Alle zwei Jahre trifft in Hausen im Wiesental ein originelles Volksfest auf literarische Hochkultur. Das ganze Dorf ist dann auf den Beinen, um den Dichter stilecht zu würdigen.
Dann gesellt sich zur Geburtstagsfeier für den berühmten Dichter, der einst dort aufwuchs, die Verleihung des Johann-Peter-Hebel-Literaturpreises des Landes Baden-Württemberg.
Dieses Mal – im Jahr des 200. Todestages von Johann Peter Hebel - wurde der 10. Mai besonders groß gefeiert. Darüber hinaus wurde anlässlich des Jubiläumsjahrs neben dem Literaturpreis erstmals auch ein Ehrenpreis verliehen. Entsprechend groß war der Andrang in der Festhalle, während andere bereits auf den Straßen und Plätzen beieinandersaßen. Das ganze Dorf hatte sich zu Ehren Hebels in eine Festmeile verwandelt.
Ganzes Dorf auf den Beinen
Doch der Reihe nach: Nach dem Weckruf durch die Hebelmusik um 6 Uhr ging es weiter mit der Hebelfeier im Kindergarten. Um 11.15 Uhr schließlich wurde die Delegation aus Basel am Bahnhof abgeholt. Wie immer wurde dafür groß aufgefahren: stilecht mit der Hebelmusik Hausen, den Alten Mannen und Frauen in ihren Trachten sowie den als Vreneli und Hanseli verkleideten Kindern. Ob am Straßenrand oder als Teil des Umzugs: Das ganze Dorf war auf den Beinen und füllte mit den Besuchern die Straßen an der Umzugsstrecke vom Bahnhof bis zur Festhalle.
In der Festhalle hatte Bürgermeister Philipp Lotter einiges damit zu tun, die zahlreichen Gäste zu begrüßen und allen Beteiligten zu danken. Dabei widmete er auch der bereits bekannt gegebenen Literaturpreisträgerin Annette Pehnt einige Worte. Es folgten weitere musikalische Beiträge der Hebelmusik sowie ein Volkstanz der Grundschüler, bevor sich Remigius Suter als Vertreter des Präsidenten der Basler Hebelstiftung an die Gemeinschaft richtete.
Es sei immer wieder faszinierend zu sehen, wie die Idee einiger Basler mit den Alten Mannen zu einem solchen Volksfest herangewachsen sei, sagte er noch unter dem Eindruck des Umzugs. Tradition hat auch die Übergabe der Hebelbüchlein an verdiente Schüler sowie die Braut- und Lehrlingsgaben. Mit Elias, Nicolai, Juli und Neo sowie Anna Brunner (Auszubildende) und der Braut Angelika Schmidt holte Suter sechs Hausener auf die Bühne, um sie zu würdigen und zu beschenken. Danach brachten Chantal Rüdiger (Sopran) und Emil Müller (Bass) im Duett ein Volkslied zu Gehör.
Die Verleihung des Johann-Peter-Hebel-Literaturpreises übernahm Petra Olschowski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg. Sie bezeichnete Pehnt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartskultur.
Radikal vereinfacht
In ihrem neuesten Werk „Einen Vulkan besteigen“ habe die Autorin sich auf das Experiment eingelassen, Sprache radikal zu vereinfachen. Es gelinge ihr bestens, die Kippmomente im Leben ihrer Protagonisten so zu beschreiben, dass der Leser davon gefangen genommen werde. Sie lobte den präzisen Blick der Autorin auf das zutiefst Menschliche und Zwischenmenschliche, ihre passenden Worte und den richtigen Rhythmus dafür. Wie Hebel schaffe Pehnt Möglichkeitsräume für die Fantasie.
Einen sehr persönlichen Streifzug durch das Werk der ausgezeichneten Schriftstellerin hatte Katharina Knüppel vorbereitet, die die Laudatio hielt. Von ihrem Debüt aus dem Jahr 2001 bis zu ihrem neuesten Werk hob Knüppel das Schwebende in Pehnts Literatur hervor, aber auch die eigenwilligen Persönlichkeiten, die sie treffsicher beschreibt.
Pehnt selbst zeigte sich gerührt. Hebel sei für sie als Schreibende eine Art ferner Gefährte, erklärte sie – aufgrund der vergangenen Zeiten, die er beschreibt, fast ein wenig zu fern. Jedoch habe er sehr gut verstanden, dass Literatur ein Lebensmittel sein könne. Sie selbst wolle niemanden zutexten, sondern vielmehr Türen öffnen und Platz schaffen für das Unsagbare. Den erstmals vergebenen Ehrenpreis für das Lebenswerk erhielt der Literaturwissenschaftler Friedrich Pfäfflin. Er gründete die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg, angesiedelt beim Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
Der Sprache ein Haus bauen
Die Ministerin hob seine Leidenschaft hervor, der Sprache ein Haus zu bauen. Er habe viele gebaut, erklärte sie. Professorin Ulrike Tanzer sprach in ihrer Laudatio von einem „großen Literaturvermittler“.
Der 90-jährige Pfäfflin konnte selbst nicht anwesend sein und ließ seinen Dank übermitteln. Es sei ein Glück für ihn gewesen, zum kulturellen Gedächtnis beizutragen. Hebel, so ließ er ausrichten, lese er noch heute wie einen Zeitgenossen.