In deutschen Kuhställen gibt es bis jetzt keine Vogelgrippe-Infektionen. Foto: dpa/Erik S. Lesser

Die nächste Pandemie ist nur eine Frage der Zeit, sagt der Virologe Stephan Ludwig. Er fordert bessere Überwachung.

Das Vogelgrippe-Virus kann sich schneller als erwartet an neue Säugetierarten anpassen, sagt der Münsteraner Forscher Stephan Ludwig. Dadurch könnte es auch für Menschen gefährlich werden.

 

Herr Ludwig, in den USA tritt in immer mehr Rinderherden das Vogelgrippevirus H5N1 auf. Zudem wurden dort Erregerbestandteile in Milchprodukten entdeckt. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Beunruhigend ist aus meiner Sicht, dass bei Rindern bis vor Kurzem noch nie Infektionen mit diesem Influenza-Typ beobachtet wurden. Das zeigt, dass sich dieses Virus offenbar recht schnell und gut an neue Säugetierarten als Wirte anpassen kann. Ungewöhnlich ist auch, dass sich die Viren praktisch nur im Euter von Rindern stark vermehren. Für Menschen sehe ich aber derzeit keine akute Gefahr.

Warum?

Weil Menschen sich bisher nur sehr, sehr sporadisch mit der betreffenden Virusvariante 2.3.4.4b infiziert haben und dann auch nicht schwer erkrankt sind. Dieser Typ hat sich in den letzten Jahren zwar weltweit stark unter Wildvögeln ausgebreitet und vereinzelt auch Säugetiere infiziert, doch für den Sprung auf den Menschen scheint es bis jetzt noch eine schwer überwindbare Barriere zu geben. Das muss aber nicht so bleiben.

Wie gefährlich ist die Milch von infizierten Kühen?

Es lässt aufhorchen, dass in den USA in rund 20 Prozent der Milchprodukte in Supermärkten Erbgutbestandteile von 2.3.4.4b gefunden wurden. Allerdings ist die Milch im Handel in aller Regel pasteurisiert – wie auch die daraus hergestellten Produkte. Sie enthält deshalb keine vermehrungsfähigen Viren. Bei Rohmilch, die nicht erhitzt wurde, ist eine Infektion von Menschen dagegen nicht auszuschließen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang aber nicht beobachtet.

Dazu müsste das Virus noch weitere Anpassungsschritte machen.

Genau. Deshalb ist es wichtig, zu verhindern, dass sich der Vogelgrippe-Erreger weiter massiv in der Rinderpopulation vermehrt. Denn je mehr Viren es gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei ihrer Vermehrung durch zufällige Erbgutveränderungen gefährlichere Varianten entstehen. Das hat man schon bei Corona gesehen. Man muss also versuchen, das Virus in den Rinderherden zurückzudrängen.

Wird in den USA dafür genug getan?

Ich halte es für problematisch, wie bislang dort damit umgegangen wird. Die Farmer haben wenig Interesse, dass ihre Tiere getestet werden, weil sie Probleme mit dem Verkauf ihrer Milch befürchten. Deshalb muss man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Generell ist in den USA die Überwachung von Nutztieren nicht so streng wie in Deutschland und der EU. Wir haben bei uns ein Kontrollsystem, mit dem Infektionsherde in Tierbeständen schnell erkannt werden können. Auf dieser Basis wurden bislang keine Vogelgrippe-Ansteckungen bei Rindern festgestellt. In den USA gibt es dagegen nur sporadische Kontrollen. Einige Bundesstaaten haben bis jetzt noch nicht einmal ein Transportverbot für infizierte Tiere erlassen, mit dem sich die Verbreitung bremsen ließe.

In den USA wurde gerade wieder ein Mensch durch den Kontakt mit Kühen mit 2.3.4.4b infiziert – der vierte Fall. Wie gefährlich ist die Arbeit in Ställen?

Personen mit engem Kontakt zu infizierten Kühen oder kontaminierter Milch stellen eine Risikogruppe dar. Schwere Verläufe gibt es zwar bisher nicht, aber es kann bei starkem Infektionsdruck sinnvoll sein, Menschen, die in Ställen arbeiten, durch eine Impfung zu schützen. Ein positives Beispiel ist hier Finnland, wo das Vogelgrippevirus auf Geflügel- und Pelztierfarmen aufgetaucht ist. Dort hat man den Mitarbeitern eine Impfung dagegen angeboten.

Nach der Coronapandemie wurde gefordert, Krankheitserreger weltweit besser zu überwachen. Was ist seitdem passiert?

In Deutschland wurde der Austausch zwischen Tier- und Humanmedizin deutlich verbessert. Die meisten neuen Erreger kommen ja aus dem Tierreich. Deshalb ist es wichtig, dass man bei einer Infektionswelle in Nutztierbeständen schnell prüft, ob sich in der Umgebung auch Menschen infiziert haben. Die internationale Zusammenarbeit bei der Überwachung der Erregerpopulationen funktioniert noch nicht so gut wie es sein sollte. Dabei können nur so potenziell gefährliche Virusvarianten rasch erkannt und charakterisiert werden. Das ist zum Beispiel wichtig für die schnelle Impfstoffentwicklung.

Auch die USA rücken bislang nur wenig Informationen über die Vogelgrippe-Welle bei Rindern heraus.

Das stimmt. Dort schätzt man das Risiko offenbar immer noch als gering ein. Ein Argument ist, dass 2.3.4.4b doch schon genügend Gelegenheiten gehabt habe, Menschen zu infizieren. Trotzdem sei das bis auf wenige Einzelfälle nicht passiert. Das stimmt momentan, doch je mehr Viren es gibt, desto eher kann sich das ändern.

Begünstigen große Tierbestände die Entstehung gefährlicher Erreger?

Ein Stall, in dem wie in der Geflügel- oder Schweinehaltung Tausende Tiere auf engem Raum leben, ist eine Art Brutreaktor für neue Virusvarianten. Die aus Tierschutzgründen wünschenswerte Freilandhaltung birgt aber ebenfalls Risiken, weil es hier leichter zum Kontakt mit infizierten Wildtieren kommt. In den USA hat sich vermutlich eine Kuh bei einem kranken Wildvogel infiziert und dann andere Kühe angesteckt. Als wahrscheinlicher Übertragungsweg zwischen den Kühen gilt unzureichend gereinigtes Melkgeschirr.

H5N1 gilt als ein heißer Kandidat für eine neue Pandemie. Wird die Politik dem gerecht?

Deutschland hat die Förderung der Forschung an Influenzaviren und anderen hochinfektiösen Viren zuletzt etwas zurückgefahren. Ich hoffe aber, dass die Fördergelder in Zukunft wieder etwas stetiger fließen werden. Wir wissen nicht, welcher Erreger die nächste Pandemie auslösen wird, aber dass sie irgendwann kommen wird, ist sicher. Ein wesentlicher Treiber ist dabei die weiter wachsende Weltbevölkerung, die immer tiefer in die Lebensräume von Wildtieren eindringt.

Experte für Viren aus dem Tierreich

Position
 Stephan Ludwig (Jahrgang 1962) ist Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Universität Münster. Zudem leitet er den Standort Münster der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen.

Themen
In seiner Forschungsarbeit beschäftigt sich der Hochschullehrer unter anderem mit dem Zusammenwirken von Viren mit ihren Wirtszellen, mit der Signalleitung in Zellen sowie mit angeborener Immunität.