Ist ein Nahwärmenetz in Wittershausen realisierbar ? / Genossenschaftsbeispiele in Pfalzgrafenweiler und Bittelbronn
Von Cristina Priotto Vöhringen-Wittershausen. Der Ortschaftsrat von Wittershausen plant ein Nahwärmenetz, um die Abwärme der Biogasanlage des Mühlbachhofs zu nutzen. Das Projekt kann aber nur realisiert werden, wenn sich genug Interessenten finden. Andernorts funktionieren solche Modelle als Genossenschaften.Erstmals mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit getreten waren Ortsvorsteher Ernst Breil und Ratsmitglied Jochen Schäfenacker Ende April. Hintergrund ist, dass auf dem Mühlbachhof von Andreas Haberer seit vier Jahren eine Biogasanlage läuft. Deren Abwärme – umgerechnet rund 300 000 Liter Heizöl – wird bislang noch nicht genutzt.
Diese vergeudete Energie will Schäfenacker für die Wittershauser nutzbar machen – und zwar durch den Aufbau eines Nahwärmenetzes, zunächst im Bereich Brühl-, Eichen-, Jahn- und Lindenstraße. Bei einem Informationsabend Ende Mai hat der Ortschaftsrat sein großes Ziel, aus Wittershausen ein Bioenergiedorf zu machen, rund 90 Zuhörern vorgestellt. Die gute Resonanz stimmt die Initiatoren zuversichtlich, eines von derzeit rund 30 Bioenergiedörfern in Baden-Württemberg werden zu können.
Sollte sich in der Umfrage (siehe Info) ein ausreichendes Interesse der Bevölkerung ergeben, könnten die Ortschaftsräte die Planung vorantreiben. "Unsere Richtgröße ist eine Anschlussdichte von zirka 70 Prozent der Haushalte je Straße", gibt Schäfenacker als Devise aus. Ob das Nahwärmenetz einmal auf alle rund 320 Haushalte ausgeweitet wird, hängt zunächst von den Interessenten im südöstlichen Teil des Orts ab.
Spannend könnte es für die Wittershauser werden, weil das Nahwärmenetz auf genossenschaftlicher Basis betrieben werden soll. Dies bedeutet, dass die Mitglieder Anteil an den Überschüssen haben.
Für dieses Modell gibt es in der Region bereits einige funktionierende Beispiele: In Pfalzgrafenweiler (Kreis Freudenstadt) etwa betreibt die 417 Mitglieder starke Bürgergenossenschaft "WeilerWärme" ein Nahwärmenetz, das die Abwärme eines Holzheizkraftwerks und einer Biogasanlage nutzt und an das neben acht städtischen Gebäuden auch etwa 200 private Haushalte angeschlossen sind. Teilweise machen in einzelnen Straßen sogar alle Haushalte mit. Bislang hat die Genossenschaft rund 1,75 Millionen Euro in das 5,7 Kilometer lange Leitungsnetz investiert. Für diesen Kraftakt gab es kürzlich einen Ritterschlag: Das Landesumweltministerium hat die 7300 Einwohner große Kommune zum ersten Bioenergiedorf im Nordschwarzwald und zum größten in Baden-Württemberg geadelt.
Noch aufwändiger und langwieriger waren die Pläne für das Bioenergiezentrum in Bittelbronn (Zollernalbkreis), denn in dem 600-Einwohner-Ort bei Haigerloch musste die Biogasanlage erst gebaut und finanziert werden. Nachdem sich die Bürger für ein Genossenschaftsmodell entschieden hatten, erklärten sich auf Anhieb 150 Bürger bereit, Anteile zu zeichnen. Seit Ende Dezember 2010 speist die Anlage Strom ins Netz der EnBW ein. Derzeit wird das Wasserversorgungssystem im Ort erneuert, und im Zuge dessen werden auch gleich die Leitungen für ein Nahwärmenetz verlegt, so dass die ersten Abnehmer ab September lokale Wärmeenergie erhalten können. Noch ist aber unklar, wieviele der rund 300 Haushalte mitmachen: Die Angaben schwanken zwischen 50 und 120 Abnehmern.
Erfahrungswerte, von denen die Wittershauser profizieren können, gibt es in der Region folglich genug. Initiator Jochen Schäfenacker ist überzeugt: "Das wäre eine Riesenchance, die auch die Attraktivität unseres Orts und damit die Zukunft sichern könnte". Umso gespannter ist der Ortschaftsrat, wieviele Bürger bis 30. Juni ihr Interesse an einem Nahwärmenetz bekunden.