Arzt erklärt Longevity-Trend Altersforscher: Aktivität ist viel wichtiger als Vitamin D

Regine Warth , aktualisiert am 25.06.2025 - 12:31 Uhr
Kilian Rapp beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem gesunden Altern. Foto: RBK/Christoph Schmidt/Montage: Pichlmaier

Was muss man tun, um lange gesund zu leben? Longevity-Experten suchen nach möglichen Wirkstoffen, um das Altern hinauszuzögern. Dabei helfen schon ganz einfache Dinge.

Von der Wissenschaft vom langen Leben ist seit einigen Jahren immer öfter zu hören: Molekularbiologen und Genetikerinnen entschlüsseln nicht nur die Mechanismen des Alterns, sondern forschen an Wirkstoffen, die die biologische Uhr anhalten oder gar ein Stück weit zurückdrehen sollen. Aktuell steht dabei Vitamin D hoch im Kurs. Doch ist das auch berechtigt? Wir haben Kilian Rapp, den Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, gefragt, was man für ein gesundes Altern wirklich braucht.

 

Herr Rapp, was lässt uns altern?

Der Alterungsprozess des Organismus und der Zellen lässt sich anhand unterschiedlicher Merkmale festmachen – unter anderem durch eine Verkürzung der Telomere. Bei jeder Zellteilung wird an den Trägern unserer Erbinformation, den Chromosomen, ein Stückchen abgeschnitten. Bei Erreichen einer kritischen Telomerlänge gehen die betroffenen Zellen in einen Ruhezustand mit permanentem Wachstumsstopp über oder sterben ab und verlieren somit ihre Funktionalität. Diese Entwicklung versuchen Forscher mit Wirkstoffen aufzuhalten.

Vitamin D gilt einer aktuellen Studie zufolge dabei als heißer Kandidat. Sollen wir also mehr davon einnehmen?

Vitamin D spielt in der Geriatrie schon immer eine große Rolle: es ist für die Knochengesundheit und Muskelfunktion wichtig. Denn die braucht es, um Stürze zu verhindern. Allerdings wurden frühere Studien, die eine Sturzreduktion durch Vitamin D-Einnahme nahelegten, zuletzt relativiert. Auch bei dieser aktuellen Studie hat sich zwar herausgestellt, dass eine langjährige Einnahme von Vitamin D die Telomere besser vor dem Abbau schützt. Gleichzeitig wurde aber auch der Einfluss von Vitamin D auf die Entstehung von Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen oder die körperliche Funktion geprüft. Diese Ergebnisse waren eher ernüchternd.

Kilian Rapp Foto: RBK/Christoph Schmidt

Bleibt der Einfluss von Vitamin D auf das gesunde Altern fraglich?

Ich glaube nicht, dass wir uns diesen Stoff in Mengen zuführen müssen, wenn kein erwiesener Mangel besteht. Eine Vitamin-D-Gabe hat sich als sinnvoll bei Knochenbrüchen und im Zusammenhang einer Osteoporose-Therapie gezeigt. Man gibt es Babys um einer Rachitis vorzubeugen und Menschen, die wenig Sonnenlicht abbekommen. Dies betrifft insbesondere ältere Menschen, die pflegebedürftig sind oder im Krankenhaus liegen.

Gilt das auch für die anderen Wirkstoffe, die ein gesundes Altern begünstigen sollen wie Omega-3-Fettsäuren, die Aminosäure Taurin?

Bei all diesen genannten Wirkstoffen ist die Studienlage nicht eindeutig und es gibt keine empfohlene Einnahme. Das gilt übrigens auch für das Diabetes-Medikament Metformin, dem ebenfalls nachgesagt wird, es habe auf die Stellschrauben der Zellalterung einen entscheidenden Einfluss.

Ist die Forschung nach der Pille gegen das Altern also vergebliche Mühe?

Ich will nicht ausschließen, dass es irgendwann eine Wirkstoffkombination gibt, die den Alterungsprozess hinauszögern wird: Schließlich wurde beispielsweise an Würmern und Mäusen schon gezeigt, dass es durchaus möglich ist, eine lebensverlängernde Wirkung zu erzielen. Ich glaube nur nicht, dass dies allein durch natürlich vorkommende Wirkstoffe wie Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren passieren wird. Denn hier ist der Mensch evolutionär bedingt schon sehr gut eingestellt. Eher wird es eine Art Wirkstoff-Kombination sein, die individuell auf den Betreffenden zugeschnitten sein könnte.

Andere sagen: Weniger ist mehr – und bewerben das Heilfasten für die Langlebigkeit. Was halten Sie davon?

In Tierversuchen hat man festgestellt, dass eine Reduzierung von Kalorien bei einfachen Lebewesen die Lebenserwartung steigern kann. Ob dies allerdings auch auf Menschen so übertragbar ist, bleibt noch offen: Die Studienlage zum Intervallfasten ist sehr dünn. Es bestehen aber keine Zweifel, dass eine Gewichtsreduktion bei Übergewichtigen positive Effekte hat, etwa auf den Blutzuckerspiegel oder den Blutdruck.

Sollten auch alte Menschen fasten?

Bei unseren geriatrischen Patienten empfehlen wir Fasten nicht. Denn in dieser Altersgruppe haben wir eher das Problem, dass zu wenige Nährstoffe aufgenommen werden. Auch führt ein Nahrungsverzicht dazu, dass neben Fettgewebe auch Muskelgewebe abgebaut wird. Und gerade Letzteres wollen wir ja unter allen Umständen vermeiden.

Wie sollte die Ernährung für ein gutes Altern Ihrer Meinung nach aussehen?

Im jüngeren Alter wird die sogenannte mediterrane Diät empfohlen – also eine vielseitige Ernährung mit Gemüse, Früchten sowie Olivenöl und wenig Fleisch. Sie hat einen günstigen Einfluss insbesondere auf die kardiovaskuläre Gesundheit. Bei 80-Jährigen mit begrenzter Lebenserwartung spielt nicht mehr so sehr das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung die Rolle. Hier ist die motorische Funktion wichtig – also, dass man beispielsweise noch selbstständig zur Toilette oder zum Einkaufen gehen kann. Dafür ist die Muskelkraft wichtig, weshalb wir Hochaltrigen eine eiweißreiche Ernährung empfehlen.

Was kann man tun, damit die Kräfte im Alter nicht nachlassen?

Sich möglichst einen aktiven Lebensstil bewahren. Konkret kann ein gezieltes Kraft- und Balance-Training das Risiko von Stürzen im Alter verringern. Dazu gibt es auch mittlerweile viele Angebote in Sportvereinen. Für Menschen, die allerdings schon gebrechlich sind, gibt es wenig Programme, die das Gleichgewicht und die Kraft schulen. Wir sind am Robert-Bosch-Krankenhaus dabei, im Rahmen von Studien solche Angebote aufzubauen.


Wie kann auch die Seele gut altern?

Wichtig ist, seinem Leben einen gewissen Sinn zu geben, auch, indem man am gesellschaftlichen Leben teilnimmt – etwa durch ehrenamtliche Tätigkeiten oder eine stärkere Einbindung in der Familie oder im Freundeskreis. Jetzt, da der Mensch in einem deutlich besseren Zustand ins Alter kommt als noch vor 50 Jahren, sollte man diesen Lebensabschnitt auch als Chance begreifen, Dinge zu gestalten. Wir nennen es „Succesful Aging“ – das erfolgreiche Altern.

Was kann ein jeder noch für ein gesundes Altern tun?

Mit dem Rauchen aufhören. Es ist erwiesen, dass jeder zweite Raucher und jede zweite Raucherin vorzeitig stirbt. Daher kann ich allen nur sagen: Vergesst alle Ratschläge für ein gesundes Altern. Wer raucht, braucht sich darüber keine Gedanken machen.

Kilian Rapp will Stürzen zuvorkommen

Leben
Kilian Rapp wurde 1963 geboren. In Tübingen und Berlin studierte er Humanmedizin. Er ist Facharzt für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Geriatrie, zudem hat er einen Masterabschluss in ‚Public Health’ erworben. Wissenschaftliche Ausbildung am Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm. Seine Forschungsschwerpunkte: Epidemiologie sturzbedingter Frakturen, Alterstraumatologie, Förderung der Mobilität und Sturzprävention.

Leitung
Seit 2021 ist Rapp Ärztlicher Leiter der Abteilung für Geriatrie und Forschungsleiter für Geriatrie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.