sie die Symptome abgeklärt wissen.

Die Menschen sind sich nicht mehr sicher, wie sie mit Infekten umgehen sollen. Sie haben eine völlig falsche Vorstellung davon, was bei Krankheiten in ihrem Körper vorgeht.

Jürgen de Laporte, Bezirksärztekammer Nordwürttemberg

Und nicht nur bei sich: So berichtet eine Oberärztin von mehreren Patienten, die von Familienangehörigen begleitet wurden, die ebenfalls ihre Krankheitssymptome abgeklärt haben wollten. „Die Menschen kommen wegen Alltagsinfekten zu uns in die Notaufnahme – warten stundenlang und hören von uns genau das, was ihnen auch jeder Hausarzt gesagt hätte.“

Vier von fünf Erwachsenen achten zu wenig auf ihre Gesundheit

Das zeigt sich nicht nur an den Feiertagen in Stuttgart: Auch aktuellen Daten des Robert Koch-Instituts zufolge fällt es erstaunlich vielen Bundesbürgern schwer, für ihre eigene Gesundheit Sorge zu tragen. Vier von fünf Erwachsene weisen demnach eine geringe „allgemeine Gesundheitskompetenz“ auf. Auch Menschen mit mittlerem – und einige auch mit hohem – Bildungsniveau stehen vor diesem Problem.

„Die Menschen sind sich nicht mehr sicher, wie sie mit Infekten umgehen sollen“, so bringt es Jürgen de Laporte, Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg auf den Punkt. „Sie haben eine völlig falsche Vorstellung davon, was bei Krankheiten in ihrem Körper vorgeht.“

Dauert der Schnupfen zu lange, sorgen sich die Menschen

Dauert der Schnupfen länger als eine Woche oder will der Husten nicht nachlassen, wächst die Sorge, es könne sich dahinter ja doch etwas Schlimmeres verstecken als nur ein gewöhnlicher Infekt. „Dann wollen die Betroffenen zum Arzt, um sich wieder sicher zu fühlen“, sagt de Laporte, der als niedergelassener Hausarzt in Esslingen arbeitet.

Jürgen de Laporte. Foto: privat

Ist der Hausarzt allerdings nicht verfügbar – wie etwa an Feiertagen oder am Wochenende – wird das Krankenhaus zur Anlaufstelle. Dass es den Patienten dabei unter Umständen schlechter ergehen kann, weil sie stundenlang warten müssen und sich in ihrem angeschlagenen Zustand noch mehr Krankheitserregern aussetzen, werde dann ausgeblendet. „Der Drang, sich in sichere Hände zu begeben, ist größer“, sagt de Laporte.

Fieber darf ruhig über mehrere Tage andauern

Gerade bei Erkrankungen, die mit starker körperlicher Schwäche und hohem Fieber einhergehen – wie es bei Grippe üblich ist – kommt schnell die Angst vor einem schweren Verlauf: „Dabei sind Temperaturen von mehr als 39 Grad eine normale und zunächst gute Reaktion des Körpers, um eine Infektion zu bekämpfen“, sagt de Laporte. Das besagt auch die neue Fieberrichtlinie. Das Fieber regt die körpereigene Abwehr an – auch wenn dieses über mehrere Tage andauert.

Der auch oft von ärztlicher Seite gegebene Rat, in solchen Situationen fiebersenkende Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol zu nehmen, ist daher beispielsweise nicht sinnvoll, warnt de Laporte. Schnell können diese Hilfsmittel dazu führen, dass man sich wieder zu gesund fühlt, obwohl der Infekt noch lange nicht ausgestanden ist. Das könne unter Umständen eine weitere und schwerwiegendere Infektion nach sich ziehen. „So entstehen oft lange Infetketten“, sagt de Laporte.

Ärzte entwerfen Merkblatt für Patienten

Besser ist es, das Fieber auch mal auszuhalten: „Wer ansonsten in einem gesunden Allgemeinzustand ist, dem müssen längere Fieberverläufe nicht zwingend schaden“, sagt de Laporte. So könnten hohe Temperaturen für den Körper der richtige Weg sein, die Infektion selbst in den Griff zu bekommen.

In Baden-Württemberg haben die Hausärzte daher inzwischen ein Fiebermerkblatt für Patienten erstellt, um ihnen eine medizinisch korrekte Hilfe an die Hand zu geben, wenn sie von fieberhaften Infekten betroffen sind – „auch um ihnen die Angst vor dem Symptom Fieber zu nehmen“, sagt de Laporte, Mitautor des Merkblatts.

Regelmäßig Fieber messen und viel trinken

Darin wird unter anderem geraten, täglich in den Abendstunden Fieber zu messen – und zwar im Po – und diese Temperatur zu notieren. Denn nur die rektale oder auch vaginale Messung kann die annähernd richtige Körpertemperatur abbilden. „Wichtig ist auch, in der Fieberphase in der warmen Wohnung zu bleiben und regelmäßig zu trinken“, sagt de Laporte. Am besten Tee oder Wasser abwechselnd mit Brühe oder Gemüsesaft. Wenn die Körpertemperatur am Abend dann über zwei bis drei Tage unter 37 Grad beträgt und die Treppe sich beschwerdefrei erklimmen lässt, kann sich der Alltag langsam normalisieren.

Es sind Tipps, die man auch von Seiten seiner Großmutter erwarten könnte. Dem stimmt auch de Laporte zu: „Früher sind Wissen und Alltagsstrategien wie in Zitronenwasser getränkte Kniestrümpfe gegen Fieber in den Familien weitergegeben worden.“ Doch heute fehlten die Strukturen. Auch, weil aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts und den Möglichkeiten der Medikamentenentwicklung schnell auch die von Pharmafirmen befeuerte Überzeugung entsteht, dass man Hausmittel nicht mehr bräuchte. Eine Tablette tue es doch auch. „Allerdings sind die meisten Infekte virenbedingt“, sagt de Laporte. Eine Medikation beschleunige die Heilung nicht. „Solche Infekte sollte man auskurieren.“

Bei Fieber braucht es Fürsorge

Letztlich ersetzt der wissenschaftliche Fortschritt ohnehin nicht das, was Menschen während der Hochphase ihrer Krankheit tatsächlich brauchen: nämlich Fürsorge. „Wer krank ist, braucht jemanden um sich, der sich um einen kümmert – entweder in direkter Nähe oder telefonisch – der einem glaubwürdig versichern kann, dass man sich sterbenselend fühlen darf und es aber trotzdem wieder aufwärts gehen wird“, sagt de Laporte.

Wenn der Hausarzt nicht zu sprechen ist, können auch digitale Angebote helfen, wenn sie seriös sind und gut umgesetzt sind. Auch die Nummer 116 117 kann dafür in Anspruch genommen werden. „Die Ansprechpartner dort werden immer besser und können ebenfalls Beschwerden kompetent einordnen und hilfreiche Tipps vermitteln.“ Besser wäre es allerdings, sich schon zu gesunden Zeiten ein hilfsbereites Umfeld zu schaffen, das im akuten Krankheitsfall unterstützend eingreift.

Fieber bei Kinder und Jugendliche

App
Sollten Kinder einmal Fieber entwickeln, so kann die „FeverApp“ (https://www.feverapp.de/) weiterhelfen. Die App kann mittels wissenschaftlich fundierter Informationen, den Umgang mit Fieber erleichtern. Die Angaben, die von Eltern in der App gemacht werden, werden gemäß der Datenschutzverordnung (DSGVO) für die Forschung verwendet.

Datenschutz
Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wurde die App unter Leitung des Kinderarztes David Martin der Universität Witten/Herdecke in Kooperation mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) entwickelt.