Immer mehr Menschen haben zu wenig Vitamin D im Blut, weil sie sich zu selten im Freien aufhalten. Dabei schützt das Hormon, das sich nur unter Sonneneinstrahlung bildet, unter anderem auch vor den Folgen von zu viel Sonne: nämlich Krebs. Foto: dpa

Forscher warnen vor übertriebenem Schutz vor der Sonne: Wer sie zu sehr meidet, schadet sich.

Bremen - Osteoporose oder Hautkrebs? Aktuelle wissenschaftliche Diskussionen wecken den Eindruck, als müssten wir uns zwischen diesen beiden Krankheiten entscheiden. Und verantwortlich dafür ist die Sonne. Denn so wie sie einerseits die Knochenbildung anregt, fördert sie andererseits die Entwicklung von Hautkrebs. Im Schatten behält man also einen gesunden Teint, und in der Sonne ein gesundes Skelett – oder geht auch beides?

Jährlich erkranken in Deutschland knapp 200.000 Menschen an Hautkrebs, etwa 3000 sterben am Melanom. Es ist daher kein Wunder, dass die Deutsche Krebshilfe vor dem bedenkenlosen Konsum der UV-Strahlen warnt, denn die erzeugen in der Haut hochreaktive Sauerstoffverbindungen, die das Zellwachstum in einen Tumor umdirigieren können. Keine Solariumsbesuche, keine Sommersonne zwischen 11 und 15 Uhr, und wenn Sonne, dann nur mit einer Schutzcreme, die mit einem Lichtschutzfaktor über 20 ausgestattet ist, so die Empfehlungen.

„Sonne bringt mehr Nutzen als Schaden“

Andere Wissenschaftler warnen jedoch davor, dass immer mehr Menschen zu wenig ins Freie gehen und dadurch ihre körpereigene Vitamin-D-Produktion vernachlässigen. So sagt William Grant vom Sunlight, Nutrition and Health Research Center in San Francisco: „Sonne bringt mehr Nutzen als Schaden. Wir sollten uns daher nicht vor ihr verstecken.“ Denn in unserer von Innenraumarbeiten geprägten Zeit, warnt Grant, bekämen wir ohnehin schon viel weniger Sonne ab, als uns guttun würde.

Tatsache ist, dass der menschliche Körper in der Tat Vitamin D in Eigenproduktion herstellen kann: Je mehr er vom Sonnenlicht und von dessen UVB-Anteilen bestrahlt wird, umso mehr Vitamin D wird auch produziert. So handelt es sich dabei streng genommen nicht um ein Vitamin, sondern um die Vorstufe eines Hormons, das vor allem bei der Regulierung des Kalziumspiegels im Blut und beim Knochenaufbau eine wichtige Rolle spielt. Unter Einfluss von Licht, speziell von UVB-Strahlung, wird die Substanz in der Haut aus der Vorstufe Dehydrocholesterin synthetisiert und dem Körper in Leber und Niere bereitgestellt.

Hinzu kommt, dass Vitamin D direkt, über eine Hemmung des Tumorzellenwachstums, und indirekt, über eine Aktivierung des Immunsystems, vor diversen Krebsarten schützt. Brustkrebspatientinnen mit Vitamin-D-Mangel haben ein dreifach erhöhtes Risiko für Metastasen – und ein um 73 Prozent erhöhtes Risiko, in den zehn Jahren nach ihrer Diagnose den Tod zu finden. Für Prostata- und Darmkrebs existieren ähnliche Daten.

e dunkler die Stirn, umso geringer das Risiko für Prostatakrebs

Dass bei diesem Vitamin-D-Schutzeffekt vor allem die Sonneneinstrahlung eine große Rolle spielt, haben Forscher an der amerikanischen Wake Forest University gezeigt. Sie verglichen die sonnenabhängige Hautpigmentation von 450 weißen Prostatakrebspatienten mit der von 455 gesunden Männern. Es zeigte sich: Je dunkler die Stirn, umso geringer das Risiko für Prostatakrebs. Insgesamt können tägliche Sonnenbestrahlungen das Risiko für diesen Tumor sogar halbieren.

Selbst Melanome werden durch Sonnenstrahlen und Vitamin D in ihrem Wachstum gebremst. Julia Newton Bishop von der University of Leeds fand heraus, dass Melanompatienten mit geringem Vitamin-D-Spiegel ein um 30 Prozent größeres Risiko haben, dass sich nach der Entfernung des ersten Tumors wieder neue Geschwüre ausbilden, während diejenigen mit dem höchsten Vitamin-D-Spiegel generell die kleinsten Melanome haben. In einer Erhebung an ihren englischen Landsleuten konnte die Krebsmedizinerin zudem zeigen, dass Menschen, die beruflich viel im Freien oder am Wochenende in der Sonne sind, nur selten an Hautkrebs erkranken.

Zehn Minuten Spazierengehen an der Sonne reichen aus, um den kompletten Tagesbedarf an Vitamin D zu decken

Nichtsdestoweniger will auch Bishop keinen Freibrief für ungehemmte Sonnenbäder geben: „Wir konnten feststellen, dass Urlaube in sonnigen Regionen sowie Sonnenbrände das Melanomrisiko deutlich erhöhen.“ Es kommt also auf die UV-Dosis an und darauf, inwieweit die Haut eines Menschen an sie gewöhnt ist. Auf tägliche Aufenthalte in seiner ursprünglichen Umgebung hat die Evolution den Menschen optimal angepasst. Weswegen die hohe Hautkrebsquote in Deutschland nicht etwa damit zu tun hat, dass seine Bewohner zu oft im Freien spazieren gehen. Vielmehr liegen die Ursachen bei zu langen Sonnenbädern in südlichen Gefilden oder zu häufigen Solarienbesuchen.

Gerade die Solarien stellen eine große Hautkrebsgefahr dar: So fand ein internationales Forscherteam heraus, dass Solarienbesuche das Risiko für den gefährlichen Schwarzen Hautkrebs um 20 Prozent erhöht – im Vergleich zu Menschen, die sich noch nie auf eine Sonnenbank gelegt hätten.

Wer sich also die Sonnenstrahlen nicht zum Feind machen möchte, sollte sich an die Dosis halten: So reichen zehn Minuten Spazierengehen an der Sonne schon aus, um den kompletten Tagesbedarf an Vitamin D zu decken.

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