Beim Männervesper berichtet Andreas Kramp von der DDR
Von Jens Sikeler
Vöhringen. Der Vöhringer Andreas Kramp ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Beim Männervesper berichtete er von einem Leben zwischen Anpassung und Aufbegehren. Und vom ganz alltäglichen Wahnsinn in der DDR.
"Irgendwann wusste ich, ich werde dieses Land verlassen." Wahrscheinlich ist es am besten, die Geschichte von Andreas Kramps Leben in der DDR von ihrem Ende her zu erzählen.
Reichlich naiv sei er damals gewesen, gab er beim Männervesper unumwunden zu. Auf jeden Fall hatte er gehört, dass die Grenzanlagen in der Tschechei nicht so stark befestigt seien. Er kaufte sich eine Zugfahrkarte ohne Rückfahrschein. Das reichte, um den Verdacht der Stasi zu erregen. Zwei unauffällige Herren hätten ihn aus dem Zug geholt, so Kramp.
Was folgte, waren zehn Minuten Verhör und danach 30 Minuten in einer eiskalten Zelle – immer wieder. Das zeigte Wirkung. "Irgendwann war ich so kaputt, dass ich, als sie mir ein weißes Blatt Papier hinlegten, mein Geständnis schrieb." Kramp wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt. Zuerst arbeitete er im Kohlenabbau, dann in einer Chemiefabrik. Gleichzeitig war das Gefängnis aber auch die Chance für Kramp, rauszukommen aus der DDR.
Er stellte einen Antrag auf Ausreise und machte immer wieder deutlich, dass er das Land unbedingt verlassen wolle. Irgendwann kaufte ihn die Bundesrepublik dann tatsächlich frei. Wie aber kommt es, dass der Wunsch, ein Land zu verlassen, so stark wird, dass ein Mensch sogar bereit ist, seine Familie und seine Freunde zurückzulassen?
In seinem Vortrag betont Kramp immer wieder den Unterschied zwischen "innerer" und "äußerer" Welt, spricht sogar von "Schizophrenie".
Er beschrieb ein System, in dem jede von der herrschenden Ideologie abweichende Äußerung zum Problem für den wurde, der sie äußerte: "In dieser Atmosphäre ist jede Dummheit zu einem Politikum geworden." Er berichtete von einem Klassenkameraden, der sich mit einem Jungenstreich seine berufliche Zukunft verbaute.
Dass in diesem Staat nicht sein konnte, was nicht sein durfte, machte Kramp auch am Beispiel der Weihnachtsengel aus dem Erzgebirge deutlich. Diese exportierte die DDR nach Deutschland. In den Zeitungen konnte aber nicht stehen, dass die DDR mit einem christlichen Symbol Geld verdiene. Deshalb kreierten die Journalisten die "Jahresendflügelfigur".
Geprägt durch seine eigenen Erfahrungen rechnete er auch mit vermeintlichen Errungenschaften der DDR ab, etwa mit der Kinderbetreuung. Die vermeintliche Wohltat hatte System: "Die DDR wollten jeden Heranwachsenden zu einem sozialistischen Staatsbürger erziehen." Es sei also um Kontrolle gegangen.