Die Chiquas aus Julia Treichels Bloque, ein Professor im Vordergrund und Jonas, ein Mitfreiwilliger (dritter von rechts) bei der Entrada Universitaria in Boliviens Hauptstadt Sucre. Foto: Treichel Foto: Schwarzwälder-Bote

Julia Treichel nimmt an Entrada Universitaria teil / Drei Wochen lang Proben / Einmaliges Erlebnis

Von Julia Treichel

 

u In Sucre, der Hauptstadt Boliviens, fand vor einigen Wochen die Entrada Universitaria statt. Bei einer Entrada handelt es sich um Umzüge verschiedener traditioneller Tanzgruppen durch die Straßen der Stadt, stets verbunden mit ziemlich viel fiesta. Am wichtigsten in Sucre ist die Entrada zu Ehren der Virgen Guadalupe, welche stets im September stattfindet.

An dieser hatte ich bereits im vergangenen Jahr zusammen mit einer weiteren Freiwilligen Tinkuy getanzt. Acht Stunden am Stück motiviert durchzutanzen war doch recht anstrengend, aber auch ein super Erlebnis. Deshalb war ich sehr traurig, schon nach Deutschland zurückkehren zu müssen, wenn diese Entrada stattfindet und nicht ein weiteres Mal die Möglichkeit zu haben, daran teilzunehmen.

Doch nun ergab es sich wunderbarerweise, dass die Entrada Universitaria früher stattfand. An dieser nehmen nur Universitäten teil und sie ist etwas kleiner, aber nichtsdestotrotz eine Entrada.

Wieder entschlossen wir uns, Tinkuy zu tanzen und landeten so bei der Facultad de Economia, welche eine von zwei Universitäten war, die Tinkuy tanzte.

Tinkuy kommt aus dem Departamento Potosí und hat eine eigentlich eher düstere Geschichte. Um für gute Ernte zu bitten, war es einst wohl üblich, ein Blutopfer darzubringen. Zwei Dörfer in der Nähe Potosis – so erzählt man sich – veranstalteten daraufhin Kämpfe, bei denen Gegner aus beiden Orten gegeneinander antraten bis einer starb und somit der Blutzoll bezahlt war.

Bis heute findet in Potosi einmal im Jahr ein "Fest" statt, bei der sich zwei Gruppen bekämpfen, bis mindestens ein Mensch stirbt.

Aus dieser Tradition jedenfalls entwickelte sich der Tinkuy, ein wirklich wunderbarer, starker, beweglicher und (leichte Ironie) sehr lebensfroher Tanz, bei dem man viel schreit, stampft, hüpft und sich in farbenfrohe Trachten kleidet, sowie mit wild gemusterten Schals, Federn und bunten Amuletten schmückt.

Neben dem Grundschritt, gibt es acht pasos (Schritte, die bei jeder Gruppe variieren. So lernten wir in diesem Jahr zum Beispiel andere Schritte als bei der letzten Entrada.

Etwa drei Wochen vor der eigentlichen Veranstaltung begannen wir zu proben – fast jeden Abend auf dem Gelände der Fakultät. Das Tolle an dieser Entrada: dass nur Studenten (sowie Professoren) tanzten und somit fast alle Leute in unserem Alter waren, was eine gute Gruppendynamik erbrachte.

Dann stand die Generalprobe an und drei Tage später war es dann schließlich soweit: Gegen 15 Uhr begannen wir und gegen 21 Uhr erreichten wir die Plaza – völlig fertig, aber gleichzeitig auch überglücklich.

Bolivien hat tausend verschiedene traditionelle Tänze und das Tolle ist, dass einfach fast alle Leute hier auch super tanzen können. Diese Leidenschaft werde ich in Deutschland wohl sehr vermissen.

Allerdings sagt man hier, wenn man einmal bei einer Entrada mitgetanzt hat, muss man dies noch zwei weitere Male tun – ich bin also schon allein wegen des Tinkuytanzens verpflichtet, irgendwann, wenn ich wieder zuhause bin, zurück nach Bolivien zu kommen.