Bürger lehnen Krematorium im Gewerbegebiet ab. Auch Vereinsvorsitzende haben Bedenken.
Vöhringen-Wittershausen - Es war, als hätten sie in ein Wespennest gestochen: Bürgermeister Stefan Hammer und die drei Krematoriumsinvestoren Bettina, Ralf und Oliver Majer mussten beim Informationsabend viel Kritik der Bürger einstecken.
Man hätte auf die Informationsveranstaltung wohl auch verzichten und stattdessen nur eine Bürgerdiskussion einberufen können. Die Mehrheit der Besucher war nicht erschienen, um sich eine Meinung zu einem Krematorium zu bilden, sondern um dagegen zu protestieren. Die Veranstaltung hat jedenfalls gezeigt: Die Wittershauser wollen kein Krematorium. Jedenfalls nicht am geplanten Standort im Gewerbegebiet Wörth. "Da ist auch unser Naherholungsgebiet mit Grillplatz und Sportanlagen, und dort soll das Ding hin?", empörten sich mehrere Anwesende. "Sie werden unsere Gemeinde nicht beschmutzen", schleuderte einer der Gäste Bürgermeister Hammer entgegen. Neben der befürcheteten Umweltbelastung sei es auch "eine Kopfsache", sich dort noch wohlzufühlen.
Die Vertreter der dort ansässigen Vereine schlugen in dieselbe Kerbe: "Bei den Sportlern verursacht die Vorstellung, ein Krematorium in der Nachbarschaft zu haben, ein flaues Gefühl im Magen", erklärte Martin Meer vom Tennisclub. Die Vorsitzende des Kleintierzuchtvereins, Gaby Rinker, sagte: "Wir hätten das Ding täglich vor der Nase. Vielleicht sollte der Gemeinderat über diese Lage nochmals nachdenken". Auch die TSG wolle das ihren Mitgliedern nicht zumuten, vor allem nicht den Kindern und Jugendlichen, erklärte der Vorsitzende Thomas Kräutle.
Zur Vorsicht mahnte Wittershausens ältester Bürger, der "als Warner" bei der Versammlung war: "Passt auf, wofür ihr die Gemeinde hergebt".
Zusätzlich trägt sich die große Mehrheit der Bürger wohl mit der Sorge, wie sich ein Krematorium auf die Attraktivität der Ortschaft auswirken könnte. Man sei durch die Autobahn und die benachbarte Müllkippe schon genug belastet. Wer würde noch herziehen, wenn das Krematorium als Krönung negativer Faktoren dazukäme?
Es gab jedoch auch Gegenstimmen: Eine Bürgerin, die das Krematorium für "keine schlechte Idee" hielt, stellte fest, dass manche Schornsteine mehr Rauch in die Luft ließen als das Krematorium. Sie wies auch auf den fehlenden Platz auf dem Friedhof hin. Ein weiterer Besucher kristisierte die ablehnende Haltung der Wittershauser: Diese erinnere ihn an solche Aussagen wie "ich will billigen Strom, aber kein Windrad vor dem Haus, das meine Aussicht stört". Man wolle zwar Feuerbestattungen, aber kein Krematorium.
Dabei schlug manch ein Besucher auch alternative Standorte für die Anlage vor, anstatt nur dagegenzuwettern, unter anderem wurde die Alte Ziegelei genannt.
Kritisiert wurde auch der Auftritt von Bürgermeister und Gemeinderat, die trotz der Feststellung, noch keinen Beschluss gefasst zu haben, nur Argumente für die Einäscherungsanlage fänden und permanent die Investoren anstelle der Bürger unterstützen würden. Man solle doch endlich zugeben, dass man das Krematorium haben wolle, hielt einer der Anwesenden den Gemeinderäten vor.
Die Gegner des Projekts können jedoch aufatmen: Ortsvorsteher Ernst Breil sowie Hammer erklärten zum Ende der Diskussion, man werde sich in dieser Sache nicht gegen die Bürger stellen und den inneren Frieden der Gemeinde gefährden, indem man baue, wenn die Mehrheit dagegen sei.
Kommentar
Zu emotional
Von Marzell Steinmetz
Die Wittershauser Bürger fühlen sich hintergangen, zumindest übergangen. Ein Jahr lang sollte ein so brisantes Thema wie ein Krematorium auch nicht der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Das zumindest müssen sich Verwaltung und Gemeinderat vorwerfen lassen. Die Informationsveranstaltung am Mittwochabend hat aber auch gezeigt: Mit sachlichen Argumenten ist nichts auszurichten. Bei einem Krematorium ganz in der Nähe von Wohnhäusern spielen auch Emotionen eine Rolle, und das sollte akzeptiert werden. Das Projekt gegen die Wittershauser durchzudrücken, wäre fatal. Bürgermeister Stefan Hammer will es auch nicht: Den inneren Frieden der Gemeinde möchte er nicht gefährden, sagte er. Aber vielleicht könnte man noch über einen Standort nachdenken, mit dem alle leben können – beispielsweise im interkommunalen Gewerbegebiet.