Am Volkstrauertag findet vor der Hechinger Gedenktafel für die Gefallenen der beiden Weltkriege wieder die Feierstunde statt. Foto: Vees

Zum Gedenken erinnert Adolf Vee an eine Familie aus Weildorf, die im Zweiten Weltkrieg zwei ihrer Söhne verloren hat.

Adolf Vees hat angekündigt, dass er aus Altersgründen seinen Beitrag zur städtischen Feierstunde am Volkstrauertag nicht mehr leisten kann. Dieses Jahr zumindest macht er noch weiter, unterstützt von seinem Nachfolger Christoph Wild.

 

Als Einstimmung hat der gebürtige Haigerlocher seine Erinnerungen an eine Weildorfer Familie veröffentlicht. Deren Schicksal ist wieder aktuell geworden, als der Hechinger Autor die Todesnachricht von Mathias Strobel gelesen hat. Dieser wurde am 9. Dezember 1931 geboren und ist Ende August dieses Jahres gestorben.

Vees erinnert sich: Nun ist auch Mathias gegangen. Der jüngste der drei Söhne des Andreas Strobel, den sie im Dorf den Andres nennet.

Mit zwölf Jahren wurde Mathias „der Mutter einzig Kind“. Nicht, „weil die andern ausblieben sind“, wie es bei Eduard Mörike heißt: Seine Brüder Franz und Josef fielen 1944 im Krieg: Franz in Italien, am 9. Februar 1944, wenige Tage nach seinem 21. Geburtstag. Ein paar Monate später, am 22. Juli 1944, fiel Josef, im Osten. Er war 19.

An Mathias blieb alles hängen: „Ich musst alles allein aufessen.“ Der Eltern Liebe, Treue und Güte, getragen von der Trauer über den Tod der Söhne und Brüder. Ein Schmerz, den sie nicht loswurden, die Eltern nicht und auch nicht Mathias: „Ich will‘s mein Lebtag nicht vergessen.“

Geschichte vergeht nicht: Als ich Mathias‘ Todesanzeige in der Zeitung lese, seh’ ich sie alle, den Vater, die Mutter, den Franz, den Josef und den Mathias. Ich sehe Not und Leid. Ich bin sieben. Meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich gehen zum Gedenkgottesdienst für Josef nach Weildorf. Der zweite gefallene Strobel-Sohn. Den Franz habe ich gekannt. Er hat Steinhauer gelernt, bei meinem Vater.

Franz war mein Freund: Trotz des Altersunterschieds. Wenn er auf Urlaub nach Hause kam, besuchte er uns. Ich denke gern an ihn, den graden, großen Jungen, der mit langen Beinen leicht über die Erde geht. Ein lustiger Bub, fröhlich und freundlich. Der gern auf der Ziehharmonika meiner Schwester spielt.

Er wollte Bildhauer werden: Noch als Soldat holte er das Christusmodell aus meines Vaters Werkstatt, zur Vorlage des Grabsteins für seinen Großvater. Punkt für Punkt hat er jede Einzelheit vom Modell auf den rohen Steinblock übertragen und ein Werk geschaffen, das einen Meister erwarten ließ.

Mit den Schaffen über die Alb: Josef kenne ich aus der Familienerzählung. Ein Schäfer, der von seinem künftigen Leben träumte. Er würde er mit seiner Herde durchs Land ziehen, im Sommer über die Hochflächen des Albvorlandes, durch die Täler des Neckars und seiner Nebenflüsse Eyach und Starzel, im Herbst, über die Höhen des Schwarzwaldes ins Rheintal hinunter.

Das Leid der Mutter: Nach dem Gottesdienst in der Weildorfer Kirche hatte die Strobel-Mutter uns und ein paar Frauen aus der Nachbarschaft zu sich ins Haus geladen. Ich seh‘ sie, wie sie mit einem Brotlaib in den Händen aus der Küche kommt, plötzlich laut und herzzerreißend aufschreit: „Wer darf das tun? Mir die Buben nehmen, aus dem Haus reißen. Das Haus leer machen.“ Die Frau bricht zusammen, stürzt über den Tisch, schlägt mit dem Kopf auf der Platte auf, Messer und Brotlaib fallen zu Boden. Es wird totenstill. Eine Ewigkeit. Dann schreien die Nachbarsfrauen: „Emile, sei still, sei still, das darfst du nicht sagen. Sei still“.

Ein Schmerz, der nie vergeht: Auf dem Heimweg frage ich: „Mama, warum hat die Frau Strobel in der Stube geweint und geschrien und in der Kirche ist sie still gewesen?“ Mama sagt: „Ein Kind zu verlieren, gar zwei, ist für eine Mutter ein Schmerz, der nie vergeht. Niemand weiß, wann er hervorbricht. Ob sie weint oder nicht, sie ist bei ihren Kindern. Ein Geheimnis, das sie mit niemandem teilen kann.“

„Wir blieben still“: Wenn Matthias und ich uns in späteren Jahren begegnet sind, blieben wir still, sahen uns schweigend an. Um uns waren Trauer und Leid. Wir spürten die Stille und fühlten die Hoffnung, die Dietrich Bonhoeffer in die Worte gefasst hat: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“