Historie: Bürgermeister Karl Wittum scheidet ohne Pensionszusage aus
VS-Villingen. Kubon geht und Roth kommt – und keiner von beiden wird um seine Pension bangen müssen. Doch das war in Villingen nicht immer so. Denn vor 150 Jahren schied der Rechtsanwalt und Bürgermeister Karl Wittum ohne Pensionszusage aus dem Amt. Und das, obwohl er gleich 21 Jahre im Amt war und das von 1835 bis 1847 und noch einmal von 1859 bis 1868. Es war jene Zeit der 48-er Revolution, während der die Gegensätze zwischen dem liberalen Bürgertum und der konservativen Hof- und Beamtenpartei und deren Streben nach nationaler Einheit und staatsbürgerlichen Freiheiten tobten.
Johann Baptist Stern kam ins Amt, weil zuvor Carl Wittum eine Pensions-Berechtigung forderte, falls man erwarte, dass er neuerlich kandidiere. Der Gemeinderat stimmte für ein solches Begehr, doch der große Bürgerausschuss war gegen Wittums Wunsch. Als nach kurzer "Stern-Regierung" der Lehrer Johann Schleicher "provisorischer Bürgermeister" wurde, galt mit der neuen badischen Verfassung wie für seinen Vorgänger: politische Macht bleibt in Händen einer engherzigen Bürokratie, und das war vor Ort stets der badische Oberamtmann. So wurden die 1940er Jahre eher schlechte Jahre: viele Gant-Anzeigen machten dies deutlich, was später dem Konkurs entsprach. Daran konnte auch ein Bürgermeister Hubbauer nichts ändern, der zuvor als Bezirksförster für die Einnahmequelle "Wald" zuständig war. Und so folgte 1859 erneut Carl Wittum: Nachfahre eines Sigismund im 16. Jahrhundert, Gelehrter an der Uni Freiburg, und dessen Brüdern Adrian und Konstantin, die nach der Tallardschen Belagerung 1704 für die Sanierung des Franziskanerklosters sorgten.
Wittum ließ nach 1859 die bisherigen Stadtbäche kanalisieren und die äußere Stadtmauer im Akkord abbauen. Doch blieb eine Untat Wittums umstritten: der Verkauf des Aniversarien-Buchs der Franziskaner über die sogenannte Münster-Stiftungs-Kommission. Wittums politisches Ende zeichnete sich dann aber zum 1868-er Jubiläum "50 Jahre badische Verfassung" ab. Auf die Jubiläums-Feier auf der Wannenhöhe mit Böllersalven, Glockengeläut und einem Fackelzug zum abendlichen Bankett ins "Paradies", wo die beiden Villinger Ärzte Walz und Martin die Festreden hielten, folgte wenig später ein Silvester-Knaller. Wittums Amtsperiode war im Oktober 1868 abgelaufen, worauf ihm der Silvesterabend 1868/69 wohl lange in Erinnerung blieb. Statt ihn im Ruhestand pensionsberechtigt zu stellen, gaben ihm zu Ehren mehrere wohlgesonnene Bürger ein Bankett im "Löwen". Doch einzig ein Ehrenbecher wurde zum materiellen Zeichen für 21 Jahre, die Wittum der Stadtverwaltung gedient und geopfert hatte. Schon Wochen zuvor war der Mitinhaber der hiesigen Wollfabrik Julius Schupp ohne wirklichen Wahlkampf am 28. November 1868 zum Nachfolger gewählt und vom Bezirksamt in seinem Amt verpflichtet worden.
Zum "déja vu" kam es 1920 als auch Schupps Tochter mit einem Gesuch an den Gemeinderat vorstellig wurde: ..auch ihr Vater habe nach Amtsende keine Pension erhalten, obwohl er die Brigach-Korrektur, die Forstverwaltung und die Gründung der Altertümer-Sammlung mitgetragen und voran gebracht habe. Jetzt sei sie in ihrer Invalidität ohne genügende Mittel". Das nun konnte Schupp zu Amtszeiten bis 1883 nicht ahnen, als er und die weiteren Kandidaten Osiander und Schleicher bei der neuerlichen Wahl dem Stadtrechner Günter unterlagen. Doch Günter schmiss kurz darauf hin, worauf es im selben Monat Mai zur Stichwahl kam: 130 Stimmen für Schupp und 340 für den 1. Feuerwehr-Hauptmann Heinrich Osiander.