Die über mehrere Jahre missbrauchte Enkelin des Villinger Angeklagten sowie ihre Mutter geben einen Einblick, weshalb die Taten über Jahre hinweg nicht aufgeklärt wurden. Am Ende der Aussagen brechen beim 68-Jährigen alle Dämme.
Mehr als 200 Mal hat sich der 68-jährige Angeklagte aus Villingen an seiner damals zehn- bis 14-jährigen Enkelin vergangen – vor dem Landgericht Konstanz legte er für die Taten zwischen 2013 und 2017 bereits ein umfassendes Geständnis ab. Auch die Enkelin seiner Lebensgefährtin ist demnach zuletzt vom bereits vorbestraften Sexualstraftäter mehrfach missbraucht worden.
Trotz des Geständnisses bleibt für Gericht und Beobachter weiterhin die Frage offen: Wie konnten die vielen Missbrauchsfälle so lange unentdeckt bleiben? Zwei Polizeibeamte machten dabei mit ihren Aussagen vor Gericht deutlich, dass die sexuellen Übergriffe des vierfachen Vaters und Großvaters von der Familie „totgeschwiegen“ wurden – offenbar um den Familienfrieden zu wahren. Drei Töchter sagten aus, sie hätten „nichts mitbekommen“. Trotz der Geständnisse glaube man nicht, dass ihr Vater den Opfern etwas angetan hat.
Und das, obwohl eine seiner Töchter wohl bei sämtlichen Missbrauchsfällen der Enkelin entweder im Bett daneben lag oder aus deren Zimmer geführt wurde, um sich dann an ihr zu vergehen. Kann das stimmen? „Wie ich es wahrgenommen habe, hat sie nichts mitbekommen – sie hat immer geschlafen“, erzählte das Opfer in der Videovernehmung, ergänzte später: „Aber ich glaube, dass sie es wusste.“
Immer, wenn die heute 22-Jährige bei dem Angeklagten und seiner Tochter schlief, sei es zum Missbrauch gekommen. Zudem habe er versucht, sie zu vergewaltigen – obwohl sie jedes Mal deutlich gemacht habe, dass sie das nicht wolle. „Das war ihm aber egal.“
„Es wusste jeder, dass er so ist“
Warum schlief sie trotzdem jedes Mal wieder in seiner Wohnung? „Wie soll ich denn sagen, dass ich nicht mehr dorthin will?“, machte sie bei der Vernehmung die damalige Bredouille deutlich. Ihre gleichaltrige Tante wollte sie aufgrund der Freundschaft weiterhin besuchen, ihrer Mutter wollte sie von den Taten nichts sagen. „Es wusste aber jeder, dass er so ist“, erklärte das Opfer.
Gleichzeitig habe sie sich von einer weiteren Tante unter Druck gesetzt gefühlt. Diese habe gesagt: „Mein Vater geht ins Gefängnis, wenn ihr etwas sagt!“ Unter Tränen erzählte die Enkelin des Angeklagten: „Er macht etwas so lange und nichts passiert. Kinder haben so etwas nicht verdient!“ Erst als sie sich ihrem damaligen Freund anvertraute und dieser sich an die Mutter wandte, sei der Missbrauch zur Sprache gekommen. Eine Aussage bei der Polizei machte sie demnach aber erst, als im vergangenen Jahr weitere Vorwürfe aufkamen.
Familiäres Spannungsfeld wird deutlich
Ihre 42-jährige Mutter und damit älteste Tochter des Angeklagten tritt am Donnerstag als Zeugin auf – berichtet sichtlich mitgenommen von den familiären Spannungen. Ihre Schwestern hätten die Verdachtsfälle („Immer wieder hat man Sachen mitbekommen“) aber als Unwahrheiten abgetan, bei einer möglichen Aussage ihrer Tochter habe sie deshalb keine Unterstützung erwartet. Gleichzeitig habe sie ihrem Vater „voll vertraut, er hat mich total geblendet“.
Sie habe ihre Tochter zur Rede gestellt, diese habe aber geleugnet, dass etwas passiert sei. Auch zur Polizei sei sie gegangen, dort hätte man ihr aber erläutert, dass eine Aussage notwendig sei. Sie habe sich gesagt, dass ja nichts vorgefallen sein könne, wenn sie immer wieder zu ihrem Großvater geht. Die 42-Jährige erklärt: „Ich mach mir genug Vorwürfe, weil ich selbst nichts gemerkt habe. Es wäre mir egal gewesen, wenn die Familie zerbricht, meine Kinder sind das Wichtigste!“
Tochter verweigert dem Vater die Vergebung
Noch im Gerichtssaal kommt es schließlich zum Bruch zwischen der 42-Jährigen und ihrem Vater. Der Angeklagte entschuldigt sich unter Tränen für die Taten und das missbrauchte Vertrauen, „vielleicht kannst du mir irgendwann verzeihen“. „Nein“, entgegnet die Tochter mit ebenfalls tränenerstickter Stimme. Dann verlässt sie den Saal – ohne ihren Vater eines Blickes zu würdigen.
Vor dem Landgericht Konstanz sollen noch weitere Missbrauchsfälle des Angeklagten zur Sprache kommen – zurückliegend bis ins Jahr 1986. Diese kamen erst im Zuge der aktuellen Ermittlungen ans Tageslicht.