Die toten Soldaten der Weltkriege, die getöteten Zivilisten, die ermordeten Juden – über 24 Jahre hinweg hat Adolf Vees das Gedenken an sie mitgestaltet.
Seit 2021 war er der Hechinger Vorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Nun hat er in einem Brief an Bürgermeister Philipp Hahn geschrieben: „Nicht ohne Wehmut darf ich Ihnen mitteilen, dass ich den öffentlichen Dienst für unseren Volksbund angesichts meines fortgeschrittenen Alters und nachlassender Kräfte nicht mehr weiterzuführen vermag“.
„Das war das letzte Ehrenamt, das ich noch ausgeübt habe“, erzählt der 89-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Es klingt bedauernd. Ehrenamtlicher Einsatz, das Einmischen in Hechinger Debatten und in das, was er als bürgerliche Identität seiner Heimatstadt versteht – das hat ihn über Jahrzehnte geprägt und damit hat er über Jahrzehnte Hechingen geprägt.
Partnerschaftskomitee mit Frankreich mitbegründet
Obwohl er als erfolgreicher Zahnarzt in Hechingen gut ausgelastet war, war er lange Gemeinderat, Präsident des Partnerschaftskomitees mit Joué-lès-Tours, Mitgründer der Synagogen-Initiative und nicht zuletzt auch einer jener Aktivisten, die vehement und erfolgreich gegen die Privatisierung des Hallenfreibads protestierten.
Auch Bücher über Hechinger Geschichte geschrieben
Und Autor von Büchern mit Heimathistorischem Inhalt – „acht oder neun, so genau weiß ich das gerade nicht“, ist er auch noch. Auch hier werden oft tragische Soldatenschicksale geschildert.
Private Seite der getöteten Soldaten in den Blick genommen
Und wenn die Gestaltung des Volkstrauertags in Hechingen auch eine dezente Tätigkeit war, die nur an einem Tag pro Jahr sichtbar wurde, hat er auch dabei Akzente gesetzt. Mit seinen Enkeln hat er Texte vorgetragen, die einzelne Menschen in den Mittelpunkt stellten. Junge Wehrmachtssoldaten, geliebt von Eltern, Geschwistern und Freunden, die von Propaganda verblendet in einen verbrecherischen Krieg zogen, in ihm umkamen und eine seelische Wunde in ihrem Umfeld hinterließen, die nie völlig heilte.
Opfer und Zivilisten und ermordete Juden nie im Gedenken vergessen
Aber auch die vielen Zivilisten, die in diesem Krieg starben, vergaß er nie, und besonders auch nicht die Juden, die über 500 Jahre Hechingen geprägt hatten und die von einem eiskalten Mördersystem fast ganz ausgelöscht wurden.
Namen der toten Soldaten auf Steinwand graviert
In einer Zeit, als Hechingen nur 5000 Einwohner zählte, waren im Ersten und im Zweiten Weltkrieg insgesamt 738 junge Männer als Soldaten verstorben. Als Sohn des damals damit beauftragten Steinmetzes, hat er selbst 1955 mitgeholfen, ihre Namen auf der großen Steinwand des Hechinger Kriegstoten-Gedenkorts einzugravieren.
Amt von Lehrer Hartmut Rau übernommen
Zur 1919 gegründeten Kriegsgräberfürsorge kam Adolf Vees über Hartmut Rau, der als Lehrer 1955 nach Hechingen kam und bald Präsident der Ortsgruppe dieser Institution wurde. „Ich war bei ihm im Religionsunterricht, er hat mich beeindruckt“, erzählt Vees. Vor Rau hatte ein Berufsoffizier dieses Amt inne. Der Volkstrauertag war damals eher eine kirchliche Veranstaltung. Das Gedenken an die gestorbenen Soldaten eher eine militärisch geprägte Ehrbezeugung für jene, die „ihre Pflicht am Vaterland erfüllt hatten“, wie man damals sagte.
Zu Beginn war das Gefallenen-Gedenken noch militärisch geprägt
Unter Rau wurde der Ton anders, menschlicher. Er selbst war mit komplett abgefrorenen Zehen aus dem Krieg heimgekehrt. Mit dem Heldentum war er fertig. Dass er überlebt hatte, verstand er als Verpflichtung.
Ihm ging es darum, die menschliche Seite und den persönlichen Verlust des massenhaften und auch als sinnlos verstandenen Kriegstods dieser jungen Männer, die er teilweise als Kameraden gekannt hatte, ins Licht zu rücken.
Auch die Verbrechen der Wehrmacht wurden ein Thema
Adolf Vees ging diesen Weg noch weiter, integrierte nicht nur die Opferschicksale von Juden und Zivilisten, sondern er ging auch auf das Spannungsverhältnis ein, das Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in einer Rede erstmals so formulierte, dass die deutsche Niederlage „ein Tag der Befreiung“ war. Die Soldaten als Opfer und zumindest teilweise auch Täter.