Mateo Kries, der Direktor des Vitra Design Museums, spricht im Interview über den Campus als Sprungbrett für Weltarchitektur und wie Vitra mit diesem Erbe umgehen will.
Die herausragende Bedeutung des Vitra Campus für die internationale Architekturszene wurde im Dezember anlässlich des Todes von Frank O. Gehry wieder einmal deutlich. Kaum ein Nachruf auf den weltberühmten Architekten kam ohne Verweis auf das Vitra Design Museum in Weil am Rhein aus. Dessen Direktor Mateo Kries erklärt, welchen Stellenwert diese Architektur-Ikone heute hat und wie die Region von deren Bekanntheitsgrad profitiert.
Wie ist aus Ihrer Sicht das Gebäude des Vitra Design Museums einzuordnen – für den Campus und für den Architekten Frank O. Gehry selbst?
Das Museumsgebäude von Gehry auf dem Vitra Campus ist zwar vergleichsweise klein, aber sowohl für den Campus als auch für Gehry und die Architekturwelt von größter Bedeutung. Auf dem Campus markiert es die Wende weg von dem ursprünglichen Masterplan von Nicholas Grimshaw aus den frühen 1980er-Jahren, hin zu einem Konzept, das auf unterschiedliche Architekten setzte und mit dem der Campus zu dem wurde, was er heute ist: Ein Ort der Vielfalt statt der Einheitlichkeit, ein Ort der Kontraste und des Dialogs zwischen ganz unterschiedlichen künstlerischen und architektonischen Positionen. Man könnte also sagen, dass Gehrys architektonischer Grundansatz – die Idee der Collage, der kontrastierenden Formen – auf den ganzen Campus abgefärbt hat.
Zwischen dem Vitra-Campus und der Karriere von Frank O. Gehry bestand eine Wechselwirkung. Wie wichtig war Gehry für Vitra beziehungsweise Vitra für Gehry?
Für Gehry selbst war es das erste Gebäude in Europa und zugleich eines, das sofort enorme internationale Resonanz erfuhr. Dadurch wurde das Vitra Design Museum gleichsam über Nacht bekannt, aber auch die internationale Karriere von Gehry nahm Fahrt auf.
Spätere Bauten wie das Guggenheim Bilbao (1996) sind ohne den Bau auf dem Campus nicht denkbar. 1989, im gleichen Jahr, in dem das Vitra Design Museum eröffnete, erhielt Gehry auch den Pritzker Prize, eine Art Nobelpreis der Architektur. Durch den Preis und das Gebäude auf dem Campus wurde Gehry weltweit berühmt.
Später kam in direkter Nachbarschaft das Vitra Haus von Herzog & de Meuron als zweites Markenzeichen des Vitra Campus hinzu. Wie gewichten Sie den Stellenwert dieser beiden Bauwerke?
Beide Bauten markieren den Eingang zum Campus mit ihrer prägnanten, symbolhaften Bildsprache. Zugleich sind sie so unterschiedlich wie beispielsweise ein abstraktes und ein naturalistisches Bild: Das Gehry-Gebäude ist eine Komposition aus abstrakten Volumen, das Vitra Haus hingegen klar lesbar als Collage aus der archetypischen Hausform.
Die beiden Bauwerke stehen für zwei Hauptmissionen von Vitra – das Vitra Haus für die unternehmerische Mission, das Museum für die kulturelle. Mit der CEO Nora Fehlbaum kam in den 2010er-Jahren die Nachhaltigkeit als dritte Mission hinzu, die sich seitdem ja auch auf dem Campus manifestiert, etwa mit dem Oudolf Garten.
Sowohl das Vitra Design Museum von Frank O. Gehry als auch die „Fire Station“ von Zaha Hadid dienten als Sprungbrett für große Architektur-Karrieren. Was einst brandaktuell war, wird im Lauf der Zeit ein Vermächtnis. Bekommt der Vitra-Campus dadurch langfristig eine zusätzliche Funktion als eine Art Architekturmuseum?
Wir sehen den Campus weniger als Vermächtnis, sondern als lebendiges und sich stetig weiter entwickelndes Projekt. Alle Bauten hier werden sehr gut erhalten und gepflegt, aber nicht, um sie museal zu konservieren, sondern um sie nutzen zu können und für unsere Gäste zugänglich zu machen. Gleichzeitig legen wir sehr viel Wert auf die Vermittlung der Architektur auf dem Campus. Wir führen im Jahr fast 3000 Architekturführungen durch. Natürlich kann sind frühe Bauten wie Gehrys Museum und das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid auch Ikonen der Architekturgeschichte, aber wir wollen diese Bauten als lebende und nutzbare Architektur zeigen, denn nur so kann man sie wirklich verstehen.
Man spricht im Zusammenhang mit Gehrys Guggenheim-Museum vom „Bilbao-Effekt“, also vom Image bildenden Schub, den Architektur für diese Stadt bewirkt hat. Sehen Sie eine ähnliche Wirkung für das Dreiländereck und Weil am Rhein?
Ja, auf jeden Fall. Natürlich nicht in der Dimension wie in Bilbao, wo man diesen Effekt bewusst gesucht hat und er eine andere Größenordnung hat. Aber wir sehen diesen Effekt über die vergangenen Jahrzehnte sehr klar. Wir haben Gäste aus der ganzen Welt, und die etwa 350 000 Besucher pro Jahr auf dem Vitra Campus bedeuten eine enorme Wertschöpfung für die ganze Region. Auch für das Zusammenwachsen des Dreiländerecks ist der Campus wichtig, etwa über die enge Kooperation mit den Basler Museen. Und der Strukturwandel geht ja weiter, jüngst etwa mit der Ansiedlung des Architekturstudiengangs der DHBW auf dem Campus – all das sind Effekte, die sich gegenseitig bedingen. Eines führt zum anderen.
Gehrys Architektur ist skulptural, das Museum auf dem Vitra Campus schon ein Kunstwerk an sich. Dominiert im alltäglichen Museumsbetrieb die spektakuläre Hülle des Museums nicht die darin gezeigten Ausstellungen?
Nein, überhaupt nicht. Zwar sieht das Museumsgebäude von außen sehr dynamisch aus, aber die vier Hauptsäle haben rechteckige Grundrisse und absolut gerade Wände, man kann sie also bespielen wie jeden neutralen Museumssaal.
Gehry Kunst zeigt sich bei uns eher darin, wie er die Räume zusammenfügt und wie er das Licht führt. Die skulpturalen Formen bei uns sind kein Selbstzweck, sondern bilden den funktionalen Aufbau des Museums nach außen ab – Treppenhäuser, Oberlichter, Ausstellungssäle.
Wäre das nicht ein geeigneter Ort für eine Gehry-Werkschau?
Wir haben in den 2000er-Jahren mal eine Ausstellung über die jüngeren Werke Gehrys gezeigt. Wir haben aktuell so viele großartige neue Themenideen, dass wir leider nicht alle Ausstellungen machen können, die wir gerne machen würden. Irgendwann wird es sicher eine große Gehry-Ausstellung geben, aber konkrete Pläne dafür gibt es aktuell nicht.
In Berlin bauen Herzog & de Meuron derzeit das neue Museum Berlin Modern. So wie man im Fall von Gehry das Vitra Design Museum als eine Studie für das Guggenheim-Museum in Bilbao sehen könnte, scheint auch bei Herzog & de Meuron das Vitra-Schaudepots wieder wie ein Modell für das viel größere Projekt in Berlin. Wie sehen Sie das?
Eine äußerliche Parallele zwischen dem Schaudepot und dem neuen Berlin Modern ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Aber Herzog & de Meuron sind viel zu gute Architekten, um sich zu wiederholen. Das Berlin Modern Gebäude ist viel größer und hat im Inneren eine viel komplexere Raumstruktur, auch ist der Baukörper aufgebrochen, während das Schaudepot ein Monolith ist. Die Bauaufgaben sind völlig unterschiedlich, und so werden auch die Bauten am Ende sehr unterschiedlich sein.
Zur Person:
Mateo Kries, Jahrgang 1974, leitet seit 2011 das Vitra Design Museum. Er wurde in Müllheim/Baden geboren und lebt heute in Freiburg und Berlin. Der Kunsthistoriker und Soziologe tritt außerdem als Autor in Erscheinung.