Porträt / Bücherei-Leiter Volker Fritz verrät, was bei ihm auf dem Nachttisch liegt
Wenn die Stadtbibliotheken – ab einer Inzidenz von unter 50 – wieder ohne Terminvergabe besucht werden können, ist Volker Fritz froh. Allerdings haben der Bibliotheksleiter und sein Team die Herausforderungen der Pandemie auch gerne für eine Weiterentwicklung genutzt.
Villingen-Schwenningen. Volker Fritz spricht von einer "spannenden Zeit", die dennoch "hoffentlich bald hinter uns liegt". Positiv erlebt habe er den regen Austausch nicht nur mit seinen 28 Mitarbeitern, sondern auch mit anderen Stadtbibliotheken und der Stadtverwaltung.
Viel habe man ausprobiert, um die Menschen trotz Schließung zu erreichen. Einige der Pandemie geschuldeten Alternativen werde man beibehalten, denkt Fritz, zum Beispiel Videokonferenzen mit den Kollegen in beiden Häusern. Oder die Möglichkeit der Online-Teilnahme an Veranstaltungen. Schon vor Corona seien die Bibliotheken in den beiden Stadtkernen digital gut unterwegs gewesen. In den letzten Monaten wurde das Angebot vergrößert: mehr "Bücher auf Rädern", eine größere Auswahl an E-Books, Filmstreaming, E-Learning, Press-Readern. Deren Nutzung sei im Lockdown "durch die Decke gegangen", freut sich Fritz über die Resonanz.
Lesen war für den gebürtigen Reutlinger schon als Kind das Größte. Als viertes von fünf Kindern verschlang er alles, was der heimische Bücherschrank hergab: alle Hanni-&-Nanni-Bücher seiner Schwester, die "Angelique"-Schmöker seiner Großmutter, aber auch die Comics der älteren Brüder. Mit 13 verdiente er sich als "Bücherkind" in der Böblinger Stadtbibliothek ein Taschengeld von drei D-Mark pro Stunde mit der Ausgabe von Kassetten und dem Zählen von Spielen.
Schuld ist wohl die Lektüre: "ordentliche Noten" in Deutsch
Im Schulfach Deutsch hatte er "ordentliche" Noten, erinnert sich Volker Fritz. Dass sie nicht fantastisch waren, lag wohl daran, dass ihn die vorgesetzte Lektüre nicht ansprach. Einzig "Faust" und "Die Leiden des jungen Werthers" faszinierten ihn. Bis heute suche er seine Bücher "mit dem Bauch" aus, sagt er. Er liebt die Schriftstellerin Rebecca Gablé, hat Tolkiens "Herr der Ringe" schon unzählige Male gelesen, hat eine Schwäche für Fantasy, Biografien, gut recherchierte Historienromane und den anglo-amerikanischen Humor.
Wenn ein Buch ihn allerdings "nach 20 Seiten" noch nicht gepackt hat, legt er es weg. "Die kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" von Marina Lewycka verschlang er dagegen auf einer siebenstündigen Zugfahrt in einem Rutsch. Momentan liegt auf seinem Nachttisch ein Regionalkrimi von der Alb.
Nach dem Zivildienst in einem Altenheim nahm Volker Fritz 1990 an der Fachhochschule für Bibliothekswesen in Stuttgart sein Studium auf. Die erwünschte Verknüpfung, beruflich sowohl mit Medien als auch mit Menschen zu tun zu bekommen, fand er zunächst mit einer Stelle im Stadtarchiv von Ludwigsburg.
Die Wirtschaftskrise Mitte der 1990-er-Jahre machte den Start nicht leicht, seine ersten Anstellungen waren alle befristet. So auch die Erfahrungen, die er beim Statistischen Landesamt sowohl im Veröffentlichungswesen als auch im Landesinformationssystem sammeln durfte. 1999 folgte er dann dem Ruf ins badische Wehr, wo er den Aufbau einer neuen Bibliothek mitgestalten konnte. 2002 wechselte er nach Radolfzell, auch hier stand die Neubesetzung der Leitungsstelle für acht Mitarbeiter und 50 000 Medien an und Fritz wurde gefragt. 2010 schließlich wurde er in Villingen-Schwenningen zum Nachfolger von Martha Maurer und zum Herrn über doppelt so viele Medien bestellt. Den Wechsel hat er nie bereut.
Er lebt mit seinem Mann, einem Diplomingenieur, in Trossingen, hat einen großen Familien- und Freundeskreis sowie "unglaublich nette Nachbarn", engagiert sich ehrenamtlich in seinem Berufsverband und ist passionierter Legobauer. Mit den kleinen bunten Steinen baut er am liebsten Gebäude nach Anleitung, aber auch Eigenkreationen. Dieses Hobby bringt er als Vereinsmitglied zudem in die Runde der Trossinger Eisenbahner ein. Für den vereinseigenen Museumsshop entwarf er Legomodelle von historischen Zügen.
Wenn er auf dem Weg zu seinem Büro die Schwenninger Stadtbibliothek mit ihren über 2000 Quadratmern Fläche betrete, gehe ihm angesichts der funktionalen Architektur mit dem "kathedralenähnlichen" Innenraum immer das Herz auf, sagt Volker Fritz. Am liebsten würde er diesen Blick durch eine verglaste Fassade mehr nach außen öffnen und den Eingangsbereich einladender gestalten.
Was drei Jahre ungelesen bleibt, fliegt raus
Doch es gibt Vordringlicheres: Das Bauwerk sei "in die Jahre gekommen" und werde derzeit Stück für Stück restauriert und moderner möbliert. Vom Charme der mit 600 Quadratmeter wesentlich kleineren Villinger Stadtbücherei ist Volker Fritz ebenso angetan. In beiden Bibliotheken werden jährlich insgesamt 14 000 neue Titel einsortiert, aus Gründen der Aktualität und Ansehnlichkeit fast ebenso viele entfernt. Auch was drei Jahre lang unausgeliehen bleibt, darf nicht bleiben. Daran hat auch die Coronapandemie nichts geändert.