Jan Kizilhan aus VS hat Friedensnobelpreisträgerin betreut, nachdem sie aus Gewalt von Terroristen befreit worden war.
Villingen-Schwenningen - Bei Jan Kizilhan, dem Diplom-Psychologen und Leiter des Studiengangs Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen, steht am Freitagmorgen das Telefon nicht mehr still. Er ist es, der die frisch gekürte Friedensnobelpreis-Gewinnerin Nadia Murad 2015 nach Deutschland gebracht hat. Interviewanfragen aus aller Welt erreichen den Psychologen, der spezialisiert ist auf Transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie. Fernsehkameras sind nun auf ihn gerichtet.
Und doch erinnert er sich, mitten im Scheinwerferlicht, noch ganz genau, wie er sie zum ersten Mal sah: "Ich habe sie 2015 in einem Zelt vorgefunden", 16, vielleicht 17 Jahre alt, "völlig verstört" und nicht in der Lage zu begreifen, was ihr widerfahren war. Ein Großteil ihrer Familie war bei einem Überfall auf ihr Heimatdorf Kocho ermordet worden, die Jesidin selbst wurde versklavt, mehrfach verkauft und vergewaltigt. Ein Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).
Kizilhan untersuchte die junge Frau und beschloss schließlich, sie im Rahmen eines baden-württembergischen Sonderkontingents für schutzbedürftige Frauen aus dem Irak und aus Syrien nach Konstanz zu holen. Die Frau, die er in den nächsten Wochen und Monaten immer besser kennenlernen sollte, sei trotz aller Peinigungen, die sie ertragen musste, eine sehr starke Persönlichkeit. Eine Botschafterin. Als sie 2016 vor den Vereinten Nationen (UN) in New York eine Rede halten durfte, in der sie ihre Geschichte erzählte und stellvertretend für die vielen Frauen und Kinder sprach, die ihr Schicksal teilen, "da gab es keinen, der nicht geweint hatte". Nadia Murad wurde UN-Sonderbotschafterin. Sie spricht mit starker Stimme, hat einen Auftrag, eine Mission. Sie ist Menschenrechtsaktivistin und trägt mit den Schilderungen des selbst Erlebten, dem Martyrium ihrer Familie und Freunde, zur Aufklärung bei.
Kocho, das Dorf im Nordirak, aus dem die heutige Nobelpreisträgerin stammt, tauchte immer wieder in Schilderungen Kizilhans bei Vorträgen über seine Arbeit auf. 2016 erzählte er in Königsfeld (Schwarzwald-Baar-Kreis) beispielsweise von 413 jesidischen Männern, die sich geweigert hatten, zum sunnitischen Islam zu konvertieren. Sie mussten gruppenweise auf ein Feld rennen, Terroristen trieben sie den Schilderungen zufolge mit Maschinengewehren vor sich her – und drückten ab. Neun davon überlebten und berichteten Kizilhan von ihrem Martyrium. Frauen und Kinder des Dorfes wurden versklavt, verkauft, oft auch vergewaltigt.
Als Kizilhan ein Bild zeigte von einer Frau, die sich mit Benzin übergoss und anzündete, um sich selbst zu entstellen, weil sie "nicht mehr attraktiv für Vergewaltigungen" sein wollte, stockte den Zuhörern der Atem. Manche weinten still.
Im Rahmen des baden-württembergischen Sonderprogramms wählte Kizilhan später einige von ihnen aus und brachte sie nach Deutschland, um ihre Traumata aufzuarbeiten – so wie Nadia Murad.
Immer wieder mahnt Kizilhan die junge Frau vor dem Hintergrund des selbst schmerzlich Erlebten, sich nicht zu viel zuzumuten, achtsam mit sich selbst umzugehen, mit ihren Kräften hauszuhalten. Und jetzt "will die ganze Welt sie sehen", erzählt Kizilhan am Freitagmorgen im Gespräch mit unserer Zeitung. Doch er konnte sie selbst noch nicht einmal sprechen – "sie ist gerade in den USA und stellt ihr Buch vor, ich komme nicht durch", sagt er und lacht leise. Ob der einst so gepeinigten jungen Frau, die den Genozid an den Jesiden 2014 überlebt, aber tiefe, vor allem seelische Wunden davongetragen hat, der Medienrummel nun zuzutrauen ist? "Natürlich ist sie stark genug, sonst wäre sie nicht aufgestanden", meint Kizilhan.
Sie erhebt ihre Stimme für alle Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden
Nadia Murad sei "die Stimme eines unterdrückten Volkes". Und er weiß um die Bedeutung, die der Friedensnobelpreis nun für die heute 25-jährige Jesidin hat. Zum zweiten Mal sei Murad dem Nobelkomittee bereits für den Preis vorgeschlagen worden – und er selbst habe eigentlich im vergangenen Jahr, als der IS-Terror in den Medien noch viel präsenter gewesen sei, mit der Vergabe an Nadia Murad gerechnet. Ihn nun erreicht zu haben, sei für die junge Frau in zweifacher Hinsicht extrem wichtig: Erstmals in der Geschichte erhalte eine Jesidin den Preis, und der Fokus werde damit auf die Geschichte einer Minderheit, der Kurden im Irak, gelenkt. Und: Die Friedensnobelpreisträgerin 2018 erhebt ihre Stimme für alle Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden.
Ihre Botschaft trägt sie in den nächsten Wochen und Monaten, viel mehr als bislang, in die Welt hinaus. Viele Reisen, eine enorme Medienaufmerksamkeit und viele repräsentative Aufgaben liegen nun vor ihr, weiß der Professor. Als derjenige, der Nadia Murad 2015 aus dem Irak holte, hat er selbst Anteil an diesem herausragenden Preis. Eine riesige Freude schwingt in seiner Stimme mit: "Das ist eine unglaubliche Geschichte", sagt er überschwänglich.
Doch dieses Glücksgefühl auszuleben, das muss er sich für später aufheben. Im Hintergrund klingelt schon wieder das Telefon. "Ich muss auflegen, ich habe gleich eine Liveschaltung mit dem Fernsehen", sagt er schon beinahe entschuldigend und erzählt Nadia Murads Geschichte, wieder und wieder von Neuem an diesem Tag.