Zwölf Pilger laufen nachts los. Unterwegs geht es um Glauben, Verlust, Dankbarkeit und Entscheidungen, die das Leben verändern können.
0.45 Uhr. Es ist Nacht. Schlafenszeit. Nicht so an diesem Montagmorgen in Villingen. Hier klingeln Wecker. Abenteuerlustige und Gläubige machen sich nach Einladung der Münsterpfarrei und des Geschichts- und Heimatvereins auf zur Pilgerwanderung auf den Dreifaltigkeitsberg. So wie man das seit rund 300 Jahren tut – als die Villinger gelobt hatten, im Falle eines glimpflichen Verlaufs einer katastrophalen Viehseuche jedes Jahr einmal auf den Dreifaltigkeitsberg zu pilgern.
1.30 Uhr, Abmarsch am Bahnhof. Die Gruppe ist mit am Ende zwölf Pilger überschaubar und die Aufgabe gewaltig: 30 Kilometer Fußweg. Aber die Vorfreude ist groß und das Wetter mit trockenen 14 Grad bestens. Perfektes Pilgerwetter. Nur die Fahne fehlt. Der Fahnenträger hat verschlafen. Diakon Rupert Kubon lacht: „Das kann passieren – mir ist das vor vier Jahren auch passiert!“ Vor dem ersten Schritt gibt er seiner Gruppe einen Impuls zum Glauben mit auf den Weg – das Thema, unter dem diese Fußwallfahrt und die Denkanstöße unterwegs stehen werden. Er zitiert Wikipedia und kratzt das Thema schon mal von verschiedenen Seiten an – „aber vielleicht glauben Sie gar nix oder haben eine andere Vorstellung zum Glauben. Lassen Sie das einfach in sich wirken – wir können losgehen.“
Warum tut man das – mitten in der Nacht aufstehen und 30 Kilometer in den Tag hinein laufen? Sind sie alle streng gläubig, auf ein Abenteuer aus oder tun sie Buße? Und gerät Pilgern zur Heuchelei, wenn der Wanderer nicht bibelfest und treuer Kirchgänger ist? Der Weg, der vor uns liegt, dürfte ausreichend Gelegenheit bieten, das herauszufinden.
Erstaunliches Tempo
Erstaunlich flott geht's los. Ob dieses Tempo durchzuhalten ist? Weder eine Stirnlampe noch ein Navi trägt Rupert Kubon, der Ex-OB, der die Tour seit fünf bis sechs Jahren leitet. „Ich bin die Strecke einmal mit dem Fahrrad abgefahren, als ich das übernommen habe“, erzählt er. Erfahrung brachte er durch seine Teilnahme seit etwa 15 Jahren mit. Die Frage nach dem Glauben hat er für sich längst beantwortet – um ihn zu finden, brauchte der damals noch etwas orientierungslose, etwa 30-jährige Kubon allerdings einen Besuch bei Mönchen im Kloster.
Über die Bertholdshöfe geht es weiter. Verstärkung kommt: Ein Auto spuckt den Fahnenträger Thomas Weiß samt Fahne aus. Ein herzliches Hallo. Die Fahne geschultert, geht es weiter über Zollhaus und durchs Schwenninger Moos. Dort prasselt ein Regenschauer nieder. Die Stimmung im Naturschutzgebiet wirkt mystisch. Holzstämme ragen aus tiefschwarzem Wasser.
Der Vollmond versteckt sich hinter Wolken. Dazu erklingt ein wirklich lautes Froschkonzert, das nachhallt, während die Pilger an der Südwest-Messe vorbei unter der Bundesstraße hindurch in Richtung Mühlhausen ziehen. Dort wartet ein Team aus Pfarrgemeinderäten und Anhang – Erwin und Lydia Lemke und Ulrike und Bernhard Bogenschütz – das, wie seit Jahren fürs Frühstück gesorgt hat. Um 4 Uhr wird der Zopf beim Bäcker geholt, kurz vor 5 Uhr trudeln die Gäste im Pfarrsaal ein.
Hape Kerkeling löst Boom aus
Tibi Schneider saß hier schon oft. 1995 hat er seine erste Fußwallfahrt angetreten – er weiß noch, wie man „damals“ in Spaichingen beim ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel frühstücken durfte. Und er erinnert sich an den unheimlichen Boom, den Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg...“ zum Pilgern auf dem Jakobsweg ausgelöst hat – „80 Leute kamen da plötzlich mit, zwei Jahre lang“, danach habe sich die Teilnehmerzahl wieder auf 20 bis 30 eingependelt.
Was Tibi Schneider antrieb? „Es war Rezession“, sagt er nachdenklich, während wir auf Feldwegen in den Morgen wandern. „Ich hatte mich gerade in Mönchweiler bei Weißer und Grießhaber beworben und gesagt, ‚wenn ich diesen Job bekomme, dann laufe ich mit‘.“ Seither läuft er. Jahr für Jahr. Jedes Mal mit einem Thema. „Einmal zum Beispiel ist die Frau eines Kollegen an Leukämie erkrankt.“ Ob er heute auch etwas mit auf den Berg nimmt? Er nickt. „Dankbarkeit.“ Wofür? „Für meine Frau, meine Familie, meine Kinder“, sagt er, „und ich habe sechs Enkel.“ Er strahlt. „Die meisten, die hier mitlaufen, haben so ihre Gründe“, stellt er noch fest.
Sein erster und letzter Pilgerweg
Der Morgen graut. Die Sonne kämpft sich durch die Wolken, als die Wallfahrer im Wald in Richtung Spaichingen laufen. Immer wieder gibt es an Kreuzen Impulse zum Glauben – etwa, dass Vertrauen besser sei als Kontrolle, oder Glaube Zuversicht bedeute. Nur bei einem Stopp bleibt man still. „In Erinnerung“ an Pilger Bernd. Es war vor drei Jahren, in Kubons zweitem oder drittem Jahr als Leiter der Fußwallfahrt, „als er plötzlich neben mir zusammenbrach“. Es war wohl das Herz. 63 Jahre jung, unterwegs mit den Villingern auf den Dreifaltigkeitsberg, weil er so etwas schon immer mal habe machen wollen. „Wir vermissen Dich unendlich“, schrieben seine Lieben auf die Tafel im Herbst 2023, die nun an der Gedenkstätte mit Sitzbank im Wald zwischen Schura und Spaichingen steht.
Ein paar Minuten lang herrscht Stille. Nicht schwer, gedankenvoll. Auffallend inhaltsschwer sind aber die Gespräche. Als böte der lange gemeinsame Weg nicht nur Anlass für Blasenpflaster, die hier und da geklebt werden, oder Sockenwechsel nach dem Marsch durchs allzu feuchte Gras, sondern auch für die wirklich wichtigen Themen im Leben. Klar: Pilgern heute ist nicht nur das Zurücklegen eines längeren Wegs zu einem religiösen Ort, sondern Auszeit, Entschleunigung, Selbstfindung.
Johanna ist „einfach gerne in der Natur“, aber sucht auch nach einer Lösung. „Ich muss gerade eine schwierige Entscheidung treffen.“ Das sei heute ihr Thema. „Eigentlich ist sie schon fast gefallen, ich will sie aber noch einmal überdenken.“
Zum Gipfel eine Schindertour
Eine kurze Rast bei Getränken im Spaichinger Edith-Stein-Haus. Kurz-Pilger stoßen dazu, auch Münsterpfarrer Thomas Mitzkus. Kraft tanken für die Schindertour zum Gipfel: Nur noch 1,4 Kilometer zur Kirche, aber 350 Höhenmeter und ein Kreuzweg mit 13 eindrücklichen Bildern. Ein Kraftakt mit fast 30 Kilometern in den Beinen. „Noch eine Serpentine.“ Selbst Kubon schnauft.
Oben warten gegen 10 Uhr der ehemalige Münsterdekan im Ruhestand Josef Fischer, weitere Pilger, die mit dem Bus kamen, und Kubons letzter Impuls. Ein Blick vor der wehenden Fußwallfahrt-Flagge hinab ins Tal und ein feierlicher Villinger Gottesdienst durch und durch mit gleich drei Geistlichen – Kubon, Mitzkus und Fischer.
„Oben ist man stolz“, hat Tibi Schneider gesagt. Stimmt. Und 30 Kilometer sind viel Zeit – für Gedanken, die längst nicht nur streng Gläubigen vorbehalten sind. Man kann sich auch einfach mal so auf den Weg machen, auf den Dreifaltigkeitsberg und in sich gehen.