In rund eineinhalb Jahren Bauzeit konstruierte Dietmar Kempf das Modell des Niederen Tores mitsamt Anlagen. Foto: Klausner Foto: Schwarzwälder-Bote

Dietmar Kempf trägt Fakten und Pläne zusammen und gestaltet ein besonderes Modell / Detailarbeit verblüfft

Von Uwe Klausner

VS-Villingen. Für Dietmar Kempf ist jedes Modell eine Herausforderung. Doch das Niedere Tor, das es seit 1847 nicht mehr gibt, zu rekonstruieren, war etwas ganz Besonderes für den Villinger. Jetzt hat er die komplette Anlage mit Wällen und Gräben fertiggestellt.Die Zähringerstadt Villingen verfügte über eine vollständige Stadtmauer mit vier Toren (siehe Chronik). 1847 erhielt das historische Ensemble im südlichen Teil mit dem Abriss des Niederen Tors eine Lücke. Wie das Gebäude aussah, wussten immer weniger Bürger. Vor gut 25 Jahren wurde in Zusammenhang mit dem Neubau der Commerzbank an der Niederen Straße über einen Aufbau des Tores diskutiert, gleichwohl wieder verworfen. Neuere Bestrebungen gibt es nicht.

Doch nicht nur Touristen, auch Einheimische fragen sich immer wieder, wie wohl das fehlende vierte Villinger Stadttor ausgesehen haben mag. Eine Antwort gibt nun der Modellbauer Dietmar Kempf, der bereits die Lorettokapelle, das Alte Rathaus, das Alte Kaufhaus, die Altstadtkirche und das Gutleuthaus, also zahlreiche Villinger Gebäude en miniature, hergestellt hat.

Mit Respekt macht sich Dietmar Kempf an das Thema "Niederes Tor" heran. Warum? "Ich dachte, es gibt wenig Unterlagen." Beim genaueren Hinsehen und der tieferen Recherche ergibt sich indes ein anderes Bild. "Ich habe meine Meinung geändert. Ich fand doch eine Menge Unterlagen. Sie waren nur verstreut", erzählt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten und berichtet von einer umfangreichen Recherche beispielsweise beim Landesdenkmalamt, bei Revellio, bei Rodenwaldt nach Schriften, Bildern und weiteren Details. "Man muss sich durchkämpfen, sonst kommt kein Modell zustande", zeigt er auf.

Schließlich trägt er reichlich Material zusammen, um im Hebst 2011 erste Skizzen und Pläne sowie eine geschichtliche Abfolge anfertigen zu können. Im Februar 2012 kann er sich zufrieden über seinen endgültigen Plan beugen. Schließlich entsteht in eineinhalb Jahren das Modell und eine umfangreiche Dokumentation über sein Objekt.

Eine Hilfe bei der Rekonstruktion des Niederen Tors sei ihm beispielsweise ein Stadtplan aus der Vogelperspektive von 1685 gewesen. Kempf schaut genau hin, nimmt Details auf, die er in Klein- und Feinarbeit in sein Gesamtwerk einbaut. Stolz zeigt er beispielsweise eine Schwingrutenbrücke, die sich "butterweich" bewegen lässt. Oder seine Figuren, die er sogar mit einer Pinzette bearbeitet. Eine Bürgergruppe links vom Niederen Tor am Haus von Josef Link steht vor gespaltenem Holz. Auf der anderen Seite des Tors befindet sich das Haus mitsamt Scheuer von Matthäus Hummel, Mitbegründer der Universität Freiburg und deren erster Rektor. Auch dort davor hat Kempf einzelne Bürger platziert.

Seine Detailarbeit verblüfft noch an anderer Stelle: bei der Dachkonstruktion des Tors, die er wie eine Zimmermannsarbeit, freilich in Kleinformat, anfertigte. Überdies zeigt er die Zugänge zur Arrestzelle im Turm. Kempf arbeitet vorwiegend mit Holz und wenigen anderen Materialien.

Und so entstehen neben dem Tor auch die Wehranlage, der vorgelagerte Erker, der innere und der äußere Graben und der Übergang in die Felder der Gewanne Schützenwiesen, Lantwatten, Niedere Angel, Linden, Kreuzwasen und Niederwiesen. Zufrieden schaut Dietmar Kempf auf sein besonderes Modell einer Anlage und eines Tores, das es in Villingen seit vielen Jahren nicht mehr gibt.

Befestigungsanlagen am Niederen Tor in Villingen

u Neubau der Stadt westlich der Brigach ab 1199

u Baubeginn: Innere Stadtmauer und Graben etwa 1200

u Tortürme (Bicken-, Oberes-, Niederes- und Riettor) 1230 bis 1260

u Äußerer Mauerring mit Fülle und äußerem Graben ab Mitte des 15. Jahrhunderts

u Niederer Tor-Erker 1721

u Abbruch von Gebäuden am Niederen Tor: Äußere Mauer und Fülle, Verfüllung des Grabens ab 1825, Niederer Tor-Erker 1844 und Niederes Tor 1847. Der Grund hierfür war unter anderem anscheinend in der maroden Bausubstanz und den daraus resultierenden Reparatur- und Unterhaltungskosten zu suchen. Außerdem war das Gebäude südlich des Tores von der damaligen Kreisbauinspektion für eine verbesserte und erweiterte Anbindung der Niederen Straße nach Donaueschingen orgesehen.

Überdies war auf dem Areal der Neubau eines Bezirksstrafgerichtsgebäudes mit Gefangenenhof und Amtsgärten vorgesehen.

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