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Villingen-Schwenningen Schade, wenn’s nur Altpapier wäre

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Liebt die Literatur: Martin Roßknecht, Architekt und Flohmarkt-Buchhändler, kürzlich zum ersten Mal auf einem Flohmarkt in Villingen-Schwenningen. Foto: Trenkle Foto: Schwarzwälder Bote

Erstes Drittel im Monat Juni – die Flohmärkte der Doppelstadt blühen wieder auf. Zwischen Klamotten, alten Werkzeugen, Hansi Hinterseer-CDs und Kaffeemaschinen von einst findet sich ein Stand mit Aufschriften wie "Politik", "Literatur" oder auch "Philosophie". Martin Roßknecht heißt sein Betreiber.

Villingen-Schwenningen. In seinen rund 35 Bücherkisten, aufgestellt auf massiven Holzböcken, sind kaum "billige" Groschenromane zu finden, und doch kosten die Bücher kaum etwas: Schon für ein, zwei Euro findet der geneigte Leser beim ebenso geneigten Blick auf die Buchdeckel eine ansehnliche Auswahl deutschsprachiger Werke, welche bei ihrem Erscheinen nicht selten große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Was einst in "er-lesenen" Privatbibliotheken Regale bis Wände füllte, und seinen Besitzer vielleicht einen beträchtlichen Anteil der Lebenszeit intensiv beschäftigte, wird bei Auflösung in der Tendenz zumindest als "Hardware" nicht selten plötzlich wertlos.

Von Beruf ist der am Bodensee und in Berlin lebende Standbetreiber eigentlich Architekt. Kurz nach dem Mauerfall übersiedelte der Süddeutsche ins damals besonders innovative Berlin. Nach jahrelanger Arbeit interessierte ihn die Architektur zwar weiterhin, weniger aber das Architekten-Dasein. Nicht als Beruf, wohl aber als Berufung zog ihn nun der Trödel und mit ihm ganz besonders mehr und mehr die Literatur an. Dazwischen war noch eine tatsächlich professionelle Phase der Aufführung des Argentinischen Tanzes eingeflochten.

"Den Verkauf der Bücher sehe ich als einen wichtigen Beitrag zum Recycling", erzählt der lebensfrohe 61-Jährige mit Strohhut und Sonnenbrille unserer Zeitung. "Es wäre schade, wenn all die schönen Bände nur Altpapier würden." Einen ähnlichen Wiederverwendungsauftrag sieht er im Gespräch durchaus auch für all die anderen Stände jenes Flohmarkts, zu dem er immerhin rund 80 Kilometer angereist ist. Lohnt sich die Fahrt? Roßknecht ist ehrlich: Auf einen Stundenlohn umrechnen sollte man die Einnahmen über den Tag hinweg lieber nicht. Dabei ist das Wetter schön. Ganz anders mit freifallender Tendenz nach unten wäre der Lohn bei aufziehendem regnerischem Wetter. Roßknecht weiß noch um eine zweite, für sich fast wichtigere Entlohnung, die er auch auf jenem Flohmarkt erhält, den er heute zum ersten Mal besucht: Er kommt gerne mit seinen Standnachbarn und Kunden ins Gespräch. So auch mit den Villingern und Schwenningern, die sich an seinem Stand unter dem riesigen Sonnenschirm umschauen.

Da wird über Romane gesprochen, der Schreibstil eines Autors analysiert oder über das die Jahre hinweg ändernde Design eines Verlages philosophiert. Gerne gibt der Akademiker auch Tipps zum Kauf eines Buches.

Nicht selten nennt er zum eigenen Nachteil ein Buch im passenden Genre, dessen Aufkleber im Vergleich zu anderen einen eher niedrigen Preis verheißt. Macht nichts: Hauptsache die Kunden sind zufrieden und haben mit den Büchern ein paar schöne, interessante, unterhaltsame, vielleicht auch – zumindest im Bereich der Philosophie – infrage stellende Stunden.

Ein Thema lässt Martin Roßknecht allerdings aktuell nicht ruhig bleiben: Flohmärkte am Sonntag. "Das ist mir ein großes Anliegen und dafür schreibe ich vielleicht sogar in Baden-Württemberg mal dem Ministerpräsidenten Kretschmann." Der buchverkaufende, vom lateinamerikanischen Tanz begeisterte Architekt sieht drei Käufergruppen: Es gebe den Schnäppchenjäger, der niemals im Einzelhandel etwas kaufe, sondern auf das Angebot bei Aldi, Lidl oder eben auf dem Flohmarkt warte. Den Sammler, der durchaus auch mal für Antiquitäten viel Geld ausgebe, werde zum Verdruss vieler Antik-Händler immer seltener. Und den Kultur-Kunden, der sich für Geschichte, Kunst oder eben gute Literatur interessiere.

Alle drei Gruppen brächten dem Einzelhandel in den Städten allerdings keinen nennenswerten Umsatz und nähmen ihm deshalb am Sonntag auch keinen weg. Dies betont Roßknecht, da er immer wieder massiven Widerstand von Ladenbesitzern gegen die Idee des Sonntags-Flohmarktes erfährt. "Ich glaube weniger, dass die Kirche dahinter steckt. Oft sitzen Einzelhändler in den Gemeinderäten. Nach meiner Meinung schaden die sich eher selbst – und natürlich dem Recyclinggedanken." In Schweden seien Sonntagsflohmärkte beispielsweise völlig normal.

Widerstand gegen Sonntagsflohmarkt in VS?

Ob es in Villingen-Schwenningen Widerstand gegen einen Sonntagsmarkt gäbe, weiß Martin Roßknecht nicht – er hat seinen Radius vom Standort Bodensee gegen Westen etwas erweitert und hier zum ersten Mal seinen Stand aufgebaut. Irgendwann wird er in diesem Jahr auch einmal wiederkommen. Beim Büchermarkt in Konstanz will er sich jedenfalls als ehrenamtlicher Helfer fest anbieten und dort fragen, ob der gut besuchte Markt nicht sogar viermal im Jahr stattfinden könnte.

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