Ist der Volkstrauertag noch zeitgemäß? Für Christoph Wild stellt sich diese Frage gar nicht. „Leider Gottes“, so Wild, sei das Thema Krieg und Frieden gerade aktueller denn je.
Der Volkstrauertag in Hechingen: Ein Vierteljahrhundert lang war die Gestaltung der Gedenkstunde am Ehrenmal hinter der Stiftskirche mit dem Namen Adolf Vees verbunden. Als der inzwischen 89-jährige Autor zahlreicher heimatgeschichtlicher Publikationen im August seinen Rückzug aus Altersgründen bekanntgab, schien zunächst fraglich, ob sich jemand finden würde, der die Lücke füllen könnte. Doch es dauerte tatsächlich nicht lange, bis ein neuer Ortsbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gefunden war: Christoph Wild, der ehemalige Bürgermeister von Hirrlingen, der seiner Heimatstadt unterm Zoller immer noch vielfältig verbunden ist.
Besuch in Verdun hat ihn berührt
Warum er ohne zu zögern in die Bresche gesprungen ist, erläutert der 48-jährige Jurist im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Botschaft des Volkstrauertages berührt mich schon seit langem“, sagt Wild, der seit 2022 als Abteilungsleiter und Justiziar beim Zweckverband Landeswasserversorgung in Stuttgart tätig ist. Schon als geschichtsinteressiertem Schüler am Hechinger Gymnasiums habe ihn eine Exkursion an die Schauplätze des Ersten Weltkriegs beeindruckt: Verdun, der Hartmannsweilerkopf – Orte, an denen Hunderttausende Soldaten einen sinnlosen Tod starben, hätten ihn bereits in jungen Jahren „berührt und gefangen genommen“, erinnert sich Christoph Wild. Dazu kommt eine Motivation, die aus der eigenen Familiengeschichte stammt: „Auch in meiner Verwandtschaft“, sagt der gebürtige Hechinger, „gibt es Männer, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind“.
„Fein im Ton, klar in der Botschaft“
Und dann, so bekennt Wild, der einst dem Hechinger Gemeinderat angehörte, habe ihn auch geprägt, wie Adolf Vees die Gedenkstunden zum Volkstrauertag gestaltet hat: „Das waren immer sehr einfühlsame Beiträge, die sich von den anderswo üblichen Reden unterschieden haben.“ Vees habe es immer verstanden, „menschliche Schicksale in den Fokus zu nehmen, wunderbar recherchiert und fein im Ton, aber klar in der Botschaft“. So wie es auch schon Vees’ Vorgänger Hartmut Rau gemacht hat. „Der Volkstrauertag“, fasst es Wild zusammen, „wird in Hechingen immer besonders schön und anders gestaltet“. Er selbst wolle mit seinem Engagement dazu beitragen, dass das auch in Zukunft so bleibe.
Die junge Generation einbeziehen
Einschlägige Erfahrungen hat Christoph Wild bereits in seiner Zeit als Hirrlinger Bürgermeister (2016-2022) gesammelt. Schon damals habe er den Volkstrauertag immer sehr gerne vorbereitet und sich auch bemüht, die junge Generation in die Gestaltung mit einzubeziehen. Er hofft, dass ihm das auch in Hechingen gelinge. „Vielleicht“, so Wild, „bildet sich ja ein kleines Team. Ich hoffe auf Unterstützung.“
Klar ist ihm, dass sich der Volkstrauertag 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Wandel befindet: „Leute, die persönliche Kriegserfahrungen haben, werden ja immer weniger.“ Für obsolet hält er diesen Gedenktag aber mitnichten. Ganz im Gegenteil: „Leider Gottes“ sei die Thematik um Krieg und Frieden seit Putins Überfall auf die Ukraine ja aktueller denn je.
Ein Tag für das gute Miteinander
Und es ist beileibe nicht allein die Sorge um die äußere Sicherheit, die Wild umtreibt, sondern auch die um den inneren Frieden in unserer Gesellschaft: Wertefall, zunehmende Rücksichtslosigkeit, Verlust der Kompromissfähigkeit, der Zulauf für die extremistischen Ränder, vor allem rechts – das sind Stichworte, die ihm in den Sinn kommen. Der Volkstrauertag, so meint Wild, könne in einem moderneren Verständnis durchaus den Anstoß geben, darüber nachzudenken: „Was kann ich eigentlich für das gute Miteinander, für den Zusammenhalt in der Gesellschaft tun?“
Der Volkstrauertag in Hechingen
Gedenkstunde
Die Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Sonntag, 16. November, beginnt in Hechingen um 11.30 Uhr. Kurz davor versammeln sich die Teilnehmenden auf dem Marktplatz, um zusammen zum Ehrenmal hinter der Stiftskirche zu gehen.
Programm
Christoph Wild und Benedikt Höflsauer tragen dort Adolf Vees’ Recherche über die Weildorfer Familie Strobel vor, die im Zweiten Weltkrieg zwei ihrer Söhne verloren hat. Bürgermeister Philipp Hahn, seine Stellvertreter, die Pfarrer Achim Buckenmaier und Friederike Heinzmann sowie Vertreter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge legen zur Totenehrung einen Kranz nieder. Die Stadtkapelle spielt zum Totengedenken. Bürgergarde, DRK, Feuerwehr, THW und Pfadfinder sind mit Delegationen präsent.